Der letzte Maßschneider

Das tapfere Schneiderlein aus Wilhelmsburg: Herbert Wodniczak befürchtet, dass er der Letzte eines aussterbenden Gewerbes ist. Fotos: sd
 
Ein museumsreifes Bügeleisen aus dem 19. Jahrhundert: Die Arbeit mit dem 25 Pfund schweren Stück sorgte beim Benutzer für eine ausgeprägte Arm- und Schultermuskulatur.

Herbert Wodniczak (77) aus Wilhelmsburg näht einfach immer weiter.

Von Sabine Deh. Die Anzüge, in denen manche Nachrichtensprecher und Politiker vor die Fernsehkameras treten, kann sich Herbert Wodniczak (77) nicht anschauen. „Da sitzt nichts an der richtigen Stelle, im Schulterbereich und an den Knien erscheinen Beulen, die dort nichts zu suchen haben“, kritisiert er streng. Der Wilhelmsburger ist Maßschneider. Auf der Elbinsel hatte er früher 26 Kollegen, jetzt ist das Geschäft mit seiner Dekoration aus den 1950er Jahren das Letzte seiner Art.
Mit feinen Stichen verlängert oder kürzt Wodniczak Anzugärmel, macht Jacken enger oder weiter, schneidert Hosen und Kleider nach den Wünschen seiner Kunden. Um seinen Hals hängt ein gelbes Maßband, an seinem rechten Zeigefinder steckt ein Nähring. Die dezent gemusterte Krawatte ist farblich perfekt auf seinen Pullover abgestimmt. Wer zu Herbert Wodniczak kommt, will keine Massenware. Er ist im besten Sinne altmodisch, was seinen Qualitätsanspruch an edle Stoffe aus England Schottland oder Italien, Schnitte, Farben oder Knöpfe betrifft.
Seit 1952 haben die Wodniczaks ihre Ladenwerkstatt in der Veringstraße. Der Vorbesitzer hatte im Lotto gewonnen und das Geschäft verkauft. Vor dem Krieg war dort das Standesamt, in dem Herbert Wodniczaks Eltern getraut wurden. Er selber wuchs gleich um die Ecke auf, schon in der Schule wollte er Schneider werden. Sein Traum ging bald in Erfüllung: Er lernte bei einem Schneider in Harburg das Handwerk von der Pieke auf. „Damals wurde noch im Schneidersitz genäht. Das kann ich immer noch“, sagt Wodniczak. Das wäre allerdings auf Dauer doch zu anstrengend, so dass er für Näharbeiten an einem Tisch Platz nimmt.
In einem Alter, in dem andere schon lange in Ruhestand sind, näht er weiter. „Er kann nicht anders“ sagt Ehefrau Rita (72). Ein geeigneter Nachfolger ist aber auch nicht in Sicht, so dass Herbert Wodniczak diese Welt wohl mit „der Nadel in der Hand“ verlassen werde, so glaubt es zumindest seine Gattin.
Als überzeugter Wilhelmsburger verlässt der Schneider die Elbinsel nur selten: In den 1970er und 1980er-Jahren wurde er allerdings häufig über die Elbe ins Studio Hamburg nach Tonndorf gerufen. Bei Dreharbeiten sprang er als Kostümbildner ein. Zu einigen Schauspielern hatte er einen guten Draht. „Wenn Klaus Löwitsch in Hamburg war, hat er stets darauf bestanden, dass ich seine Anzüge nähe.“
Wodniczak ist ein Mann der Alten Schule, der sich aufs charmante Plaudern versteht. Aber nun muss er aufhören, Anekdoten zu erzählen. Eine Kundin im Chanel-Jäckchen betritt den Laden. Sie ist aus Blankenese auf die Elbinsel gefahren. Die letzte Anprobe ihres neuen Kostüms steht an. „Gnädige Frau, gehen Sie doch bitte schon mal in den Anproberaum, ich bin gleich für Sie da“, dirigiert sie der Schneider galant in die gewünschte Richtung. Während sie einen Moment warten muss, schaut sie den Inhalt einer Vitrine im Flur an. Dort bewahren der Schneider und seine Frau ihre kostbare Sammlung alter Knöpfe und Stecknadeldosen auf. Die goldenen Blazerknöpfe hat Salvador Dalí entworfen. „Heute sind die nicht mehr zu kriegen“, erzählt Rita Wodniczak ihrer Kundin.
Schon Herbert Wodniczaks Vater und Großvater, die aus Schlesien stammten, waren Schneider. Nach ihrer Flucht auf die Elbinsel konnten sie ihre Familien mit diesem Handwerk auch in den schweren Nachkriegsjahren ernähren. Über der Eingangstür hing ein Schild mit der Aufschrift: „Wir arbeiten nach englischen Maßstäben“. In die Londoner Savile Row – dort sitzen die Schneider die für das britische Königshaus arbeiten –, hat es allerdings kein Mitglied der aussterbenden Wilhelmsburger Schneiderdynastie je geschafft.
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