Die gute Seele des Phoenix-Viertels

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Edgar Grimm in seiner Werkstatt. Foto: Andreas Tsilis

Ruhestand? Fehlanzeige! Edgar Grimm ist 80 und Schuhmacher

Von Andreas Tsilis. Wie häufig der Schuhmacher aus dem Phoenix-Viertel diesen Satz schon gesagt hat, weiß niemand mehr. „Gestatten, Grimm, wie Grimms Märchen“, stellt sich der 80-Jährige vor. Viele Worte braucht er ansonsten nicht, er greift lieber zu Hammer und Nagel: Ein paar Schuhe sind noch zu besohlen. „Der Besitzer kommt in einer Stunde“, sagt Grimm.
Sein Handwerk ist offenbar gefragt, aber Grimm schränkt ein: „Wir Schuhmacher sind eine aussterbende Zunft, die Leute wollen lieber billig und neu oder umsonst.“ Der Schuhmacher holt tief Luft. Es gäbe Leute, sagt er, die nicht reparierte Schuhe reklamierten, um eine Nachbesserung für lau durchzusetzen. Doch die sind bei ihm an der falschen Adresse. „Ich habe ein gutes Gedächtnis“, und zum Beweis erzählt Grimm von all den Pappenheimern, die ihn auf verschiedenste Art betuppen wollten. Aufregen tut er sich darüber schon lange nicht mehr.
Aus Schweinsblasen macht er Lederfußbälle
Grimm geht zu einem altem Schrank und kommt mit einer Schweinsblase zurück, dem zukünftigen Innenleben eines Fußballs, den er daraus herstellen will. Das runde Leder ging früher weg wie warme Semmeln. Schulen, Vereine, Sportgeschäfte und Familienväter, alle ließen ihre Bälle bei ihm aufmöbeln. 150 Stück pro Woche verkaufte er, was ein lukratives Nebengeschäft war. Der behördliche Sparzwang und das Aufkommen billigen Kunststoffs machten der Sache den Garaus.
Heute liegen ein paar übriggebliebene Exemplare im Regal, anstatt auf dem benachbarten Bolzplatz an der Eddelbüttelstraße aufs Tor geballert zu werden. Dafür 9,75 Euro auszugeben, das ist für viele im Viertel nicht drin.
Weitere stumme Zeugen aus besseren Tagen sind ein Dutzend nicht abgeholter Schuhe, Koffer oder Ledertaschen. Früher verschenkte Grimm manches vergessene Stück an Bedürftige. Das Ende vom Lied war, dass die Leute kaputte Sachen mitbrachten, um sie umsonst reparieren zu lassen. Der tägliche Überlebenskampf im Viertel reicht bis in Grimms Laden.
Ans Aufhören denkt der 80-Jährige noch nicht. Morgen wird er wieder ein gebrauchtes Fahrrad ersteigern, aufmöbeln und für 20 Euro verkaufen. Irgendjemand wird es schon gebrauchen
können.
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