Das Ende von Hamburgs Chinatown

Ich wünsche mir, dass die Geschichte der Chinesen in Hamburg lebendig bleibt“, sagt Marietta Solty (72) hinter dem Tresen der „Hongkong Bar“ auf St. Pauli. Foto: cvs
 
Soltys Vater Chong Tin Lam kam im südchinesischen Guangzhou (dt. „Kanton“) zur Welt und reiste mit 19 Jahren nach Europa. Repro: cvs

1944 wurden 130 Chinesen deportiert – heute erinnert eine Gedenktafel an ihr Schicksal.

Von Christopher von Savigny. Stiefel knallen auf das Pflaster, dass es durch die ganze Schmuckstraße hallt. Es ist ein warmer, sonniger Frühlingstag mitten im Krieg. Rund 200 Polizisten und Gestapomänner in grauen Uniformen laufen durch die Straßen von St. Pauli. Sie brechen die Kellerwohnungen der Chinesen auf und zerren die Bewohner nach draußen. Auch Restaurants werden nicht verschont: „Plötzlich strömte ein mit Maschinenpistolen bewaffneter Gestapo-Trupp in das von einem Chinesen betriebene Lokal. Alle asiatisch aussehenden Männer wurden festgenommen und auf die Straße geführt. Unter Schlägen gings zur Davidwache auf die Reeperbahn.“ So schildert ein Augenzeuge die Ereignisse auf St. Pauli 1944. Auch eine Frau mit Kinderwagen wird abgeführt. Ihr einziges Vergehen: „Die haben doch nichts getan“, soll sie den Nazischergen entgegengerufen haben.
Der 13. Mai 1944 markiert das Ende von Hamburgs „Chinatown“, Deutschlands einzigem Chinesenviertel. Unter dem Vorwand der „Feindbegünstigung“ werden 130 Chinesen in das Polizeigefängnis Fuhlsbüttel gebracht, dort verhört und gefoltert. Auch Chong Tin Lam, Besitzer der Hongkong-Bar am Hamburger Berg, die damals Heinestraße hieß, muss schwere Misshandlungen erdulden. Der mit der sogenannten „Chinesenaktion“ beauftragte SS- und Gestapomann Erich Hanisch malträtiert seine Opfer mit Knüppeln und Kabelenden, bis das Blut spritzt. Chongs Freundin muss im Nebenraum alles mit anhören – eine durchaus gängige Praxis, um die Moral der Gefangenen zu brechen. Über das Kind der beiden sagt Hanisch, man müsse es „gegen die Wand werfen, dass die Gedärme rauskommen“.
Zu dem Zeitpunkt war die kleine Tochter bereits in Sicherheit. Vater Chong hatte sie rechtzeitig zu Verwandten nach Heidelberg geschickt. Allein im Zug – nur mit einem Schild um den Hals, auf dem das Reiseziel angegeben war. Rund 70 Jahre später steht Marietta Solty – den Namen hat sie von ihrer polnischen Mutter – hinter dem Tresen der Hongkong-Bar, die heute „Hotel Hongkong“ heißt. Kaum etwas scheint sich verändert zu haben an diesem letzten Überbleibsel von Hamburgs einstiger Chinesenkolonie: Selbst die Bilder hängen noch dort, wo sie schon immer gehangen haben. Eine etwas vergilbte Fotografie zeigt Chong Tin Lam als jungen Mann. Damals, in den 20er- und 30er-Jahren, kamen etwa 2.000 bis 3.000 Chinesen in die Hansestadt. Als billige Heizer waren sie zuvor auf Dampfschiffen unterwegs gewesen, in Hamburg – und insbesondere in der Schmuckstraße – suchten sie ihr Glück als Wäscher, Tabakverkäufer oder als Gastwirt. Weil China ein wichtiger Handelspartner war, hieß man die Fremdlinge aus Fernost zunächst willkommen. Chinesische Kultur galt als schick: Im „Chop Shuy“ konnte man Ragout mit Rind, Bambus und Pilzen für 1,50 Reichsmark essen (heute etwa sechs Euro), abends ging's ins Kabarett „Neu-China“ oder ins Ballhaus „Cheong Shing“ in der Großen Freiheit. Doch mit dem Kriegseintritt Chinas 1941 änderte sich die Lage. Gerüchte von „Opiumhöhlen“ und von selbst gegrabenen Kellerlabyrinthen machten die Runde. Eine Mär, die Historiker übrigens später widerlegten. Man bezichtigte die Zuwanderer des Drogenhandels, Zeitungen warnten vor der „gelben Gefahr“.
Ein großer Teil der bei der „Chinesenaktion“ Festgenommenen landete im Wilhelmsburger Arbeitslager „Langer Morgen“, wo sie im Betonwerk oder in der Erdölraffinerie schuften mussten. Knapp 20 Chinesen starben an Hunger, Kälte und Erschöpfung. Chong Tin Lam überlebte und kehrte als einer der wenigen nach St. Pauli zurück, um sein Restaurant weiterzuführen. 1983 starb er, und seine Tochter übernahm den Betrieb. „Als er aus dem Lager kam, war er ein gebrochener Mann“, sagt Solty. Erinnerungen an die Zeit hat sie nicht, das meiste weiß sie aus Erzählungen des Vaters. Besonders bitter: Weil die Chinesenaktion von deutschen Gerichten später als „normaler Polizeieinsatz ohne rassistischen Hintergrund“ bewertet wird, erhalten die Opfer noch nicht einmal eine Entschädigung.
Heute gilt die Schmuckstraße als stadtbekannter „Tran-senstrich“. Von den alten Häusern stehen nur noch zwei – die Kellereingänge sind nach wie vor gut zu erkennen. Im letzten Jahr ließ das St.-Pauli-Archiv die Gedenktafel erneuern, die an das Schicksal von Hamburgs Chinesen erinnert.
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