„Die Christengemeinschaft“ in Harburg

Kolumne: Dem Harburger Flaneur fällt einiges auf …

Vom Harburger Flaneur. Seit eh und je hat das kirchliche Leben seltsame Blüten getrieben. Mit seinem Völkergemisch und seiner Armut bietet Harburg für solche Blüten fruchtbaren Boden. Nicht weit von der Wohnung des Flaneurs, in der Heimfelderstraße 67, befindet sich die Christengemeinschaft, wahrlich eine sehr seltsame Blüte! Um seinen Lesern davon berichten zu können, hat unser Flaneur den sonntäglichen Gottesdienst sowie einige öffentliche Gemeindeveranstaltungen dort über Wochen besucht.
Es ist eine fremde Welt, in die er eingetaucht ist. Es ist nicht leicht, ihr gerecht zu werden.
Zum Beispiel heißt der Sonntagsgottesdienst nicht bloß „Gottesdienst“ sondern – wappnen Sie sich liebe Leser! – „Menschenweihehandlung“. Der Name selber sagt es: Dies ist keine Kirche für einfache, unbedarfte Menschen. Und in der Tat besteht die Sonntagsgemeinde, insoweit unser Flaneur es beurteilen kann, aus Mitgliedern dessen, was man früher das Bildungsbürgertum nannte. Das Villa in Hausnummer 67 gehört der Christengemeinschaft. Sie muss einen Haufen Geld gekostet haben.
Die Sprache der Handlung ist mehr als anspruchsvoll. Geschrieben hat diese Texte der große Weise, Rudolf Steiner, und wer in der Waldorfschule, in der Zeitschrift „Info3“ oder sogar in Steiners eigenen Vorträgen Bekanntschaft mit seinem Sprachstil gemacht hat, wird ihn hier wiedererkennen. Der Flaneur ist ein Verehrer Steiners und ein mäßig kompetenter Kenner seiner Schriften. Das Verschnörkelte dabei kann er nur mit dem unausrottbaren deutschen Bedürfnis erklären, alles, was einfach ist, so kompliziert wie möglich zu machen.
Dazu kommt etwas anderes. Während dieser Menschenweihehandlung redet die Priesterin (die Harburger Gemeindepfarrerin ist die überaus sympathische Martina Alexi) ununterbrochen! Unser Flaneur sehnte sich nach den Quäker-Meetings seiner englischen Heimat, wo gar nicht gesprochen wurde! Aber dieser verbale Maschinengewehrbeschuss schien die anwesenden Gemeindemitglieder nicht im geringsten zu stören. Er erfuhr, dass sie mit dem Wortschwall etwas Kraftspendendes und Tröstendes verbinden konnten. Das muss er selbstverständlich gelten lassen. Eine Kirche kann so schräg wie möglich sein, wenn sie dabei die spirituellen Bedürfnisse ihrer Mitglieder befriedigt und sonst friedlich daherkommt, hat sie ihren Job getan.
Das Urteil eines Flaneurs ist dann vollkommene Nebensache.
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1 Kommentar
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Dorothea Pfaff-Bäuerle aus Altona | 12.02.2015 | 21:35  
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