Der letzte Zigarrenmacher

Zigarrenmacher Stefan Appel zeigt, wie es geht: Ein großes Umblatt nimmt die Tabakmischung auf. Der Arbeitstisch nennt sich Wickelbock.
 
Mit dieser handbetriebenen Maschine werden Deckblatt und Tabakmischung zusammengefügt und dadurch stabil.

Stefan Appel führt eine lange Tradition in Hamburg weiter.

Von Reinhard Schwarz.
Dieser Laden ist für Nichtraucher die Vorhölle, für leidenschaftliche Zigarrenfreunde ein Stück vom Paradies. An der Alten Königstraße in Altona dürfen Liebhaber der di-cken Glimmstengel das tun, was woanders längst unter Strafe steht oder zumindest gesellschaftlich geächtet ist: nach Herzenslust paffen. Das Reich von Stefan Appel, dem letzten Zigarrenmacher Hamburgs, besteht aus seiner Ein-Personen-Manufaktur im vorderen Raum. Im hinteren Bereich ist das Raucherzimmer – den modischen Begriff „Lounge“ lehnt Appel ab. Dort können Anhänger der zusammengerollten Tabakblätter ihrem Genuss frönen, schweigen oder auch plaudern – je nach Laune.
Appel führt ein Handwerk mit großer Tradition weiter: 1788 nahm die erste Zigarrenmanufaktur in Hamburg ihren Betrieb auf. Der Zigarrenladen Otto Hatje, den Appel 1991 übernahm, wurde 1922 gegründet. Zuvor hatte der gelernte Automechaniker fünf Jahre als Angestellter gearbeitet. „Vom ersten Tag an habe ich hier allein gestanden, musste ich allein klarkommen, das war aber auch ganz gut.“ So hatte der wissbegierige Branchenneuling damals noch existierende Zigarrenmanufakturen besucht. „Ich habe mich zu den Zigarrenmacherinnen gesetzt und durfte auch mitmachen.“ Eine der Fabriken hat heute noch ihren Sitz in Bünde/Westfalen. Dort gibt es auch ein Tabak- und Zigarrenmuseum. „Als ich anfing, gab es noch acht Familienbetriebe, die Zigarren herstellten, mittlerweile sind es gerade mal noch zwei Kleinstfirmen in Familienbesitz.“
Drei Teile braucht der Zigarrenmacher: Erstens die Einlage mit einer Tabakmischung meist aus Kuba, Java, Sumatra, Brasil und anderen Sorten. Diese Mischung wird in ein Umblatt – meist aus stabilem Java-Tabak – gerollt und drumherum kommt abschließend das Deckblatt aus Sumatra-Tabak.
Die so entstandenen „Rohlinge“, die auch „Wickel“ oder „Puppe“ genannt werden, kommen dann in die Wickelform, in der sie einzeln gepresst werden. Letztendlich kommt ein Mundstück hinzu, das mit Pflanzenkleber fixiert wird. Das komplette Arbeitsgerät zum Herstellen von Zigarren hat Appel von seinen Vorgängern übernommen, nennt sich Wickelbock und ist circa 60 bis 70 Jahre alt.
Rund 130 bis 150 Zigarren könnte Appel am Tag schaffen, wenn er wollte. Doch er muss zugeben, dass die Zigarrenherstellung auf Dauer eine eher monotone Sache ist. So gab es früher Vorleser – wie heute etwa noch in Kuba – die den Zigarrenmachern während ihrer Tätigkeit die Arbeit erleichterten und dadurch auch Bildung vermittelten.
Allein von der Zigarrenherstellung lebt der Bergedorfer nicht. Zum einen verkauft er auch Zigarren anderer Hersteller. Zum anderen wird er gerne von Firmen gebucht, um etwa vor Weihnachten oder bei Betriebsfesten vorzuführen, wie denn solch ein Traditionshandwerk funktioniert.
Wer raucht heutzutage noch Zigarren? „Früher bestand mein Kundenstamm aus Männern über 50. Doch das hat sich im Laufe der Jahre gedreht. Viele sind Anfang 20, die Spaß daran haben und regelmäßig rauchen.“ Doch „rauchen“, korrigiert er sich, sei nicht der richtige Ausdruck, denn Zigarren werden gepafft, also nicht inhaliert. Er selbst konumiere etwa drei bis fünf Zigarren täglich. „Nach dem Frühstück die erste, und wenn ich in den Laden komme beim Sichten der Bankbelege und der Post die nächste.“
Zigarrenrauchen gilt inzwischen wieder als cool. Appel will davon nichts hören: „Sogenannte hippe Leute habe ich hier nicht. Die, die kommen, haben Spaß dran, denen schmeckt es, die sind eigentlich ganz normal. Das Szene-Volk tummelt sich woanders.“ Frauen würden zwar auch in seinen Rauchersalon kommen: „Aber nicht so viele.“
Wer Zeit hat, macht es sich im Salon mit seinen drei Sesseln gemütlich. Das Raucherzimmer wurde vor fünf Jahren eingerichtet, die Kunden haben beim Renovieren geholfen. Das war früher das Büro. Damals standen die Leute meist im Verkaufraum herum, rauchten und unterhielten sich. Wenn Kundschaft kam, wurde es einfach zu eng.
Was verbindet die Zigarrenraucher untereinander? Appel überlegt, wird etwas nachdenklich: „Ich denke, alle verbindet so eine gewisse Grundgelassenheit. Ich habe noch nie erlebt, dass sich Zigarrenraucher in die Haare gekriegt haben.“ Dann zündet er sich wieder eine an und schweigt eine ganze Weile.
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