Der schrumpfende Stadtteil

Die Farben des Regenbogens auf der Arbeitshose: Uli Pforr. Foto: stahlpress Medienbüro
 
Fünf befreundete WGs in der Nachbarschaft: Felix Baumgarten. Foto: stahlpress Medienbüro
 
Seit 1972 lebt er auf der Veddel: Mustafa Acar. Foto: Stahlpress Medienbüro

Auf der Veddel leben Punks und Hippiekomunen friedlich neben strenggläubigen Muslimen

Von Volke Havekost. Für Uli Pforr ist die Veddel eine Höhle. „Wenn ich hier aus der S-Bahn steige, bin ich immer froh, weil es in Veddel etwas ruhiger ist“, sagt der 36-jährige Maler und Illustrator, der sich vor neun Jahren auf der Elbinsel niedergelassen hat. Sein Atelier „Möwenkick“ teilt er mit zwei Künstlerinnen, es ist voller großformatiger Bilder. Pforrs einstmals blaue Arbeitshose trägt inzwischen alle Farben des Regenbogens.
Bunt gemischt ist auch sein Viertel, zusammengesetzt mit Menschen aus 35 Ländern – und abgehängt. Pforrs „Höhle“ erstreckt sich über 4,5 Quadratkilometer, die von langen vier- und fünfgeschossigen Backsteinreihen geprägt sind. Hamburgs Oberbaudirektor Fritz Schumacher ließ den für ihn und die Stadt typischen Rotklinker-Stil ab 1928 errichten. Ein Dreivierteljahrhundert später wohnen 4.700 Menschen hier. „In den 1970er- und 1980er-Jahren war es ein goldener Stadtteil“, sagt Mustafa Acar und berichtet: „Seit 15 Jahren ist alles negativ geworden. Wir hatten einen schönen Markt, aber heute müssen die alten Leute nach Wilhelmsburg fahren.“
Der 54-jährige Acar kam 1972 als Kind mit seiner Familie aus der Türkei auf die Veddel. Sein Vater arbeitete für den Kupfergiganten Aurubis, der Sohn folgte ihm nach – bis die Bandscheibe nicht mehr mitmachte. Der inzwischen selbst dreifache Vater dreht sich seinen Tabak zur Zigarette und resümiert: „Wir werden von jedem vernachlässigt, nicht nur vom Senat. Die haben uns hier voll vergessen.“
Nach den nackten Zahlen zählt Acars Viertel zu den ärmsten in Hamburg. Jeder vierte Veddelaner erhält Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II, bei den unter 15-Jährigen liegt die Quote bei 47 Prozent – mehr als doppelt so hoch als der Durchschnitt in der Elbmetropole. 2.600 Einwohner besitzen einen deutschen Personalausweis, 3.300 verfügen über einen „migrantischen Hintergrund“. An Acar ist die Einbürgerungsinitiative von Bürgermeister Olaf Scholz bisher vorbeigegangen, er verlangt eher eine Rolltreppe am Bahnhof als einen Adler im Pass.

Veddeler „Kiezläufer“ reden mit Jugendlichen

„Mein Traum ist nicht, dass Veddel ein hipper Stadtteil wird“, sagt Francine Lammar: „Eher, dass es mehr Verteilungsgerechtigkeit gibt und nicht jede zweite Familie von Hartz IV leben muss.“ Die promovierte Pädagogin arbeitet seit zwei Jahrzehnten beim Jugendhilfe-Verein „Veddel aktiv“, der sich um Ausbildungsplätze für Jugendliche bemüht und neben der Stadtteilbücherei seit neuestem auch das Projekt „Kiezläufer“ betreut: Dort gehen langjährige Bewohner mit der nötigen „Street Credibility“ abends regelmäßig auf eine Art Präventiv-Patrouille und reden mit Jugendlichen über brisante Themen, die sich mit der Polizei nicht so gut besprechen lassen: Den Konsum von Drogen in Kellern und Treppenhäusern etwa, der die schlechten Aussichten verdrängen hilft, für die Mieter aber nur schwer erträglich ist.
Jugendhelferin Lammar beobachtet auf der Elbinsel nicht nur Kommen und Gehen, sondern auch sehr viel Bleiben. „Es gibt einen ganz hohen Hafteffekt.“ Doch „wer baut, zieht weg“ – unter den 2.040 Wohnungen auf der Veddel gibt es keine einzige Eigentumswohnung. Inzwischen leben auch rund 400 Studenten im Stadtteil, sie wurden von der Saga mit günstigen Mieten auf die Elbinsel gelockt. Die Monatsmiete ist auf 210 Euro gedeckelt, für Hamburger Verhältnisse ein Spottpreis. Schon einzelne WG-Zimmer auf der Veddel werden im Internet zwischen 200 und 460 Euro angeboten. Der vor gut zehn Jahren begonnene Versuch, den Stadtteil mit Jung-Akademikern zu durchmischen, findet Anhänger wie Gegner. „Die Studenten haben keinen Aufschwung gebracht“, sagt Mustafa Acar: „Die wohnen günstig, während bei vielen Leuten die Miete erhöht wird: Wo sind da die Verhältnisse?“
Willi Lehmpfuhl vom Mieterverein zu Hamburg hat andere Erfahrungen gemacht. „Als in einem Haus die Heizung komplett ausgefallen war, kam aus dem gesamten Haus nur ein Betroffener. Das war ein Student“, erzählt der Mieterberater, der einmal im Monat mit seinem Smart auf die Veddel fährt. „Wir versuchen, so gut es geht an die Mieter heranzukommen“, sagt Lehmpfuhl, der bei seiner Klientel aber „Untertanengeist, Verunsicherung und diffuse Ängste“ registriert.
Die eingesessenen Bewohner erleben, wie die Infrastruktur zerbröckelt, ohne dass der Zuzug etwas daran ändern würde. Im Dezember schloss die einzige Apotheke auf der Elbinsel. Eine einzige Allgemeinmedizinerin kümmert sich neben einer Handvoll Zahnärzte um die Bewohner. „Die ärztliche Versorgung ist unter aller Sau“, sagt Felix Baumgarten, der vor sechs Jahren aus Buxtehude herzog. „Ich habe damals mit ein paar Freunden eine große Wohnung für fünf Leute gesucht“, berichtet der 27-Jährige: „Die in Veddel fanden wir gleich gut – und sie war auch die einzige, die vom Preis-Leistungs-Verhältnis in Ordnung war.“
Baumgarten arbeitet in der Gas-tronomie, er hat sich eine Insel auf der Insel geschaffen: „Im Umkreis von 500 Metern gibt es hier fünf befreundete WGs, das trägt sicher zum Wohlfühlcharakter bei.“

„Leben und leben lassen“ könnte das Motto lauten

Zentrum dieses neuen, überwiegend muslimischen Hamburg ist die Immanuelkirche, ein evangelischer Bau, in dem von klassischen Gottesdiensten längst nicht mehr die Rede ist. Ulfert Sterz war der letzte Pastor. An Heiligabenden spielte Sterz die Weihnachtsgeschichte als Alleinunterhalter mit Handpuppen nach. Oft stand vor der Seelsorge jedoch das Stillen des Hungers. Regelmäßig klingelten spät abends Einwohner im Pfarrbüro, Sterz hatte immer einige Dosen Ravioli im Vorrat. 2014 lief seine Stelle aus, eine Diakonin trat seine Nachfolge an.
„Es gibt hier Punks und Hippiekommunen, aber auch strenggläubige Muslime. Da herrscht das Motto leben und leben lassen“, beschreibt Maler Pforr die Situation auf der Veddel, „es leben so viele verschiedene kulturelle Gruppen hier, da ist ein Miteinander statt einem Nebeneinander oft schwer.“
Mit der Auflösung des Freihafens 2013 wurde am Spreehafen ein Drahtgitterzaun entfernt, seitdem liegt Veddel nicht nur geografisch, auch für seine Bewohner am Wasser. Im vergangenen Jahrzehnt sei das Quartier grüner geworden, resümiert Pforr. Neben seinem Atelier, das zuvor ein Friseursalon war, eröffnet gerade eine Schokoladenmanufaktur. „Wenn man erstmal eine Zeit hier ist, dann fällt das Stigma weg“, erzählt Pforr: „Früher kriegten meine Freunde Depressionen, wenn sie über die Elbbrücken fuhren. Inzwischen fragen einige sogar, ob hier noch etwas frei wäre. “

Veddel

Zuletzt kamen verstärkt Westafrikaner und Lateinamerikaner auf die Elbinsel, insgesamt fällt die Wanderungsbilanz aber negativ aus: 2013 siedelten sich 615 Menschen neu auf der Veddel an, 828 verließen den Stadtteil – ein Kontrapunkt zur „wachsenden Stadt“ Hamburg.
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