Die Bürgerbewegung der Hilfsbereiten

Kamen in ihren Ferien eigens aus Tornesch, um sich zu engagieren: Die Freundinnen Janne, Gesa und Charlotte (v.l.). Fotos: Maren Langenbach
 
Gehört von Anfang an zum Team der 15 festen ehrenamtlichen Helfer: Simone Herrmann. Fotos: Maren Langenbach
 
Sie haben sich gerade erst kennen gelernt und wirken schon wie Freunde: Lena, Rouven, Daniel und Bela (v.l.), die die bereits sortierten Kisten im Computer katalogisieren.

So läuft die Flüchtlingshilfe in den Messehallen

Von Maren Langenbach und Carsten Vitt. Am Anfang waren sie zu viert. Vier ehrenamtliche Helfer, die Kleiderspenden für Flüchtlinge in der Messehalle sortierten. Gerade mal fünf Regale füllten die Textilien. „Dann kamen zwei Laster, bis oben mit Kleidung gefüllt – und es ging Schlag auf Schlag“, erzählt Simone Herrmann. Mittlerweile packen täglich Hunderte Helfer mit an in der Kleiderkammer in der 8.000 Quadratmeter großen Halle B7. An einem Dutzend Tischen werden T-Shirts, Hosen, Pullover, Jacken, Kinderkleidung und Spielzeug sortiert. Kartons stapeln sich meterhoch. In langen Reihen stehen fertig gepackte Paletten zum Ausliefern bereit.
„Das ist ein Job, der süchtig macht“, sagt Simone Herrmann lächelnd. Seit vor vier Wochen die ersten Flüchtlinge aus Ländern wie Syrien, Afghanistan oder dem Kosovo in der benachbarten Messehalle B6 ein Zuhause auf Zeit gefunden haben, ist die Hamburgerin dabei. „Es ist eine schöne Arbeit, erfüllend, weil man helfen kann. Zwar habe ich am Anfang nicht damit gerechnet, dass ich so viel hier sein werde, aber nun ist es so – und das ist auch gut.“ Rund 18 Stunden ist sie täglich dabei, wie viele ihrer Mitstreiter auch. Von neun bis 21 Uhr ist die Kleiderkammer geöffnet.
Es ist später Nachmittag an einem Werktag, immer mehr Freiwillige kommen vorbei und wollen helfen. Jeder schreibt seinen Vornamen auf ein Stück Kreppband und heftet es sich an die Brust. Los geht’s. Im vorderen Bereich der Halle ordnen Helfer an langen Tischreihen die grob vorsortierten Kleiderkisten nach Sachen für Kinder, Frauen, Männer, nach T-Shirts mit kurzem oder langem Arm, bodenlangen Röcken oder Tunikas, Babykleidung für Jungen in Größe 74, für Mädchen in Größe 62/68 und dergleichen.

„Geordnetes Chaos“, sagt die Helferin der ersten Stunde

Die Stimmung ist fröhlich, niemand wird laut oder hektisch. Rentner, Studenten, Arbeitslose, Schüler – alle arbeiten Hand in Hand. Fast alle haben ein Lächeln auf den Lippen. Keiner schaut komisch, wenn der andere bereits nach zwei Stunden Engagement wieder nach Hause geht. „Geordnetes Chaos“, nennt es Simone Herrmann. Irgendwo plumpst ein gepackter Karton von einem der meterhohen Stapel.
Im hinteren Bereich der Halle hieven zwei Gabelstapler die Paletten mit bereits zugeklebten und beschrifteten Kartons auf Lastwagen. Ein Teil kommt ins Lager, ein Teil wird an andere Unterkünfte in Hamburg ausgeliefert. 300 Bettdecken und Tausend Hygiene-Sets gingen zum Beispiel neulich an einem Tag nach Jenfeld.
In den vergangenen Wochen ist eine Art Bürgerbewegung der Hilfsbereiten rund um die Messehallen entstanden. Der Anstoß kam von der Initiative „Refugees Welcome Karoviertel“. Hunderte Menschen packten an, begrüßten die Neu-Ankömmlinge aus den Krisenregionen der Welt, versorgten sie mit dem Nötigsten. Nachbarn gehen mit Kindern Fußballspielen, es gibt Begrüßungsfeste auf dem Platz vor der Messehalle. Dolmetscher helfen beim Übersetzen von Dokumenten, begleiten Flüchtlinge zu Terminen bei Behörden.
Die Hilfe hat im Stadtteil von Beginn an einen politischen Hintergrund. So forderte eine Stadtteilversammlung auf St. Pauli ein Bleibe- und Arbeitsrecht, eine Krankenversicherung, kostenlose Sprachkurse und Bildungschancen für Flüchtlinge. Und: Hamburg müsse gegen massenhaften Leerstand vorgehen und in den verfügbaren Gebäuden schnell Flüchtlingswohnungen schaffen.

„Schotten dicht“: Kritik an Behörden wächst

Aktive kritisieren das Handeln der Behörden – zum Beispiel die Eile, in der 600 Flüchtlinge aus den Messehallen in andere Unterkünfte umquartiert wurden, ohne dass Helfer noch einmal Kontakt aufnehmen konnten. „Es macht uns wütend, zu sehen, dass die Behörden das Engagement so vieler Hamburger medial preisen und gleichzeitig – gemeinsam mit dem städtischen Unterkunftsbetreiber Fördern und Wohnen – die Schotten gegenüber den Initiativen zu oft dicht machen“, so die Initiative „Refugees Welcome Karoviertel“. „Sowohl Verwaltung als auch Fördern und Wohnen wären gut beraten, wenn sie endlich die selbstorganisierte Hilfsstruktur als wendigen, gut organisierten und intelligenten Akteur anerkennen würden.“
Die „selbstorganisierten Akteure“ machen derweil in der Kleiderkammer einfach weiter. Simone Herrmann und ihre mittlerweile 15 ehrenamtlichen „Kollegen“, die ständig vor Ort sind, freuen sich über das stetig wachs-ende Engagement der Bürger. „Manche kommen jeden Tag, manche für ein paar Stunden – jeder hilft, soviel er mag und kann.“
An einem Tisch sortieren Charlotte, Gesa und Janne Tunikas, Bodys oder Strickjacken in Kartons. Die Freundinnen sind an diesem Nachmittag aus Torn-esch gekommen und wissen jetzt schon, dass sie morgen wieder dabei sein werden. „Ich habe noch ein paar Tage Zeit, bis ich für mein Studium nach Greifswald ziehe, da möchte ich helfen. Es macht viel Spaß, man lernt schnell neue Leute kennen.“
Ähnlich ergeht es Jan aus Pinneberg. Der Student nutzt die Semesterferien, um sich zu engagieren. Seit dem Morgen ist er in der Halle, hat erst Spielzeug sortiert und kümmert sich nun um Dinge, die aussortiert werden müssen. Gerade hat er Kartons mit High Heels auf einen Wagen gepackt. „Die brauchen die Menschen hier nicht“, erzählt er.
An einer anderen Station sitzt Bela an einem Computer. Der Schüler erfasst die Ware, die ins Lager geht. „Damit man eine Übersicht hat, was überhaupt schon fertig verpackt ist.“ Um ihn herum stehen Lena, Daniel und Rouven. Sie wirken wie Freunde, haben sich aber gerade erst kennen gelernt.

In der Schlange stehen, um zu helfen

Mittlerweile ist es Abend geworden, draußen bietet sich seit Stunden ein ähnliches Bild: unzählige Menschen, die zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Auto ihre Spenden bringen. Helfer, die in einer Ecke die gebrachten Sachen in Kartons vor- beziehungsweise aussortieren.
Und es gibt die Schlange der Menschen, die noch helfen möchten. Unter ihnen neun Erzieherinnen und drei Elternteile einer Eimsbüttler Kita: „Uns bewegt das Schicksal der Flüchtlinge sehr, gerade in unserem Beruf haben wir ja selbst mit Kindern und deren Familien zu tun“, erzählt Svenja Nimtz, stellvertretende Leitung des Vereins Früchtchen. „Vielleicht schaffen wir es ja, noch mal wieder zu kommen.“

Flüchtlingshilfe Messehallen

Rund 1.200 Flüchtlinge, darunter 200 Kinder, sind seit vier Wochen in den Messehallen untergebracht. Ende des Monats wird die Notunterkunft wieder geräumt, die Halle wird für die Messe Hanseboot gebraucht. Nach und nach werden die Menschen in verschiedene Unterkünfte, auch außerhalb Hamburgs, verlegt. Hamburgweit fehlen robuste Unterkünfte, in denen die Asylsuchenden den Winter über wohnen können. Die Kleiderkammer muss ebenfalls raus aus der Messehalle B7, es wird aber bereits an Alternativen gearbeitet, um das große ehrenamtliche Engagement fortsetzen zu können.

www.karohilft.de
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