Der letzte Mann am Tatort

Dirk Plähn ist startklar: Mit Hilfe der Gasmaske schützt sich der Tatortreiniger vor dem schweren Leichengeruch in der Wohnung. Fotos: sd und pr
 
Familientragödie in Hamburg: Ein Mann versuchte seine Familie durch die Haustür zu erschießen, bevor er sich selbst im Treppenhaus das Leben nahm.

Unterwegs mit dem Tatortreiniger Dirk Plähn.

Von Sabine Deh. Das Polizeisiegel auf der Haustür hat jemand abgerissen, auf dem geblümten Teppichboden im Flur kleben Haarbüschel. Im Badezimmer Blutspritzer und größere Blutlachen. In der Luft liegt ein schwerer, süßlicher Geruch, der noch lange in den Nasenflügeln brennt. Dirk Plähn, Chef der Tatortreinigung Nord, kommentiert das Blutbad trocken: „Vom Teppich muss ich wohl ein Stück raus schneiden, den Schrank im Bad kann ich wahrscheinlich noch retten“.
Zimperlich darf der 43-Jährige nicht sein. Er wird nach Selbstmorden, Familientragödien und Gewaltdelikten gerufen, um die Spuren des Todes zu beseitigen. Er trägt einen weißen Einweg-Anzug, blaue Latexhandschuhe und setzt eine Gasmaske gegen den stechenden Geruch auf, den man nie mehr vergessen kann, wenn man ihn einmal in der Nase hatte. Auf allen Vieren kriecht er durch das Badezimmer und entfernt Stück für Stück eingetrocknetes braunes Blut von Wandkacheln und Bodenfliesen. Plähn schraubt sogar die Kloschüssel ab, um den ausgeflossenen Lebenssaft darunter zu entfernen.
In diesem Fall ist ein älterer alleinstehender Herr eines natürlichen Todes gestorben. Vermisst hat ihn niemand. Erst als die Nachbarn in dem rot verklinkerten Mehrfamilienhaus irgendwo in Hamburg im Treppenhaus den Gestank bemerkten, rief einer die Polizei. Genaueres weiß Jörg Plähn nicht. So ganz genau will er es auch gar nicht wissen. „Das ist purer Selbstschutz“, sagt der durchtrainierte Mann mit den blauen Augen.
Der Tatortreiniger übersieht geflissentlich den Einkaufszettel auf dem Küchentisch, aus dem hervorgeht, dass der Verstorbene sich Gulasch kochen wollte. Plähn ignoriert auch den aufgeschlagenen Roman auf dem Wohnzimmertisch und die leere Plattenhülle einer Wagner-Oper, die der Tote zuletzt gehört hat. Zu viele Details machen es auch für einen erfahrenen Tatortreiniger schwer, nicht an den verstorbenen Menschen zu denken.
Ein Mann wie Plähn ist wichtig für die Hinterbliebenen. „Niemand will die Überreste seines Tantchens von der Wand kratzen“, sagt er lakonisch. So stoisch er am Tatort arbeitet, so feinfühlig kann er mit den Angehörigen umgehen. Auf seiner Homepage stehen einige Danksagungen, wie die von Frau G.: „Wir wussten bis zum Anruf unseres Bestatters überhaupt nicht, wer uns in dieser schweren Stunde noch weiter helfen sollte.“
Eigentlich hält sich Plähn für einen belastbaren Menschen. Aber als er im vergangenen Jahr in das Hotel „Fürst Bismarck“ in St. Georg gerufen wurde, wo der 27-jährige Vassilis A. eine Studentin mit 180 Messerstichen auf bestialische Weise abschlachtete, verlor selbst er beim Anblick des Blutbades für einen Moment sein seelisches Gleichgewicht. Wie hält man das aus? Plähn reagiert sich mehrmals pro Woche im Sportstudio an den Geräten ab oder fährt raus in die Natur, um abzuschalten. Den Geschmack seiner Lieblingsschokolade kann er allerdings seit seinem ersten Einsatz bei einem Blutbad nicht mehr ertragen. Die „Aromen“ seien sich einfach zu ähnlich.
Sein Job im Mehrfamilienhaus ist nach acht Stunden erledigt. Der Leichengeruch ist weg, es duftet nach Zitronen. Als letztes entfernt er die Namensschilder von der Haustür und vom Briefkasten des Verstorbenen. „In ein paar Wochen wird der Tote nur noch als Erinnerung in den Köpfen der Hinterbliebenen existieren und hier wird vielleicht eine Familie einziehen und für neues Leben sorgen“, philosophiert Tatortreiniger Plähn und zieht behutsam die Tür hinter sich ins Schloss.

Tatortreiniger im TV: Im Fernsehen kennt man Bjarne Mädel als den trotteligen Erni aus „Stromberg“. In seiner neuesten Rolle ist er „Der Tatortreiniger“. Die Comedy-Serie lief im NDR-Fernsehen und wurde mit dem renommierten Grimme-Preis ausgezeichnet. Dirk Plähn hat das Filmteam beraten, wobei die Satire den Beruf gnadenlos überzeichnet. „Ein Leberwurstbrot am Tatort zu essen, wie Schotty es tut, das gibt es in der
Realität nicht“, so Plähn.
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