Das Ziel heißt: Geregelte Arbeit!

Spencer Thomsen-Röder ist in der Buchbinderei sowie für die Mitarbeiterzeitung tätig. Foto: A. Schirle
 
Mitarbeiter Jürgen Buhr packt in der Abteilung für Verpackung und Konfektionierung dort mit an, wo Maschinen oft nicht weiterkommen. Foto: A. Schirle

Die Elbe-Werkstätten beschäftigen rund 3.200 Männer und Frauen

Jens Beeskow, Harburg

Arbeit ist das halbe Leben! Für Menschen mit einer Behinderung oder einer psychischen Erkrankung ist die Integration in den Arbeitsmarkt jedoch oft eine große Herausforderung. Dieser Menschen nehmen sich in Deutschland mehr als 700 Werkstätten an. Hier werden zahlreiche Arbeitsangebote geschaffen, die nicht nur dafür sorgen, dass beeinträchtigte Menschen überhaupt in Beschäftigung kommen, hier werden sie auch auf eine (Wieder-)Eingliederung in den allgemeinen Arbeitsmarkt vorbereitet. In Hamburg beschäftigen unter anderem die Elbe-Werkstätten rund 3.200 Frauen und Männer (Stand 2016), die entweder noch nie einer geregelten Arbeit nachgehen konnten, oder die aufgrund von psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Psychosen aus dem regulären Arbeits-Kreislauf herausgefallen sind.
Im Raum Harburg gibt es mehrere Standorte: Der Betrieb Elbe-Süd in Marmstorf und Hausbruch sowie der Betrieb Elbe ReTörn.
Die Elbe-Werkstätten sind in dieser Form seit 2011 aktiv, als sich die Winterhuder, die Hamburger und die Elbe-Werkstätten zusammenschlossen und fortan über die gesamte Hansestadt verteilt eine der größten Werkstätten Deutschlands sowie einen der 20 größten Arbeitgeber der Metropolregion Hamburg darstellen. Dabei steht den Behinderten ein ausgesprochen breites Arbeitsangebot zur Verfügung. Es gibt Jobs in den Bereichen Verpackung und Konfektionierung, in der Digitalisierung und Daten-Archivierung, in der Gastronomie, in Montageberufen, in der Buchbinderei, der Näherei und vieles mehr. „Das übergeordnete Ziel ist der allgemeine Arbeitsmarkt, also möglichst dauerhafte tarifliche Arbeitsverträge“, unterstreicht Jens Rabe, Betriebsleiter bei Elbe ReTörn. „Das haben wir in den vergangenen vier Jahren für ungefähr 100 Menschen erreicht. Das ist wirklich eine Menge.“ Aber es gibt eine Vielfalt von Zwischenschritten auf dem Weg dorthin. „Neben einer zweijährigen Berufsbildung lagern wir auch einzelne Mitarbeiter oder Arbeitsgruppen in externe Partnerunternehmen aus. Etwa ein Drittel unserer Arbeitsplätze werden in dieser Form angeboten.“
Darüber hinaus haben die Elbe-Werkstätten einige Angebote außerhalb der eigentlichen Werkstatt ins Leben gerufen, die ihre Mitarbeiter weitestgehend hauptverantwortlich betreuen. So gibt es einen CAP-Supermarkt in der AlsterCity, den Fahrradladen „Die Kette“ am Standort im Friesenweg sowie in Harburg das sehr erfolgreiche Atelier „Freistil“, wo behinderte Menschen ihre Kunst sogar schon international ausgestellt haben, und die bekannte Rieck-hof-Kneipe. Ende der 1990er-Jahre hatte das Kulturzentrum im Seeve-Viertel den Betrieb an die Elbe-Werkstätten verpachtet. „Mittlerweile haben wir hier ein von Fachleuten angeleitetes Team von rund 30 Leuten, das nicht nur die Kneipe und im Sommer auch einen Biergarten betreibt, sondern außerdem den Rieckhof für Veranstaltungen herrichtet, Stadtbild-Pflege betreibt und selbst große Catering-Aufträge wie etwa die jährliche Willkommensveranstaltung der TU Harburg mit über 1.000 Gästen stemmen kann“, berichtet Jens Rabe. „Die Rieck-hof-Kneipe ist ein tolles Projekt, weil wir da andere Arbeitszeiten anbieten können, weil Menschen mit Behinderung dort soziale Kontakte schließen und pflegen können. Es gibt einen kostengünstigen Mittags-tisch für Senioren, und nicht zuletzt ist es wohl die HSV-Hochburg in Harburg.“
Möglich ist der Erfolg der eigenen Angebote nicht zuletzt, weil insgesamt eher geringe Personalkosten anfallen. Zwischen 100 und 300 Euro verdienen die Mitarbeiter der Elbe-Werkstätten im Schnitt als Aufstockung zur Grundsicherung. Außerdem zahlen die Werkstätten einen Sozialversicherungsbeitrag für einen durchschnittlichen Arbeitnehmer in Hamburg. „Im Vergleich zu einem normalen tariflichen Einkommen ist das natürlich wenig“, gibt Rabe zu, „aber für die Menschen hier zählen vor allem andere Werte.“ Sie bekämen hier eine Tagesstruktur, pflegen untereinander wichtige soziale Kontakte. Darüber hinaus gibt es eine Fahrkarte für den Nahverkehr, bei Bedarf einen Fahrdienst und ein tägliches Mittag-essen.
Diese Vorteile nennt auch Spencer Thomsen-Röder im Gespräch mit dem Besucher. Der 47-jährige Harburger war Journalist, bevor er 2012 bei den Elbe-Werkstätten anfing, wo er seit einem Jahr hauptsächlich in der Buchbinderei arbeitet. „Die Werkstätten sind ein tolles Unternehmen“, findet er. „Die Leute finden hier einen geregelten Tagesablauf vor, und dass sie hier am Arbeitsmarkt teilhaben und etwas leisten können, gibt ihnen großes Selbstvertrauen. Hier kann man soziale Kontakte pflegen, was ungemein dabei hilft, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern.“
Die Arbeit in der Buchbinderei macht ihm großen Spaß. Hier werden vor allem nicht vorrätige Bücher qualitativ hochwertig „on demand“, also auf Anfrage, produziert. Doch Spencer Thomsen-Röder hat auch seinen ursprünglichen Beruf nicht aus den Augen verloren. Als ehrenamtlicher Journalist schreibt er regelmäßig für die firmeninterne Zeitung „Elbe Echo“. Gern würde er in Zukunft auch wieder auf dem freien Arbeitsmarkt als Journalist arbeiten. Dafür schaut er sich nach Möglichkeiten der Weiterbildung um. Dass das eine große Herausforderung ist weiß er, aber mit den Elbe-Werkstätten als Unterstützung wird sie sicher ein bisschen leichter zu meistern sein.
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