Der Hausarzt der Seeleute

Schiffsingenieur Ukhan Serhii lässt sich bei Dr. Hagelstein auf seine Seetauglichkeit hin untersuchen. Die Seemannsambulanz steht übrigens auch Landratten offen, die sich vor einer geplanten Reise zum Thema Krankheiten und Impfungen beraten lassen möchten. Foto: cvs

Jan-Gerd Hagelstein leitet die Hamburger Seemannsambulanz – er bekommt aus nächster Nähe mit, wie hart das Leben auf See geworden ist

Von Christopher von Savigny. Der Mann im Behandlungszimmer von Dr. Jan-Gerd Hagelstein macht keinen besonders kranken Eindruck. Das darf er auch nicht: In wenigen Tagen will Ukhan Serhii das Containerschiff „Nordic Stani“ besteigen, das demnächst in den Hamburger Hafen einläuft. „Dort arbeite ich als zweiter Ingenieur“, erklärt der Ukrainer und nimmt auf der Behandlungsliege Platz, damit der Arzt seinen Blutdruck messen kann. Serhii seufzt. „Every year a new certificate“, sagt er.
„Ziemlich aufwendig“ findet der Seemann die Prozedur der Seetauglichkeitsuntersuchung – doch leider ist sie unumgänglich, wenn er seinen Job behalten will. Dr. Hagelstein checkt den Allgemeinzustand seines Patienten, fühlt seinen Puls und horcht die Lunge ab. Wie steht es um die Fitness, um die Sehfähigkeit, um das Hörvermögen? Wird eine Brille, ein Hörgerät benötigt? Wichtige Aspekte, die bei der Arbeit auf See eine Rolle spielen. Auch auf Krankheiten, insbesondere ansteckende, wird der Seemann untersucht – und ob er die für diese Reise vorgeschriebenen Impfungen nachweisen kann. Nach Abschluss des Medizin-checks zeigt sich Hagelstein zufrieden – der Patient bekommt sein Attest und darf an Bord gehen.
Seit rund sechs Jahren arbeitet Hagelstein als Chefarzt und Leiter der Seemannsambulanz Hamburg, die im Untergeschoss des Krankenhauses Groß-Sand zuhause ist. Ursprünglich hat er Schifffahrtskaufmann gelernt und sattelte anschließend zum Marinearzt um. „Das maritime Flair hat mich schon immer interessiert“, sagt er.

Mediziner und Seelentröster in allen Lebenslagen

Tauglichkeitsprüfungen gehören zu seinem Aufgabengebiet wie auch die Behandlung von Krankheiten und Verletzungen. „Bauchweh, Seekrankheit und Hexenschuss“ fallen Hagelstein als erstes ein. „Dramatische Fälle haben wir eigentlich selten. Hier und da fischen wir vielleicht mal 'ne Malaria oder 'nen Herzinfarkt raus.“ Viele seiner Patienten wollten auch einfach nur reden. „Wenn man als junger Kadett zum ersten Mal allein unterwegs ist, kann man ganz schön vereinsamen“, berichtet er. Heimweh nimmt der Mediziner sehr ernst: „Es kann durchaus mal vorkommen, dass man aus medizinischen Gründen die Repatrisierung einleiten muss“, sagt er. Gefährdet seien insbesondere Besatzungsmitglieder, die ohne Landsleute auf große Fahrt gingen – ohne soziale Bindung und ohne Möglichkeit, die eigene Sprache sprechen zu können.
Im Wartezimmer sitzt ein paar Besucher und unterhalten sich über ihre nächsten Törns: „Ich komme aus der Gastronomie, habe jetzt einen Job auf einem Kreuzfahrtschiff bekommen – die ,Europa 2'“, erzählt Sina Dietl (23) aus München aufgeregt. „Bei dem Job ist voller Einsatz gefordert. Ich freue mich aber trotzdem drauf“, sagt sie. Ihr Gegenüber geht als Smutje (Schiffskoch) an Bord der „Aida Prima“: „Zehn bis zwölf Stunden am Tag – man muss es mögen“, sagt Kurt Siedschlag. Noch ein knappes halbes Jahr – dann geht er in Rente. „Bin ja auch schon 65.“

Seeleute gehen erst mit „Kopf unterm Arm“ zum Arzt


Mediziner, Seelentröster, Ansprechpartner in jeder Lebenslage – Dr. Hagelstein erfüllt viele Funktionen. Am besten gefällt im der Begriff „Hausarzt der Seeleute“. „Das trifft es ziemlich gut“, sagt der 58-Jährige. Eine Oberärztin und zwei Praxishilfen gehören zu seiner Abteilung, die Anfang 2015 in das Krankenhaus Groß-Sand eingegliedert wurde. Zuvor war die Seemannsambulanz eine eigenständige Einrichtung. Der Zusammenschluss brächte einige Vorteile, so Hagelstein. Gerade im Fall komplexer Erkrankungen, bei denen verschiedene Fachrichtungen gefragt seien, könnten
Diagnostik und Therapie jetzt zeitnah und auf kurzem Weg realisiert werden. „Es ist zum Beispiel viel einfacher geworden, einen Patienten mal eben zum Röntgen zu schicken“, erklärt Hagelstein. Auch den zeitraubenden Papierkram übernehme nun die Klinik für ihn. „Ich kann mich mehr um meine Arbeit kümmern“, sagt er.
Ab und zu kann man den Arzt auch auf „Hausbesuch“ an Bord eines großen Schiffes erleben. Zum Beispiel, wenn der Patient nicht zu ihm kommen kann, oder wenn noch ein paar Impfungen fehlen und die Zeit an Bord knapp bemessen ist. „Weil die Liegezeiten immer kürzer werden, haben die Betroffenen oft gar keine Zeit, zu mir in die Praxis zu kommen“, berichtet Hagelstein.
Der Kapitän entscheidet, ob und wo der Seemann einen Arzt aufsuchen darf. Generell beobachtet Hagelstein eine zunehmende Hemmschwelle, zum Arzt zu gehen. „Seeleute können es sich kaum noch leisten, krank zu werden.“ Hauptgrund sei die Angst, den Job zu verlieren. Früher sei er oft um Krankschreibungen gebeten worden, heute sei das nicht mehr so. „Heutzutage meldet sich ein Seemann erst krank, wenn er den Kopf sprichwörtlich gesagt unter dem Arm trägt.“


Seemannsambulanz besuchen

Im Rahmen eines Volkshochschulkurses können Teilnehmer die Arbeit der Seemannsambulanz vor Ort erleben. Kursleiter Burkhard Kleinke bietet am Donnerstag, 27. Oktober, von 14.20 bis 16 Uhr, einen Besuch in der Ambulanz an. Auf dem Programm steht ein Vortrag von Dr. Hagelstein. Kosten: sieben Euro. Info und Anmeldung unter
Tel. 428 41 21 42 oder per E-Mail an u.ogan@vhs-hamburg.de AD
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.