Deutschland lernt lachen

Cem Ali Gültekin im Porträt. Foto: pr
 
Cem Ali Gültekin in seiner Rolle als Schauspieler im Tatort „Zorn Gottes“.

Tatort-Schauspieler Cem Ali Gültekin unterrichtet Comedy

Von Chris Köslin. „Zorn Gottes.“ Der Tatort in der ARD am Sonntag, 20 März, ist sehenswert. Nicht nur, um Wotan Wilke Möhring, den unrasierten Kommissar Falke, zu erleben. Und auch nicht Franziska Weisz, die seine Kollegin Julia Grosz spielt. Ich kenne den Schauspieler, der im Tatort den islamistischen Attentäter spielt – persönlich. Im Cafe May an der Hein-Hoyer-Straße, mitten in seinem früheren Kiez auf St. Pauli, sitze ich ihm gegenüber: Cem Ali Gültekin, ein lebhafter Mann mit dunkelbraunem Haar und grünen Augen. Und einem Gesicht, in dem viel Lebensfreude zu Hause ist. Der fanatische Syrien-Heimkehrer, den er in „Zorn Gottes“ spielt, wird in dem Tatort selbst für Tage in einem Keller angekettet. „In den Drehpausen bin ich trotz meines schmerzenden Hinterns meist angekettet im Keller geblieben. Ich wollte emotional in der Szene bleiben“, wird Cem Ali Gültekin später erzählen.

Vorbilder: Bruce Lee und Aale-Dieter vom Fischmarkt


Aber so weit sind wir im Cafe auf St. Pauli noch lange nicht. Er hat sich einen Kakao mit Sahne bestellt („Die beste Schokolade auf St. Pauli.“). Als Junge, erzählt Cem Gültekin, habe er Bruce Lee, den Karate-Star, bewundert. Als der 1981 in Hamburg geborene vor 14 Jahren seine Ausbildung als Medienkaufmann begann, versuchte er sich mit kleinen Videofilmen. „In weißer Hose und schwarzem T-Shirt habe ich bei uns im Keller der Berufsschule Bruce Lee imitiert“, sagt er, wischt sich die Schokolade von den Lippen und lacht. Cem, dessen Eltern aus einem türkischen Grenzgebiet mit Syrien kommen, und der neben seiner Hauptsprache Deutsch auch türkisch und arabisch spricht, hatte damit einen Weg begonnen, der in seiner Welt eigentlich völlig im Abseits lag. Er war auch total überrascht, als ihn ein Dozent auf der Berufsschule fragte: „Hast du noch nie daran gedacht, Schauspieler zu werden?“

„Der Bus ist unsere Bühne“, sagt der Comedian

Nach dieser Frage befasste er sich damit. Und er hat, wie das seine Art ist, sofort Nägel mit Köpfen gemacht. Bei der Aufnahmeprüfung für die private „Schule für Schauspiel Hamburg“ fragt die Leiterin den 24-Jährigen: „Welches Theaterstück haben Sie denn zuletzt gesehen?“ Oh ha! Die meisten in seiner Situation hätten verlegen geschwiegen. „Das war die Arche Noah“, sagt er, „an unserer Schule. Ich war da in der zweiten Klasse.“
Heute klingt das lustig, wenn der Schauspieler und Comedian dies erzählt. Auch, als er während der dreijährigen Ausbildung mit Freundin Maja „eine komische Begegnung“ improvisieren musste. „Wir haben zwei Apfelverkäufer gemimt, die auf dem Markt aneinander geraten. Alle Zuschauenden, die um uns rumstanden, haben am Ende auf dem Boden gelegen.“ Heute kann er ja auch lachend eingestehen, dass er nicht nur Bruce Lee, sondern auch Aale-Dieter vom Fischmarkt als Anregung hatte.
Die Schauspielschule und seinen Lebensunterhalt finanzierte er mit Jobs in den drei Jahren. „Ich habe Handy-Verträge verkauft“, sagt er, „Flugzeuge gereinigt und im Marienkrankenhaus gejobbt. Ich habe alles gemacht. Nicht während der Schauspielschule und nicht bei den unsicheren ersten Engagements als Schauspieler, ich hatte nie Exis-tenzängste. Wirklich nie.“
Es tut einem selbst gut, dem Mann so zuzuhören. Die Schauspielschule hat Cem Ali Gültekin mit Auszeichnung abgeschlossen. Aber das erwähnt er nicht. Er erzählt lieber von seinen ersten Bühnenerfahrungen bei einem Tournee-Theater. „Im ,Kaufmann’ von Venedig habe ich den Prinz von Marokko gespielt. Ich bin in hochhackigen Schuhen und mit einer Perlstrumpfhose über die Bühne gestakst. Einen schwarzen Umhang hatte ich umgehängt und eine dicke Goldkette um den Hals, aber mein Oberkörper war nackt. Es war irre – auch die Reaktionen der Zuschauer. Die Menschen zum Lachen bringen, das ist das Schönste für mich.“
Dazu gehört auch die „ComedyTour“ – Stadtrundfahrten mit viel Gelächter – die er vor neun Jahren mit erfand und deren künstlerischer Leiter er auch heute noch ist. „Der Bus ist unsere Bühne“, erläutert Cem Ali Gültekin. „Im Gang zeigen ich oder einer meiner Kollegen ein Comedy-Programm, bezogen auf die Stadt, durch die wir fahren. In Hamburg waren und sind wir so erfolgreich, dass es die ComedyTour inzwischen auch in Berlin, München, Köln, Frankfurt und Dresden gibt.“

Er gründete Deutschlands erste Schule für Comedy


Aber damit nicht genug. Vor zwei Jahren hat der ebenso lebensfrohe wie unternehmenslustige Familienvater auch Deutschlands erste „Schule für Comedy“ in Hamburg gegründet. Das nächste, drei Monate dauernde Seminar mit zweimal Abendunterricht wöchentlich beginnt am 5. April in der Oelkersallee 33. „Unsere Schule für Comedy ist nicht nur für Menschen, die es auf die Bühne drängt“, sagt Gültekin und nimmt den letzten Schluck Kakao. „Da war Irina, eine Verkäuferin, die zuerst gar nicht so recht auf die Bühne wollte. Am Ende des Kurses hatte sie dann einen Text, die passende Inszenierung dazu und acht Minuten alleine auf der Bühne gestanden. Wir alle waren begeistert und den Applaus, den hat sie mit in ihr Leben genommen. Jedes Mal, wenn ich an Irina denke, freue ich mich. Und ein bisschen stolz bin ich dann auch.“
Der Hamburger mit der weit verzweigten Familie wohnt mit Frau und drei Kindern eher ländlich am Stadtrand. Dort werden die Kinder vielleicht einmal an dem Freude finden, wovon der Papa in Wandsbek schon immer träumte: Auf dem Rücken eines Pferdes früh morgens in den Tag zu reiten.
„Aber was mich am meisten anzieht, ist die Höhe“, erzählt Cem Ali Gültekin, „nur von ganz oben hast du den Überblick. Deshalb klettere ich jeden Hügel und jeden Berg hoch. Und den Pilotenschein, den werde ich auch noch machen.“
Im Tatort „Zorn Gottes“ spielt Cem Ali Gültekin einen muslimischen Attentäter. Das Leben des 35-jährigen Schauspielers aber steht für Integration und Angekommen sein. Vor allem aber zeigt der Hamburger, was in der aktuellen Diskussion viel zu oft verdrängt wird: Menschen wie Cem Ali Gültekin bereichern und stärken unser Deutschland.

Comedy-Schule:
www.schule-fuer-comedy.de
www.comedytour.de
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