Der Hundeflüsterer

Hundefriseur Alf Gieraths-Welbat kümmert sich um die Haarpflege von Rufus, einem zwölf Jahre alten Husky-Schäferhund-Mixed. Foto: Hans Kall
 
Emma, zehn Monate alter Shitsu-Malteser-Mixed. Foto: Hans Kall
 
Harry, vier Jahre alter Pekingese, Föhnen kann auch angenehm sein. Foto: Hans Kall

Alf Gieraths-Welbat aus Finkenwerder sorgt dafür, dass es Vierbeinern wieder besser geht

Von Chris Köslin. Nein, man kann wirklich nicht behaupten, der kleine Kenzo würde sich beim Friseur wohl fühlen. Das weiße Köpfchen hat er gesenkt, den Schwanz eingeklemmt und die Pfoten steif ausgebreitet. Er schaut scheu und Hilfe suchend immer wieder zu Frauchen hoch. Er zittert ein wenig, als der Mann mit der Schere sein Hinterbein anhebt und noch mehr von den verfilzten Locken weg schnippelt. Dabei ist das Innere der mobilen Tierpflegepraxis, mit der Alf Gieraths-Welbat in Hamburg und Umgebung zu seinen vierbeinigen Kunden und deren Besitzer auf Bestellung unterwegs ist, bereits mit Haarhaufen übersät.

Mobile Tierpflegerpraxis im umgebauten Krankenwagen


Ob der Kleine das erste Mal in seinem Hundeleben beim Friseur sei, fragt die junge Frau. Bei der ist das schneeweiße Fellknäuel erst vor einer Woche über eine Agentur aus Zypern eingetroffen. „Er ist ein Bichon Frisé, entstammt also einer Rasse, die schon vor Jahrhunderten von den feinen Damen an europäischen Königshöfen verwöhnt und gehätschelt wurde“, sagt der Mann, der wieder Ordnung und Glanz in dessen Aussehen bringt. „Auch Kenzo sieht man noch an, dass er mal der verwöhnte Liebling einer gut betuchten Familie war. Aus Zypern und aus Griechenland werden immer häufig vernachlässigte Straßenhunde zu uns vermittelt, die verstoßen und ausgesetzt werden. Das Elend dieser Tiere ist auch eine der Folgen der Schuldenkrise.“
Aber wer hätte schon für möglich gehalten, dass die Finanzkrise Europas Wellen bis in die rollende Tierpflegepraxis schlägt, mit der Alf Gieraths-Welbat (46) aus Finkenwerder täglich unterwegs ist. Vor den Filialen vom „Futterhaus“ macht er an festen Tagen regelmäßig Station.
„Animal Wellbeing“ hat Alf Gieraths-Welbat groß auf dem ehemaligen Krankenwagen stehen, den er aus Amerika geholt hatte und zu einem rollenden Frisiersalon für Hunde auf vier Rädern umgerüstet hat. Obwohl, das mit dem Frisiersalon hört der Tierfreund nicht so gerne. „Mit Animal Wellbeing biete ich ein ganzheitliches Konzept an“, beschreibt er die Ausrichtung seines speziellen Angebotes. „Wir bieten den Hundebesitzern Beratung und Service auch zu Ernährung und zu problematischem Verhalten eines Hundes an. Und natürlich die Pflege des Fells und der Haare als Hundefriseur.“
Dabei sind es meist heitere und freundliche Geschichten, die Herrchen und Frauchen erzählen, wenn sie ihren bellenden Liebling auf den Frisiertisch von Alf Gieraths-Welbat heben. Emma allerdings hat überhaupt keinen Grund, den Mann anzubellen, der mit der Effilierschere ihre Haare ausdünnt. Das zehn Monate alte Hündchen wedelt unternehmungslustig mit dem Schwanz, legt sich gemütlich hin und genießt die Arbeit des Mannes mit der freundlich sanften Stimme. „Typisch“, sagt Frauchen Christa Laue aus Altona und lacht. „Wenn ich sie zu Hause bürste, schläft sie sogar ein.“ Und erklärend fügt sie hinzu: „Ihre Mutter ist ein Shitsu, der Vater ein Malteser.“ Den Namen „Emma“ hat Ehemann Frank Laue dem schwarz-weißen Fellknäuel mit den lustigen Augen gegeben. „Weil ich Borussia Dortmund-Fan bin. Emma heißt das Mas-kottchen der Borussia, die Biene.“
Dass Emma, die einmal wöchentlich in der Hundeschule ist, sich bei ihrem ersten Friseur-Besuch so wohl fühlt, ist für Alf Gieraths-Welbat keine Überraschung. „Die Tiere spüren sehr schnell, was ihnen gut tut. Und wenn ich in ihre Haare und ins Fell greife, spüre ich, womit ich ihnen Erleichterung und Wohlbefinden bringen kann. Aber auch, ob sich das Fell gesund anfühlt oder ob mit der Ernährung etwas nicht stimmt. Oder wenn einer meiner vierbeinigen Kunden besonders ängstlich oder besonders aufgeregt reagiert, auch darüber rede ich dann mit Frauchen und Herrchen. Gegebenenfalls biete ich eine Verhaltenstherapie an. Mir macht meine Arbeit am meisten Freude, wenn ich spüre und erlebe, dass sich die Hunde nach einem Besuch in meinem Wagen entspannter und wohler fühlen. Und dass die Besitzer vielleicht ein Problem weniger mit ihnen haben. Hingegen sind spezielle Schönheitsfrisuren und rassespezifische Schnitte nicht mein Ding. Dafür bin ich nicht zu haben.“
Als sich Alf Gieraths-Welbat entschloss, seinen Beruf zu wechseln und nicht mehr die Menschen, sondern vor allem Hunde in den Mittelpunkt seiner Arbeit zu stellen, begann er an der „Paracelsus-Schule“ in Hannover zunächst mit einer Ausbildung als Tier-Heilpraktiker. „Nach einem halben Jahr habe ich mich aber zum Hundefriseur ausbilden lassen, dazu auch zum Tierernährungsberater und zum Verhaltenstherapeut für Tiere“, berichtet er. Und er hat auch Wochenendseminare besucht, um beim schwierigen Abschied Sterbebegleitung leisten zu können. Charly, der fast 14 Jahre alte Border Colli der alten, einsamen Frau, fraß schon nichts mehr, trank kaum noch. „Das Tier wollte gehen, aber Frauchen konnte nicht loslassen“, schildert Alf Gieraths-Welbat. „Sie litt selbst darunter. Wir haben Charly ins sein Körbchen gebettet. Ich habe für sanftes violettes Licht und Lavendelduft gesorgt. Der Tierarzt kam, ich habe eine Hand der alten Dame gehalten, mit der anderen hat sie ihren Charly gestreichelt. Und immer wieder hat sie erzählt, wie ihr Mann und der Hund auf dem Sofa gemeinsam ihren Mittagsschlaf gehalten hatten. Ihr Mann war ein Jahr vorher gestorben, der Hund die letzte enge Verbindung zu ihm. Auch deshalb fiel ihr der Abschied so schwer.“

„Tiere sind ehrlicher“, findet Gieraths-Welbat

Die längste Zeit seines beruflichen Alltags hatte Alf Gieraths-Welbat mit der Fort- und Ausbildung von Menschen zu tun. Er war viele Jahre Ausbilder bei der Bundeswehr und half in der Erwachsenenbildung Jugendlichen bei der Bewerbung und Suche nach einem Ausbildungsjob. „Irgendwann konnte ich nicht mehr“, sagt er heute. „Ich wollte mit Tieren, vor allem Hunden, arbeiten. Denn die sind ehrlicher, direkter und dann auch zuverlässiger in ihrer Ansprache. Wenn ein Hund dich nicht mag, macht er dir unmissverständlich klar: Hau ab, sonst beiß ich dich. Genauso deutlich zeigt er dir, wenn er dich mag. Mein Tag unterwegs mit der mobilen Tierpflegepraxis mag noch so anstrengend gewesen sein, ich bin ausgeglichener und zufriedener wenn ich nach Hause komme. Und die Hunde und ihre Besitzer, so hoffe ich, sind es auch.“
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