Der deutsche George Best

Mit den Raimondos rockte er den Landkreis bis nach Stade. Repro: Stahlpress
 
Am Hamburger Rothenbaum: Flanke Dörfel, Kopfball Seeler, Tor für den HSV. Foto: Stahlpress/Kaiser

Am 18. September wird Charly Dörfel, der ersten Popstar der Bundesliga, 75. Wir haben die HSV-Legende in seinem Musikkeller in Meckelfeld besucht.

Von Volker Stahl. Tatort Volksparkstadion. Der Schiedsrichter pfeift einen Freistoß für die Gäste aus München. Eine krasse Fehlentscheidung. Linksaußen Charly Dörfel reklamiert und wird ermahnt: „Noch ein Wort!, dann ...“ Doch der HSV-Star hat sein lockeres Mundwerk nicht im Zaum und poltert weiter. „Ihr Name?“, fragt der Pfeifenmann den verdutzten Dörfel schließlich. Der knurrt „Meier“ und fliegt wegen Schiedsrichterbeleidigung vom Platz. Als der Dialog tags darauf die Zeitungsspalten füllt, lacht sich Fußballdeutschland wieder einmal schlapp über Charly, den Schelm in kurzen Hosen.
So lustig ging es in der Bundesliga der späten sechziger Jahre öfter zu – jedenfalls wenn Charly mitspielte. Gert Dörfel, der wegen seiner Schlitzohrigkeit nach der Witzfigur mit Nachnamen Brown gerufen wurde, galt nicht nur als der begabteste Linksaußen der Nachkriegsära, sondern konnte auch mit einer gehörigen Portion Showtalent aufwarten. Noch vor Franz Beckenbauer und Gerd Müller nahm Dörfel eine eigene Schallplatte auf. „Das kann ich Dir nicht verzeih’n“ schmachtete er ins Mikrofon.
Nicht nur wegen dieses Ausflugs vom Stadion ins Studio – Dörfel, Jahrgang 1939, war der erste Popstar des deutschen Fußballs. Auch sein Verschleiß an Frauen und teuren Autos war gleichermaßen skandalträchtig wie starkompatibel. Er selbst bringt seine Ausnahmestellung im Fußball unter Adenauer, Erhard und Kiesinger auf den Punkt: „Ich hätte eigentlich in Hollywood spielen müssen.“
Hat er aber nicht. Dafür hat Charly, der am 18. September 75 Jahre alt wird, ein Stück Hollywood in den Keller seines schmucken Eigenheims in Meckelfeld geholt. Der Ort ist eine Mischung aus privatem Fußballmuseum und Mini-Disko mit Lichtorgel und Glitzerkugel an der Decke. Neben Bildern, die Charly mit anderen Größen des Fußballs wie Uwe Seeler zeigen, wummert eine Jukebox, dazu grüßt ein lebensgroßer Elvis aus Pappe, den Dörfel von einem seiner USA-Trips – er besitzt ein Haus in Oklahoma – mitgebracht hat. Nicht nur von seinem großen musikalischen Idol Presley besitzt er fast alle Schallplatten, sondern auch von anderen Stars aus der Hochzeit des Rock’n’Roll wie Bill Haley, Little Richard oder Gene Pitney. Insgesamt 14.000 Tonträger aus Vinyl und 6.000 CDs stapeln sich in seinen vollgestopften Regalen – alles nach Interpreten sortiert.
Immer auf der Suche nach Raritäten, hat der Musikliebhaber, der nach seiner HSV-Zeit auch in Südafrika und Kanada kickte, seine Sammlung mit Schnäppchen aus der ganzen Welt zusammengetragen: „Ich musste beim HSV öfter in die Mannschaftskasse einzahlen, weil ich auf Reisen nach Chicago und New York zu spät aus den Plattenläden zurückgekommen war.“

Profis wie Dörfel, Sepp Maier oder „Ente“ Lippens gibt es nicht mehr

Doch nicht nur musikalische Konserven hatten es dem Linksaußen des HSV angetan – gerne war er auch in Musikclubs zu Gast: „Nach Heimspielen gingen wir oft ins Top Ten oder in den Starclub auf St. Pauli. Wenn wir HSV-Spieler kamen, wurden die Backfische mit der Cola in der Hand immer aus der ersten Reihe verscheucht.“ Im legendären Top Ten habe er mit dem jungen und damals noch unbekannten Paul McCartney in „broken Deutsch“ über Musik geplaudert. Die Songs von Interpreten wie Roy Orbison („Blue Bayou“) lässt Charly noch heute aus seiner Jukebox dudeln – „am liebsten laut“.
Den Dörfels wurde neben dem fußballerischen Talent auch die Musik in die Wiege gelegt. Schon Vater Friedo brillierte als Sänger. Sohn Charly hat eine Single mit der Hamburger Band Raimondos aufgenommen: „Wir hatten 1964/65 viele Auftritte in der Provinz. Stets vor voller Hütte.“ Nach Winsen, Buxtehude und in die Stader Schützenhalle kamen bis zu 1.000 Besucher, die staunten, wie Charly mit hoher Stimme Süßholz raspelte. „Die dachten, ich sei eine Olle“, erinnert sich Charly, der „zwei Wannen“ voll mit Post bekam: „Von Weibern und Kerlen“, die beim Hören von „Carla Dörfels“ Stimme dahinschmolzen. „Heute wäre ich mit meiner Eunuchenstimme berühmt geworden, die quietschen alle doch nur noch rum.“
Charly Dörfel steht für eine Zeit, die längst vergangen ist. Originale wie „Ente“ Lippens, Sepp Maier und er sind längst ausgestorben. Die Epoche der Jetztzeit wird von stromlinienförmigen Profis dominiert.
Zur Tragik des Charly Dörfel gehört, dass er in späteren Jahren sein Geld als Ermittler des Ordnungsamtes Hamburg-Stellingen verdienen musste, indem er nach widerrechtlich entsorgten Autos fahndete. Als Fußballprofi hatte er zwar nicht schlecht verdient, von den heute gezahlten Gehältern aber nur träumen dürfen.

Zum Bürgermeister sagte er: Halten Sie Ihre Stadt mal gut in Schuss!

„Meine Berühmtheit kommt aus den Anekdoten“ erklärt Dörfel das bis heute nicht abebbende Interesse an seiner Person. „Ich war immer der Tünnes und Schäl des Nordens.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Höchstens Charlys finaler Gruß nach einem Spiel der deutschen Amateurauswahl im westfälischen Siegen, als er den Rathauschef mit dem Spruch verabschiedete: „Na, Herr Oberbürgermeister, dann halten Sie ihre Stadt mal gut in Schuss.“

Die Dörfels

Charly entstammt der größten Fußballdynastie Harburgs, die am Mopsberg im Phoenenix-Viertel das Fußballspielen lernte. Schon Vater Friedo und sein Onkel, von den Fans nur „König Richard“ gerufen, brachten es zu einiger Berühmtheit. Auch Bruder Bernd streichelte den Ball ebenso liebe- wie kunstvoll mit seinen Füßen. Alle drei waren sie Nationalspieler. Nur Fußball-Rastelli Richard durfte während der Nazizeit nicht im Dress der elf Besten antreten. Er bewies königliche Haltung, indem er den „Führergruß“ verweigerte.
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