Der Mann und das „Tüdelband“

Anekdoten, Spottverse und derbe Anspielungen: Jochen Wiegandt bei einem Auftritt. Foto: cv

Sänger Jochen Wiegandt sammelt und singt volkstümliche Hamburgensien

R. Black, Hamburg
Eben hat der Mann mit der Gitarre sein Publikum zum Singen gebracht, wie eine Grundschulklasse auf dem Schulausflug. Jetzt senkt er die Stimme und die Gäste im Bürgerhaus an der Bornheide, die meisten von ihnen Senioren, neigen das Ohr zur Bühne, um Jochen Wiegandt besser hören zu können. „Ihr könnt mir doch mal ‘ne Frage beantworten“, sagt der Sänger, dessen Stimme sehr nach Hamburg klingt: Wer 1066 in London zum König der Engländer gekrönt wurde, das wäre doch mal interessant zu erfahren. Stille im Saal, der Schulausflug von eben grübelt. Ein Vorwitziger, in diesem Fall ich, sagt halblaut: „Wilhelm der Eroberer“. Darauf hat Wiegandt nur gewartet: „Du bist mir auch so’n Studierter“. Der ganze Saal lacht laut, aber durchaus gutmütig, wie die Besuchermassen auf dem Fischmarkt, wenn der Aalverkäufer den Touristen aus Bayern eine große Tüte Fische angedreht hat. Ich schaue mir den roten Fußboden des Bürgerhauses sekundenlang an, bis Wiegandt zum Glück beginnt, das nächste seiner hamburgischen Lieder vorzutragen.„An der Alster, an der Elbe, an der Bill', da kann ein jeder machen, was er will!“, singt er den „Tüdelband“-Klassiker der Gebrüder Wolf. Wiegandt erinnert er an seine eigene Familie, als er noch Kind war: „Zigarren wurden damals geraucht, die Frauen saßen in der einen Ecke, die Männer in der anderen.“ Eine Welt, die es inzwischen so nicht mehr gibt. Bei den Frauen gab es den selbstgemachten, hochprozentigen Eierlikör. „Deswegen saß ich immer bei den Mädels.“ Der Saal lacht. Ich lache mit.
Der Sänger, der 1975 die Folkgruppe „Liederjan“ mitgründete, will nicht nur unterhalten: „Allns, wat mit Musik to don hat. Das sammel ich. Deshalb bin ich hier – und nicht zum Spaß.“ Dass Wiegandt, als Jahrgang 1947 dürfte er einer der Jüngsten im Saal sein, jeden nach Art eines Hafenarbeiters duzt, scheint niemanden zu stören.

Er sang bei der Trauerfeier für Helmut Schmidt

Lydia Preuss aus Osdorf schon gar nicht, die Seemannslieder liebt. Ihr verstorbener Mann ist früher zur See gefahren: „Das war in den 1960ern auf einem Frachter. Zuhause wurde viel gesungen. Auch im Bürgerverein oder im Kleingartenverein singen wir noch viel“, so Preuss.
„Lieder zu sammeln, ohne sie zu singen, ist sinnlos – sonst könnte ich auch Briefmarken sammeln“, spricht Wiegandt über seine Motive. „Die Geschichten dazu zu erfahren, das macht Spaß.“ Der zweite Band seines Buchs „Hallo, hier Hamburg!“ hat ihm unerwartete Schwierigkeiten bereitet, räumt er ein: „Die Quellen lassen langsam nach.“ Dennoch macht er weiter, will die Erinnerung bewahren: „Diese Melodien, Texte und Bilder müssen mit Liebe und Respekt behandelt werden, sonst verschwinden sie und damit ein Teil traditioneller Alltagskultur.“
Der in Langenhorn lebende Musiker wurde überregional bekannt durch seinen Auftritt bei der Trauerfeier für Helmut Schmidt im November 2015 im Michel. Schmidt hatte sich das Lied „Ick wüll, wi weern noch kleen, Jehann“ des plattdeutschen Dichters Klaus Groth gewünscht. „Es war spannend und aufregend und eine große Ehre“, bilanziert Wiegandt seinen Auftritt vor Staatsgästen aus aller Welt. In der Nacht vorher habe er nicht geschlafen. „Allein die Vorstellung: Du verspielst dich, und da sitzen die ganzen Großkopferten.“
Im Bürgerhaus Bornheide sitzen keine Staatsgäste. Wiegandt erzählt die Geschichten hinter den Liedern. Dass etwa der Shanty „Hamborger Veermaster“ ursprünglich ein amerikanisches Arbeitslied war, das deutsche Rückkehrer aus den USA mitbrachten. Nebenbei erklärt er den Zuschauern auch noch die Herkunft mancher Slangwörter wie „Ische“. Das Wort leite sich aus dem hebräischen „Isa“ (sprich „Ischa“, Frau) ab. „Plietsch“ bedeute ursprünglich: „He is en politischen Kerl.“ – „Für solche kulturellen Ereignisse könnte auch mal Applaus kommen“, beschwert sich der Sänger bei seinem Publikum, das nachträglich Beifall spendet. „Hamburgisch singen“ ist eben keine Einbahnstraße. Das Publikum muss schon mitziehen. Sonst gibt’s zwischendurch mal einen Rüffel vom Sänger. Denn der ist ja nicht zum Spaß da.

❱❱ Wer Texte zur Sammlung von Jochen Wiegandt beitragen will, kann diese gerne an jochen.wiegandt@t-online.de schicken. Weitere Infos und Konzerttermine gibt es un


Buchtipp
Jochen Wiegandt: „Hallo, hier Hamburg!: Lieder und ihre Geschichte(n) von Waterkant und See“ Taschenbuch, 17,95 Euro.
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