Die Mottenwirtschaft

Prinzip Nachbarschaftshilfe: Frank hilft Cordula beim Aufhängen ihres Badezimmerschranks.
 
Fast fertig: Das Schränkchen hat Cordula gebraucht für zehn Euro erstanden. Auch beim Aufhängen spart sie Geld.

Der Tauschring Hamburg blüht und gedeiht.

Von Christopher von Savigny.
Frank kann Löcher in die Wand bohren und mit Werkzeug umgehen. Cordula kocht gerne und bietet Massagen nach der Reiki-Methode an. Umgekehrt hält sich Frank für eine absolute Niete am Herd, und Cordula würde es nie und nimmer schaffen, ihren neuen Badezimmerschrank alleine aufzuhängen. Also tun sie sich zusammen: Frank werkelt für sie, Cordula bringt ihm das Kochen bei und massiert seine kaputte Schulter. Einer hilft dem anderen – ohne dass dafür Geld den Besitzer wechselt.
Möglich macht diese Art der Nachbarschaftshilfe der Tauschring Hamburg, der vor zwei Jahren aus den Tauschringen Eimsbüttel, Winterhude und Ottensen hervorgegangen ist. 368 Mitglieder zählt der Verein derzeit, zwei Drittel davon Frauen, ein Drittel Männer. Die Mehrheit ist zwischen 30 und 50 Jahre alt. Nach Jahren des Stillstands ist das Tauschgeschäft derzeit wieder sehr im Kommen. „Wir wollen versuchen, jetzt auch mehr jüngere Leute zum Mitmachen zu bewegen“, sagt Antje Schmidt aus dem Organisationsteam.
Besonders kompliziert ist das Tauschen nicht: Mitglieder informieren sich in der vierteljährlich erscheinenden Vereinszeitung, die auch im Netz zu finden ist, über Gesuche und Angebote. Bei Interesse wird ein Termin vereinbart. Die entsprechende Leistung wird auf einem persönlichen Konto gutgeschrieben: 30 Minuten Arbeitszeit entsprechen dabei genau 30 „Motten“ – egal, ob es sich um Bügeln, Socken stopfen, Fahrradreparatur oder Umzugshilfe handelt. Der Name der Währung ist eine Reminiszenz an den früheren Namen Ottensens, das einst „Mottenburg“ genannt wurde. Weil die Mitglieder ihre „Motten“ mit der Zeit liebgewonnen hatten, blieb es bei der Bezeichnung – auch nach der Fusion zum Tauschring Hamburg.
Getauscht wird im Grunde alles, was geht. Das beweist ein Blick in die Vereinspostille, den „Mottenmarkt“: Marco verlegt Leitungen, installiert Lichtschalter und schließt Lampen an, Angela hilft bei der Gartenarbeit. Karin tapeziert und renoviert gerne, Kerstin verleiht ihr Auto und unterstützt beim Flohmarktverkauf. Fotograf Andreas setzt seine Kunden beim „Beauty-Shooting“ ins rechte Licht, Marlies verfasst „Texte mit Humor“, Sabine unterrichtet Japanisch. Stella bringt Raucher dazu, die Finger für immer vom Glimmstengel zu lassen („Endlich Nichtraucher!“), Birgit erteilt Ratschläge bei persönlichen Problemen und hilft, einen „Lebensplan“ zu erstellen.
Besonders viel Spaß machen Angebote wie diese: „Gehe mit dir auf Single-Partys und spreche für dich Männer an.“ Oder: „Denke mir mit dir Streiche aus und helfe bei der Durchführung.“ Mitglied Anna Gawrilow hat die ungewöhnlichen Inserate verfasst: „Ich finde den Tauschring großartig, weil auch Leute mitmachen können, die wenig Geld haben“, sagt sie. Ihr bevorzugter Racheplan funktioniert am besten bei Leuten, die einen Kokosteppich haben: „Großzügig Kressesamen darauf verteilen und anschließend bewässern“, sagt sie. „Wirkt sicher und zuverlässlich!“
Ganz ohne „echte“ Währung geht es allerdings auch beim Tauschring nicht ab: Die Aufnahmegebühr kostet fünf Euro, anschließend wird eine jährlicher Beitrag in Höhe von sechs Euro fällig – für Verwaltungszwecke und um Missbrauch zu vermeiden. „Es gab schon Leute, die haben sich ihren Umzug machen lassen und sind dann wieder ausgetreten“, berichtet Orga-Mitglied Schmidt. Seither muss jeder Neuling zunächst eine Leistung erbringen, bevor er etwas in Anspruch nehmen darf. Generell sind negative Kontostände keineswegs verpönt – im Gegenteil: Wenn keiner in den „Dispo“ geht, kann auch niemand ein Plus haben. Nur so können Motten den Besitzer wechseln, und der Tauschring darf blühen und gedeihen.
Der erste deutsche Tauschring wurde 1993 in Bergisch Gladbach gegründet, bundesweit existieren heute rund 300 Vereinigungen, die über eine spezielle Verrechnungsstelle auch untereinander tauschen können. Die Zahl der Tauschringe weltweit wird mittlerweile sogar auf 3.500 geschätzt.
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