Die angekündigte Katastrophe

Die Feuerwehr versucht zunächst, die brennenden Autos zu löschen. Fotos: Sabine Langner
 
Schwere Brandverletzungen hat dieser Mann erlitten – aber es dauert lange, bis er Hilfe bekommt.

1.600 Menschen proben in Hamburg den Ernstfall. Dabei ist so einiges schief gegangen.

Von Sabine Langner. Stille liegt in der frühen Morgensonne über einer Brachfläche im Harburger Binnenhafen. Dutzende freiwillige Helfer, teilweise blutüberströmt – dank Theaterblut – haben sich zwischen improvisierten Marktständen und in einem alten Linienbus verteilt. Auf einmal zerreißt ein Knall die Ruhe. Flammen schlagen hoch. Eines der abgestellten Autos fängt Feuer. Innerhalb von Sekunden steigt dicker schwarzer Qualm in die Höhe. Statt in der allgemeinen Panik helfend einzugreifen, stehen Feuerwehrleute und Polizisten in aller Ruhe mit einem Kaffeebecher am Rand und beobachten, was passiert.
Das Inferno ist eine Katastrophenübung. Eine der größten, die Hamburg in den letzten Jahrzehnten erlebt hat. Mehr als 1.600 Menschen proben den Ernstfall. „15 Monate lang haben wir geplant“, sagt Einsatzleiter René Wilken vom Technischen Hilfswerk, der dabei mit der Innenbehörde, Polizei, Feuerwehr und zahlreichen Hilfsorganisationen zusammengearbeitet hat.
Ob Malteser Hilfsdienst oder Technisches Hilfswerk, ob Johanniter oder Deutsches Rotes Kreuz – nahezu alle Hilfsorganisationen in Hamburg haben ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter für diese Übung mobilisiert. Mit dabei sind auch 130 Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr sowie Beamte der Polizei, der Berufsfeuerwehr und die Bundeswehr.
Das Drehbuch für die Katastrophe ist eine Flugzeugkollision zwischen einem Airbus und einem Kleinflugzeug in 2.000 Meter Höhe. Der Airbus schafft es gerade noch bis nach Finkenwerder und legt dort eine Bruchlandung hin. Das mit 70 Menschen besetzte Kleinflugzeug stürzt auf einen gut besuchten Wochenmarkt, der in diesem Fall auf der Brachfläche zwischen dem Schellerdamm und dem östlichen Bahnhofskanal im Binnenhafen liegt, und explodiert.
An fünf verschiedenen Orten in Hamburg wird der Ernstfall geprobt. In Finkenwerder muss das Airbus-Wrack evakuiert werden. Hier gibt es zahlreiche Verletzte und Tote. Der Flieger, der eigentlich planmäßig in Fuhlsbüttel landen sollte, verschwindet dort plötzlich von der Anzeigetafel. Rund 20 verstörte Angehörige müssen hier eingesammelt und psychologisch betreut werden. Die Asklepios Klinik Altona bekommt einen Notruf und stellt sich innerhalb von Minuten auf mehr als 100 Notfälle ein. Gleichzeitig errichtet die Bundeswehr in der Wilhelmsburger Dratelnstraße ein Notlazarett, um andere Verletzte zu versorgen. Um das Ganze noch realistischer für die Einsatzkräfte zu machen, ist in Harburg noch ein Fallschirmspringer mit seinem Schirm in einer Birke direkt an der Wasserkante hängen geblieben. Er muss vom DLRG vom Wasser aus gerettet werden.
Um zu beurteilen, was alles bei dieser Übung klappt, und was nicht, sind zahlreiche Helfer als Beobachter mit Zettelblock und Kamera unterwegs. Tatsächlich klappt eine ganze Menge, zumindest bei der Übung in Harburg, nicht. So dauerte es knapp 30 Minuten bis die ersten Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr vor Ort waren. Einige Einsatzfahrzeuge fuhren sich im lo-ckeren Sand des Geländes fest und waren damit erst mal manövrierunfähig. Auch die Koordination der vielen Fahrzeuge, die nach und nach zu der Unglücksstelle kamen lief nicht einwandfrei. Teilweise standen sie sich gegenseitig im Weg. Das führte dazu, dass viele Verletzte teilweise stundenlang auf ihre Behandlung warteten. Auch kritisierten einige Polizeibeamte, die das Geschehen vom Rand aus betrachteten: „In all unseren Jahren im Polizeidienst haben wir immer gelernt, dass die Rettung von Menschen höchste Priorität hat. Warum löschen die denn erst die Autos?“
Was tatsächlich alles schief gegangen ist, will die Innenbehörde in ein paar Wochen bekannt geben. Erst einmal werden alle Beobachtungen gesammelt und ausgewertet. Fakt ist jedoch, dass Einsatzleiter René Wilken alles in allem ganz zufrieden war. „Mir ist eine Übung lieber, bei der ich Schwachstellen sehe, als ein Ernstfall, bei dem nichts klappt. Genau dafür sind doch Übungen da“, sagt er. Und auch ein Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr zeigte sich optimistisch. „Wir wussten ja alle, dass dies eine Übung ist. Wenn wir im Ernstfall ausrücken, setzen unsere Körper eine ganz andere Menge Adrenalin frei. Da klappt viel mehr und vor allem viel schneller.“
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