„Das rockt hier!“

„Die Kündigung macht unser Geschäft kaputt“: Klaus Meerkötter. Fotos: cvs
 
Vielseitig begabt: Sanne Neumuth näht und verkauft Kinderkleidung. Neuerdings macht sie auch die Öffentlichkeitsarbeit für die Zinnwerke.

Mieter der Wilhelmsburger Zinnwerke wehren sich gegen ihren drohenden Rausschmiss

Von Christopher von Savigny. Im Arbeitszimmer von Christin Hinrichs ist die große Wandtafel mit Kreide vollgekritzelt. Für die Kinder, die da gemalt haben, steht nebenan ein Korb mit Spielzeug. Und für den Fall, dass die Kleinen mal Ruhe brauchen, gibt es sogar einen Schlafplatz. Hinrichs, Mutter zweier Kinder im Alter von ein und vier Jahren, ist froh, keine „Teilzeitmutter auf dem Abstellgleis“ zu sein: „Für mich ist das die perfekte Art, Leben und Arbeiten unter einen Hut zu bringen“, sagt sie. Seit einem Jahr arbeitet die selbständige Online-Projektmanagerin in den ehemaligen Zinnwerken am Veringkanal. Ihr Büro teilt sie sich mit Jörg Ehrnsberger, der für die Bildungsorganisation „Teach First“ Schulen im Hamburger Süden betreut. Hinrichs findet es spannend, in einer kreativen Umgebung zu arbeiten. Nebenan wird gerade der Wilhelmsburg-Dokumentarfilm „Die Wilde 13“ geschnitten, und zwei Türen weiter machen sie das Programm für das wiederbelebte Rialto-Kino. „So einen Arbeitsplatz findet man wirklich selten“, findet Hinrichs.
Insgesamt 24 Künstler, Kulturwissenschaftler und Selbständige arbeiten in dem 800 Quadratmeter großen Gebäude am Ve-ringhof, darunter ist auch die Hirn und Wanst GmbH, die Produzentin der bundesweit bekannten Kult-Kochsendung „Konspirative Küchenkonzerte“. Doch das Wilhelmsburger Arbeits-Idyll ist in Gefahr: Nach dem Willen der Finanzbehörde sollen die 1903 erbauten Zinnwerke abgerissen werden. Auf dem Grundstück ist eine bis zu 18 Meter hohe Halle für den Fundus der Hamburgischen Staatsoper geplant. Sämtlichen Mietern wurde zum 30. Juni gekündigt. Die wehren sich dagegen, indem sie an die Öffentlichkeit gehen. „Wir sind das, was den Stadtteil liebens- und lebenswert macht“, findet Marco Antonio Reyes Loredo. Der Hauptmieter und Geschäftsführer der Hirn und Wanst GmbH lebt seit sechs Jahren in Wilhelmsburg. Er ist begeistert von seinem Gewerbeprojekt. „Das rockt hier!“, sagt er.
Auf der gegenüberliegenden Flurseite liegt das Atelier von Sanne Neumuth. Die studierte Kulturwissenschaftlerin hat ständig neue Eisen im Feuer: „Aus mir sprießen die Ideen nur so raus“, sagt sie. Unter ihrem eigenen Label „kombinaht“ näht und verkauft sie Kinderkleidung, daneben kümmert sie sich um die Öffentlichkeitsarbeit für eine Konzertreise der Dresdner Sinfoniker. Neumuth organisiert das Kurzfilmprogramm für die Interfilm Berlin, stellt das Programm für Hafenklang und Gängeviertel zusammen und wagt sich an so ungewöhnliche Projekte wie die Wohnwagen-Sauna „Verschwitzt“, die im April die Besucher der Zinnwerke begeisterte. Inspirieren lässt sich die umtriebige junge Frau gerne von Gesprächen mit ihren Arbeitskollegen. „Hier trifft sich das kreative Potenzial“, sagt sie. „Davon können wir alle profitieren!“
Die Wilhelmsburger Kreativen kämpfen gemeinsam mit ihren Nachbarn, für die es um ihre Existenz geht: Klaus Meerkötter betreibt seit Jahrzehnten gemeinsam mit seiner Frau Renate einen Getränkemarkt, nächstes Jahr wollte der Betrieb sein 60-jähriges Jubiläum feiern. Auch er hat eine Kündigung der städtischen Sprinkenhof AG erhalten. „Unser Geschäft geht kaputt“, sagt er traurig. Meerkötter hat sich auf die Getränkeauslieferung spezialisiert: Er versorgt Kindergärten, Werften, Tennisclubs und Altentagesstätten auf der Elbinsel. Erst vor zwei Jahren musste der alteingesessene Laden vom Wilhelmsburger Bunker in den Ve-ringhof umziehen. „Wir haben bestimmt 10.000 bis 20.000 Euro investiert“, berichtet Meerkötter.
Auch zwei Kfz-Betriebe am Veringhof sind von den Plänen der Behörde betroffen. „Wir haben im letzten Jahr 1,4 Millionen Euro Umsatz gemacht, ich wollte eigentlich neues Personal einstellen“, sagt Oktay Akkaya, Inhaber einer Autoteilefirma. Der Wilhelmsburger ist seit zehn Jahren SPD-Mitglied. „Um so mehr enttäuscht mich die politische Entscheidung!“ Jetzt fordert er einen langfristigen Mietvertrag.
Warum der Opernfundus ausgerechnet nach Wilhelmsburg umziehen muss, bleibt ein Rätsel: Denn laut einer von der Finanzbehörde in Auftrag gegebenen Machbarkeitsstudie gibt es in Billbrook und in Moorfleet zwei Flächen, die sich erheblich besser eignen. Diese Grundstücke möchte die Behörde offenbar lieber an private Gewerbetreibende vermieten, die mehr Miete als die Oper zahlen könnten. „Der Standort in Wilhelmsburg eignet sich gut für die Unterbringung des Opernfundus“, sagt Björn Domroese, Sprecher der Finanzbehörde. Dabei solle aber die „Kreativwirtschaft“ nicht verdrängt werden. Bahnt sich da eine Lösung für die Mieter an?
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.