Der Mann steckt an

Verantwortlich für den Nachwuchs der „Hamburg Towers“ und das Projekt „Sport ohne Grenzen“: Marvin Willoughby. Foto Ulrike Schmidt
 
Erst Blumen, bald Baskethal: So sah die Halle während der Internationalen Gartenschau (igs) von oben aus. Foto Ulrike Schmidt

Vor sieben Jahren startete Marvin Willoughby das Sozialprojekt „Sport ohne Grenzen“ – jetzt sind die Spieler so gut, dass es bald Bundesliga-Basketball in Wilhelmsburg. gibt.

Von Roger Repplinger. Die Turnschuhe der Jungs machen auf dem Parkett der Halle der Stadtteilschule Alter Teichweg in Dulsberg ein helles Geräusch. Dazwischen ploppt es, wenn der Ball aufs Parkett prallt: „Ssst, ssst, plopp.“ Und wieder „ssst, ssst, plopp.“ Manchmal klappert es, wenn der Ball den Korb trifft oder durch die Reuse rutscht. Aber meistens „ssst, ssst, plopp“.
Auf der Bank am Rand der Spielfläche sitzt einer, der länger ist als die, die spielen. Eigentlich sitzt er nicht, eigentlich ist zusammen gefaltet: Marvin Willoughby, 35, 203 Zentimeter groß, schreibt schnell den Trainingsplan, während sich seine Jungs, die Mannschaft der „Piraten Hamburg“ die in der Nachwuchs-Basketball-Bundesliga (NBBL) spielt, warm laufen. Der letzte muss an allen vorbei sprinten und sich vorne einreihen, die meisten halten die Hand raus. Nicht nur so vorbei laufen, sondern unterwegs abklatschen.
Weil an diesem Tag Schulferien sind, wird heute zwei Mal trainiert. Willoughby hatte keine Zeit für den Trainingsplan, weil er sich mit uns getroffen hat, in seinem Büro in Wilhelmsburg, dem Stadtteil in dem er geboren wurde, bevor er Bundesligaspieler in Würzburg und Köln wurde, für Reggio Calabria (Italien) und Pau-Orthez (Frankreich) und dann nochmal für Köln spielte. Zwischen 2001 und 2003 lief er 35 Mal für die Nationalmannschaft auf, und nach Ende der Karriere, das kam, weil in einem der Knochen seines rechtes Sprunggelenks ein Loch ist, das mit einem Knorpel aus dem Knie gestopft wurde, daddelte er von 2008 bis 2010 für den SC Rist Wedel, wo er 1996 mit dem Liga-Basketball begonnen hatte.
Am Freitag wird er am Knöchel operiert. Er hat Schmerzen, das sieht man, wenn er geht. Er spielt, wenn der Knöchel dies zulässt, in einer Hobbymannschaft, „da geht es nicht um gewinnen oder verlieren, sondern um Spaß“, sagt Willoughby. Im Moment tut der Knöchel so weh, „dass ich freiwillig zum Arzt gegangen bin“, sagt er und lacht. An der Bürowand die Pläne für die Basketballhalle in Wilhelmsburg, in der nächste Saison von den „Hamburg Towers“ Bundesliga-Basketball gespielt werden soll. Das Ganze ist aus Willoughbys sozialem Projekt „Sport ohne Grenzen“ entstanden. Mit Jungs aus Wilhelmsburg – der Versuch, Mädchen für Basketball zu begeistern, ging schief – die, während sie Basketball trainieren, soziale Kompetenzen lernen. Daraus sind zwei Nachwuchs-Basketballteams entstanden, deren Spieler so gut sind, dass sie, wie Ismet Akpinar, 18, Spielmacher, bei Alba Berlin einen Vertrag für vier Jahre bekamen. Und, wie Jeffrey Martin, 19, Point Guard bei den Eisbären Bremerhaven spielen. „Wir hatten das Problem, dass wir so schnell so gut geworden sind, dass wir sehen müssen, wie wir unsere Spieler halten“, sagt Willoughby. Am besten hält man sie mit einer Bundesliga-Mannschaft. „Wenn irgendwann ein Wilhelmsburger in einem Wilhelmsburger Bundesligateam spielt, das wäre das Größte“, sagt Willoughby.
Er hätte gerne in der Zweiten Liga angefangen, aber dann wurde der Druck, der von seinen Talenten ausging, so groß, dass sich Willoughby und Partner, „um eine Lizenz für die Erste Liga bemühen“. Heimspielort wird die ehemalige Blumenhalle der Internationalen Gartenschau (igs) an der S-Bahnstation Wilhelmsburg, die im Winter zu einer Basketballhalle mit mehreren Spielfeldern und einer Kapazität von 3.500 Zuschauern umgebaut wird. Dunking statt Dahlien.
Es bleibt ein besonders Projekt mit zwei gleichberechtigten sportlichen Leitern: Pascal Roller, 36, Ex-Bundesliga- und Nationalspieler, für die Belange der Profis verantwortlich, und Willoughby, der für das soziale Projekt „Sport ohne Grenzen“ sowie die Nachwuchsarbeit zuständig ist. Willoughby liebt „Sport ohne Grenzen“.
Er erinnert sich an das erste Basketball-Camp, 2006, in Wilhelmsburg: „Das Feedback der Eltern war toll, die haben erzählt, wie viel Spaß es ihrem Sohn gemacht hat, der sonst nicht viel Spaß hat, dass der jetzt Salat essen will. Andere Eltern erzählten, dass ihr Sohn einen Streit geschlichtet hat, mit den Mitteln, die wir im Camp vermittelt hatten.“ Seitdem ist Willoughby überzeugt, dass beim Training von Mannschaftssportarten soziale Fähigkeiten entwickelt werden, die den Jungs im Alltag helfen, besser klar zu kommen.
Aus dem Camp entstand der Verein „Sport ohne Grenzen“, jetzt gibt es mehrere GmbHs, da winkt Willougby ab, GmbHs sind nicht sein Ding. Die Trainer von „Sport ohne Grenzen“ dürfen an Wilhelmsburger Schulen Sportunterricht erteilen. „Darauf bin ich stolzer als auf alles andere“, sagt er. Er vermittelt den Eindruck, dass die Distanz zum Profibasketball, die er hat, weil er das alles gut kennt, eine günstige Voraussetzung ist, dass es klappen könnte, mit der in Deutschland einmaligen Kombination aus Sozialprojekt, Nachwuchsarbeit und Profisport. Im „Haus der Inselakademie“, vier Etagen, 1200 Quadratmeter, finanziert von der Benno und Inge Behrens-Stiftung, der Internationalen Bauaustellung (IBA) und der igs, das neben der umgebauten Blumenhalle stehen wird, wird es vereinsorganisierten Breiten- und Leistungssport geben, auch ein betreutes Wohnprojekt für Jugendliche, die wie Willoughby sagt, „nicht klarkommen“. Er will auch ein niederschwelliges Angebot: Halle auf, Leute rein, wer Basketball spielen will, spielt. Männer, Frauen, alt, jung, gut, schlecht, alles egal. Der Mann steckt an.
Wilhelmsburg, Stadtteil mit den meisten Jugendlichen in Hamburg, soll von den „Towers“ profitieren. Willoughby wünscht sich, dass Hamburger irgendwann sagen: „Wilhelmsburg ist geil, da gibt es eine coole Basketball-Mannschaft.“ Im Moment ist Willoughby der coolste. Und der heißeste.
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