Das längste Spiel der Welt

Auch wenn es noch eine 0:11-Pleite hagelt: Die Flüchtlinge wollen den Berg groß machen. Foto: Roman Pawlowski
 
Begeistert von seinen Jungs: Vereinspräsident Ralph Hoffmann (Mitte, stehend). Foto: Roman Pawlowski

Teil 2 der Reportage über den FC Hamburger Berg: 2014 haben Kiez-Türsteher zum Spaß einen Fußballverein gegründet. Inzwischen trainieren dort fast 300 Geflüchtete. Im Klub finden sie mehr als nur eine sportliche Heimat.

Von Alexander Nortrup (Text) und Roman Pawloski (Fotos). Die Entwicklung des Vereinsprojekts ist bei allem Schönen nicht nur eine romantische Erfolgsgeschichte: „Eine Handvoll“ Gründungsmitglieder sei gegangen, sagt Vereinspräsident Ralph Hoffmann, weil sie mit dem neuen Kurs nicht einverstanden gewesen seien. Größeren Streit habe es nicht gegeben, allerdings habe er auch nicht versucht, sie umzustimmen: „Die dürfen doch denken, was sie wollen.“
Aus anfänglicher Euphorie wurde schnell harte Arbeit: Hoffmann besorgte zu Beginn Essen und Schlafplätze, kam später mit zu Asylanhörungen, organisierte einen erfolgreichen Weltrekordversuch im Nonstop-Fußballspielen (siehe unten), um Geld zu sammeln für seine Jungs. Der Organisator, der viele seiner Flüchtlingskicker wie ein väterlicher Freund beim Training begrüßt und für sie Schuhe, Stutzen und Schienbeinschoner organisiert, trainiert nach wie vor regelmäßig mit – wenn er seinen Stammplatz in der zweiten Mannschaft inzwischen auch an einen jungen Verteidiger aus dem Flüchtlingslager verloren hat. Die Hinwendung zu der neuen Zielgruppe war für ihn anfangs überhaupt nicht absehbar: „Ich kannte Flüchtlinge nur aus der ‚Tagesschau‘. Und plötzlich standen die alle vor uns. Wir wollten doch eigentlich nur zum Spaß ein bisschen Fußball spielen.“

„Fußball verbindet mein altes und neues Leben“

Letztlich kann Hoffmann, der Mann mit dem Bürstenhaarschnitt und hauptberuflicher Web-Designer, seine Begeisterung nicht verhehlen: „Die Jungs sind einfach geil. Ich weiß gar nicht, wie man es lassen könnte, denen zu helfen.“ Die Trainierenden strahlen eine unbändige Lust auf Bewegung und Wettkampf aus. Und doch: „Hurra schreien ist genauso grundverkehrt. Man muss genau hinsehen und klare Regeln haben.“ Wer in Hoffmanns Teams etwa rumpöbelt, fliegt raus. Und darf nicht wiederkommen. Punkt.

Von Libyen über Lampedusa und Paris nach Hamburg


Daniels Mannschaftskollege Amir ist damit nicht gemeint. Viel zu groß ist seine Leidenschaft für Fußball. Stundenlang läuft er an der Alster und bolzt Kondition. Am liebsten, sagt Amir, wäre er Fußballprofi, was sonst. Auch der junge Mann aus Niger arbeitete einst in Libyen, auch er floh vor dem Krieg nach Lampedusa, schlief in der U-Bahn in Rom und machte vor Hamburg Station in Paris, Malta, Belgien.
Weil er ein Kind mit einer deutschen Frau hat, darf auch Amir vermutlich auf Dauer bleiben. Er schuftet täglich als Küchenhilfe in einem albanischen Restaurant, gibt dazu Fitnesskurse und will sein Geld künftig nur mit dem Sport verdienen. „Ich habe schon als Zweijähriger Fußball gespielt“, sagt er. „Es ist das, was mein altes und mein neues Leben verbindet.“
Einen festen Halt in der neuen Heimat können Daniel und Amir gut gebrauchen: Amir hat seine Familie seit fünf Jahren nicht gesehen, Daniel sogar seit neun. Ihre zweite Familie, der Berg, spielt zwar bislang nur unterklassig, ein Heimspiel ging kürzlich mit 0:11 verloren, weil der Torwart fehlte. Das Wichtigste aber, die Lust da-rauf, nach vorn zu schauen, haben die Neubürger bereits gewonnen: „Wir wollen den Berg groß machen“, sagt Amir. „Denn hier sieht man in uns Fußballer, keine Flüchtlinge.“

111 Stunden Fußball: Weltrekord!

Das Endergebnis lautete 722:568 für den FC Hamburg Berg gegen den VfL Wallhalben (Pfalz). Das Spiel dauerte 111 Stunden, damit stehen beide Teams nun im Guinness-Buch. Der bisherige Weltrekord für das längste Fußballspiel der Welt hatte bei 105 Stunden gelegen (das Elbe Wochenblatt berichtete).
Selbst ein heftiger Regenschauer in der Nacht von Donnerstag auf Freitag konnte die Fußballer nicht stoppen.
Rund 120 Zuschauer feierten am vergangenen Sonntag als der Rekord feststand. Beim FC Hamburger Berg spielen mittlerweile 300 Geflüchtete. Der Klub trägt seine Heimspiele in der Kreisklasse auf der Anlage Memellandallee aus. EW

Text und Fotos sind densupporters news des HSV entnommen.
Wer die ehrenamtliche Arbeit des FC Hamburger Berg unterstützen möchte, kann für fünf Euro im Monat Fördermitglied werden. Infos gibt es unter dem Menüpunkt „Verein“/„Refugees welcome“. „Die Flüchtlinge freuen sich auch immer über gebrauchte Fußballschuhe, Sportkleidung und Bälle“, sagt Vereinspräsident Ralph Hoffmann. Auch hierzu ist über die Website eine Kontaktaufnahme möglich.
www.fc-hamburger-berg.de

Integration

Noch vor zwei Jahren wäre es wohl kaum denkbar gewesen, Fußball so unkompliziert als Mittel zur Integration zu nutzen. Denn ausgerechnet im Jahr des WM-Triumphes 2014 gab der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ein weitgehend erbärmliches Bild ab. Wegen fehlender Spielerpässe und anderer Formalitäten verweigerte der Verband mehrmals Jugendlichen die Erlaubnis, in einem Ortsverein mitzumischen. Interviewanfragen zum Thema wies die Pressestelle in Frankfurt brüsk zurück, stattdessen verlieh der Verband lieber Leuchtturm-Integrationspreise, anstatt sich der Probleme der kleinen Vereine anzunehmen. Nur die couragierte Arbeit von wenigen Vereinen und Initiativen, etwa „Champions ohne Grenzen“ in Berlin oder die BSG Chemie Leipzig, war damals der Rede wert.
In mancherlei Hinsicht hat sich der Wind seitdem gedreht, die juristischen Fragen wurden großzügig gelöst, und auch der DFB, immerhin der größte Sportverband der Welt, bietet nun Hochglanzbroschüren zu rechtlichen und praktischen Fragen und hat bislang jeweils 500 Euro Fördergeld an 1.750 Klubs vergeben. Dennoch ist es bis heute in vielen Städten ein Problem, vergünstigte oder kostenlose Bustickets für Asylbewerber zu bekommen, damit sie auch am Training teilnehmen können. Immerhin: In Hamburg hat der HVV dies im Februar dieses Jahres ermöglicht.

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