Das Leben der anderen

50 Hamburger demonstrierten im Mai an der Alster für Unterkünfte für Wohnungslose.
 
Notausgang für die Notunterkunft: Am Haus wurde ein Treppengerüst angebracht, über das im Notfall die Bewohner das Gebäude verlassen können.

Das Schicksal der der Wohnungslosen bewegt heute viele Menschen – auch dank des Obdachlosenmagazins „Hinz & Kunzt“, das vor 20 Jahren gegründet wurde.

Von Reinhard Schwarz. Auf diesen Stühlen wird kein Obdachloser mehr sitzen. Sie sind verbrannt wie alles, was die neun Bewohner unter der Kennedybrücke zurück lassen mussten. Sie waren von Jugendlichen bedroht worden, die den kleinen Unterstand an der Alster als ihr Revier reklamiert hatten.
Nach dem Brand, der Mitte Mai passierte, stehen 50 Demonstranten zwischen angekohlten Büchern und Aschehaufen. Ihnen reicht es, dass die Situation für Wohnungslose in der reichen Stadt Hamburg immer schlimmer wird. Zur Kundgebung hat das Hamburger Aktionsbündnis gegen Wohnungsnot aufgerufen, dem unter anderem Wohlfahrtsverbände wie die Ambulanten Hilfe Hamburg, Caritas, Diakonisches Werk und die Obdachlosenzeitung „Hinz & Kunzt“ angehören.
„Platte machen ist kein Camping“, sagte Stephan Karrenbauer, Sprecher von „Hinz & Kunzt“. Gewalt gegen Obdachlose sei kein Einzelfall, die Dunkelziffer hoch, weil wenige Betroffene Anzeige erstatteten.
Dass sich inzwischen viele Hamburger über die Situation der Wohnungslosen empören, liegt nicht zuletzt an dem Magazin, das vor 20 Jahren gegründet wurde und von dem 64.000 Exemplare pro Monat verkauft werden.
Zwei Verkäufer von den rund 500, die einen Euro pro verkaufter „Hinz und Kunzt“ verdienen, sind Harald (47) und Torsten (48), die regelmäßig Hamburger und Touristen auf einen alternativen Stadtrundgang mitnehmen. Sie zeigen Plätze, die in keinem Reiseführer stehen und nennen das „Nebenschauplätze“. Torsten lebt seit sechs Jahren auf der Straße und schläft meist in leer stehenden Häusern. Harald hat vor knapp elf Jahren eine kleine Wohnung in Wilhelmsburg gefunden. „Es war ein glücklicher Zufall“, sagt Harald, der zuvor sieben Jahre auf der Straße gelebt hatte.
Harald und Torsten gehen mit den Teilnehmern des Rundgangs zu einem ehemaligen Bürohaus in der Spaldingstraße in der Nähe des Hauptbahnhofs. Während des Winternotprogramms war dort eine Notunterkunft mit 230 Plätzen. „Die meisten Räume sind Viererzimmer, aber es gibt auch Acht-Bett-Zimmer, das kann man sich nicht aussuchen“, so Torsten. Morgens um 9 Uhr müssen die „Nichtsesshaften“ das Haus wieder verlassen.
Das ganze Jahr über hat das „Pik As“ in der Neustadt geöffnet. „Viele Obdachlose gehen dort nicht hin. Sie befürchten, dort bestohlen zu werden. Oftmals kommt es in den Mehrbettzimmern zu Gewaltausbrüchen“, so Harald.
Ein Teilnehmer der Führung fragt: „Werden auch Leute nach Hause geschickt?“ Torsten kann sich ein Grinsen nicht verkneifen: „Sie haben ja kein Zuhause mehr.“
Die Teilnehmer des Rundgangs hören aufmerksam zu, manche haben sich schon vorher intensiv mit dem Thema beschäftigt. „Für mich ist das eigentlich nichts Neues“, sagt Katja Schwarz, die mit ihrem Mann Reiner (beide 47) aus Gießen zu Besuch in Hamburg ist. „Obdachlosigkeit ist auch bei uns in Gießen ein Problem. Wenn jemand meint, ihm passiere so was nicht, sage ich: Das ist gelogen.“ Bärbel Blöcker (65) aus Hamburg-Hamm sagt: „Ich kaufe seit einiger Zeit die ,Hinz & Kunzt’ und hatte immer vorgehabt, an dieser Führung teilzunehmen. Die normalen Stadtrundgänge kennt man ja zu Genüge.“
Aktuelle Angaben über die Zahl der Obdachlosen in Hamburg gibt es nicht. Nach einer Erhebung von 2009 waren 1.029 Menschen ohne Dach über dem Kopf. Doch inzwischen hat sich die Situation durch den Zuzug von Arbeitssuchenden aus Polen, Bulgarien und Rumänien verschärft. Die Sozialbehörde ging 2011 dazu über, von diesem Personenkreis einen Nachweis über den Anspruch auf Grundsicherung zu verlangen. Das stieß wiederum auf die Kritik der Sozialverbände: Die Einrichtungen dürften nicht nur für Deutsche sein.
„Wir fordern den Senat auf, Unterkünfte zu schaffen, die auch angenommen werden. Wir brauchen Unterkünfte, in denen die Menschen sich erholen und die Tür hinter sich zumachen können“, sagt „Hinz & Kunzt“-Sprecher Karrenbauer
Das Aktionsbündnis fordert eine Verbesserung der Notquartiere und mehr Einzelzimmer. Es will auch die Saga/GWG in die Pflicht nehmen. Das städtische Wohnungsunternehmen mit seinen rund 130.000 Wohnungen müsse mehr Raum für Obdachlose zur Verfügung stellen.
Der alternative Stadtrundgang ist schon einige Minuten vorbei, als Harald über Gewalt gegen Wohnungslose spricht. „Ich wurde von betrunkenen Jugendlichen in den Rücken getreten, als ich in einem Geschäftsingang in der Mönckebergstraße in meinem Schlafsack lag.“ Das war 1999. Eine Anzeige hat Harald wegen des Vorfalls nie erstattet. Die neun Obdachlosen von der Kennedybrücke hingegen schon. Die Polizei, hat daraufhin einen 17-Jährigen festgenommen, der die Tat gestanden hat.

KASTEN: Die Situation der Wohnungslosen hat sich weiter verschärft: Es sind geschätzte 100 bis 300 Afrikaner, die seit einigen Monaten auf den Straßen Hamburgs leben. Sie hatten in Libyen gearbeitet, flohen vor Revolutionswirren und Bombardements 2011 übers Mittelmeer nach Italien. Zwei Jahre irrten sie dort umher, bis der italienische Staat sie unrechtmäßig nach Hamburg weiter-schickte. Hier landeten sie ohne jeden rechtlichen Status auf der Straße. Verhandlungen zwischen Kirche und Politik scheiterten. Aus Nächstenliebe, öffneten Pastor Sieghard Wilm und seine Gemeinde die Türen der St. Pauli Kirche. Im Kirchenraum schlafen jetzt jede Nacht mehr als 70 afrikanische Flüchtlinge. CH
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