Der Bücherhörer

Jetzt gibt's was auf die Ohren: Medienbote Gerd Reimers (74, li.) hat Wilhelm Simonsohn neue Hörbücher mitgebracht. „Er konsumiert gern und reichlich“, sagt Reimers. Foto: cvs
 
Ganz einfach zu bedienen!“ Wilhelm Simonsohn demonstriert die Funktionsweise eines Abspielgeräts speziell für Hörbücher. Es kann ebenfalls bei den Bücherhallen entliehen werden. Foto: cvs

Vom Bücherhallen-Projekt Medienbote lässt sich Wilhelm Simonsohn (97) regelmäßig mit frischer Hörbuch-Literatur versorgen

Von Christopher von Savigny. Auf dem Tisch liegt ein dicker Stapel mit Hörbuch-CDs. Wilhelm Simonsohn greift nach der zuoberst liegenden Hülle. „Sehr drastisch geschildert, sehr direkt formuliert“, urteilt er zum Beispiel über „Berlin Feuerland“ von Titus Müller. „Den Dreck, den der Autor da schildert, kann man förmlich riechen.“
Wilhelm Simonsohn ist 97 Jahre alt. Seit 1962 lebt er an der gleichen Adresse in der Von-Sauer-Straße. Seine Augen sind fast blind, aber sein Geist ist rege wie der eines Teenagers. Zwar hat er seit 15 Jahren kein Buch und keine Zeitung mehr gelesen, aber mithilfe eines Bildschirmlesegeräts kann er seine Kontoauszüge überprüfen. Wenn er fernsieht, setzt er sich direkt vor den Apparat, nimmt eine Lupe zur Hand, guckt sich kurz die Leute an, die auf dem Bildschirm zu sehen sind – und lehnt sich zurück. „Ich liebe Talkshows“, sagt er. „Anhand der Gesten und der Stimmen merke ich mir, wer dort gerade spricht. Das reicht mir, um die Sendung zu verfolgen.“

Jede Woche schaut der Medienbote vorbei

Und er liebt Bücher – Bücher, die er nicht mehr lesen kann, aber dafür hören. Ein sogenannter Medienbote der Öffentlichen Bücherhallen bringt ihm regelmäßig neue geistige Nahrung vorbei. „Dass ich auf jemanden wie Herrn Simonsohn getroffen bin, ist ein echter Glückstreffer“, sagt Gerd Reimers (74), pensionierter Richter und seit acht Jahren Medienbote für seinen Bahrenfelder „Kunden“. Der gibt das Kompliment sofort zurück. „Wir hatten sofort einen guten Draht zueinander“, findet Simonsohn. Aus dem Grund schaut Reimers sogar wöchentlich – jeweils für zwei bis drei Stunden – bei seinem Schützling vorbei, obwohl der Medienbote offiziell nur einmal pro Monat zu kommen braucht. Auch, wenn er gar keine neuen Hörbücher im Gepäck hat. „Dann quatschen wir als erstes“, sagt Reimers.

Simonsohn liebt Sachbücher und den neuen Juli Zeh


Simonsohn kann auf eine bewegte Lebensgeschichte zurückblicken: Als Adoptivkind eines jüdisch-stämmigen Vaters und einer christlich geprägten Mutter in der Steenkampsiedlung in Bahrenfeld aufgewachsen (siehe auch Kasten unten), dient er im Zweiten Weltkrieg als Aufklärer mit einer „Ju52“ (die legendäre „Tante Ju“) in der Luftwaffe der Wehrmacht. Insgesamt fünf Abstürze überlebt er „mit Gottes Hilfe“. Nach dem Krieg heiratet er und bekommt zwei Kinder. Über sein Leben hat er ein Buch geschrieben, das der neun Monate ältere Helmut Schmidt „mit großem Interesse“ gelesen hat.





In der 1970er- und 1980er-Jahren reist Simonsohn mit seiner Frau durch Europa und Afrika. Bis heute ist der 97-Jährige ein vielseitig interessierter Mensch geblieben. „Er hat geschichtliche Daten auf Lager – da bin ich völlig hilflos“, sagt sein Medienbote Reimers.
Zu Simonsohns Lieblings-Hörbüchern zählen historische Romane und Sachbücher. Ein 14-stündiges Werk über die deutsche Geschichte („Ganz wunderbar erzählt!“) hat er sich nach dem Hören selbst gekauft und seiner Familie warm ans Herz gelegt. Die Spiegel-Bestsellerlisten kennt er zwar nicht. Trotzdem kann er auch neuen, jungen Autoren eine Menge abgewinnen. „Das ist gute Literatur!“, sagt er etwa über den Roman „Unterleuten“ von Juli Zeh. „Wie ein Musikstück, das vielleicht nicht immer so gefällt, aber dafür sind die Musiker toll!“
Der Lesestoff – vielleicht sollte man besser „Hörstoff“ sagen – dürfte Simonsohn jedenfalls nicht so bald ausgehen: Über 6.000 Titel haben die Bücherhallen extra für Kunden der Medienboten reserviert, davon 3.000 Hörbücher und 500 Großdruckbücher. Seit 2007 gibt es das Projekt. „Der Medienbote wird zur vertrauensvollen Bezugsperson und trägt dazu bei, die gesellschaftliche Teilhabe und Lebensqualität des nicht mobilen Menschen erheblich zu steigern - einerseits durch die regelmäßige Versorgung mit aktuellen Medien, andererseits durch den Besuch selbst“, sagt Uta Keite, Geschäftsführerin der Bücherhallen Medienprojekte gGmbH. Aktuell engagieren sich rund 150 Ehrenamtler als Medienboten. Als kleine „Entschädigung“ bekommen sie eine Kundenkarte der Bücherhallen geschenkt. Die Kunden benötigen ihrerseits einen Leihausweis (ab 15 Euro pro Jahr). Bei kleinem Geldbeutel kann diese Gebühr erlassen werden.


Stolperstein

Als Andenken an Wilhelm Simonsohns Adoptivvater Leopold wurde vor dem Haus an der Ebertallee 203 ein Stolperstein verlegt. Der Kohlenhändler Leopold Simonsohn, der Jude war, wurde am 9. November 1938 ins KZ Sachsenhausen abgeholt. Wilhelm Simonsohn sprach – in Wehrmachtsuniform und mit dem Orden seines Vaters – beim Gauamtsleiter vor. Nach vier Wochen Haft wurde Leopold Simonsohn entlassen und starb am 10. Dezember 1939 an den Spätfolgen der Haft. ❱❱ www.wilhelm-simonsohn.de
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