Boxen gegen Gewalt

Schritt nach vorne: Das Training mit der Boxschool besteht aus einem knappen Theorieteil, einem Aufwärmprogramm und einem ausführlichen praktischen Teil mit Übungen zur Grundlage des Boxens. Fotos: cvs
 
„Pratzentraining“ mit roten Handschuhen: Halis und Dennis (beide 12) haben Spaß am Boxen.

Persönlichkeitsbildend: Verein Boxschool trainiert Kinder und Jugendliche an Schulen.

Von Christopher von Savigny.
„Führhand, Schlaghand“ ruft Trainer Jan Matthäi. „Und einen Ausfallschritt machen!“ Eifrig befolgen die Schüler die Anweisungen ihres Anleiters, schlagen erst mit ihrer schwächeren Faust – die im Boxsport „Führhand“ heißt – nach vorn und lassen dann mit der anderen Hand eine schnelle Gerade folgen. Man merkt, dass es den Teilnehmern Spaß macht, sich zu konzentrieren. „Aber es gibt auch Tage, da geht es drunter und drüber“, sagt Matthäi. In der großen CU Arena des Bildungs- und Gemeinschaftszentrums Neugraben (BGZ) üben sich 14 Sechstklässler der benachbarten Schule Am Johannisland im Schattenboxen.
Seit knapp anderthalb Jahren engagiert sich der Hamburger Verein Boxschool an Schulen in der Hansestadt, derzeit sind es sieben. Das Konzept: Durch das Boxtraining sollen Schüler Technik und Disziplin lernen und nicht zuletzt Dampf ablassen können. Das Angebot wendet sich in erster Linie an Schülerinnen und Schüler zwischen zehn und 18 Jahren, die bereits durch Gewalttätigkeiten aufgefallen sind. Aber auch an Jugendliche, die sich einfach fürs Boxen interessieren. „Boxen finde ich spannend“, sagt Andreas (11), der sich mit der Hälfte seiner Klasse, der 6ab, für das wöchentliche Faustkampftraining entschieden hat. Die andere Hälfte nimmt stattdessen an einem Wahlpflichtkurs für Musical teil. Auch ein attraktives Angebot, aber nicht jedermanns Sache. „Ich mag, dass man sich beim Boxen auspowern kann“, sagt Andreas. Schlägereien auf dem Schulhof? „Ja, das kommt vor“, gibt er zu. „Wenn mich einer angreift, haue ich halt zurück. Aber so oft passiert das nicht“, fügt er noch hinzu.
Echte Kämpfe sind bei der Boxschool tabu. „Den Kopf benutzen wir nur zum Denken und nicht als Ziel“, sagt der Vereinsgründer und Vorsitzende Olaf Jessen. Das höchste der Gefühle ist das sogenannte „Pratzentraining“, bei dem die Partner wechselseitig auf die Handschuhe ihres Gegenübers schlagen. „Rechts-links-Kombination und Konterschlag zum Körper“ lautet eine typische Traineranweisung. Die Schüler mögen solche Übungen, weil man schlagen darf, ohne dass es dem anderen wehtut. „Ich finde es gut, mich gegen die Jungs verteidigen zu können“, sagt Evelyn (12), eins der zwei Mädchen im Neugrabener Boxschool-Training. Viele ihrer Mitschülerinnen hätten sich gerne noch angemeldet. „Aber der Kurs war schon voll!“
Die Beratungsstelle Gewaltprävention des Landesinstituts für Lehrerbildung vermittelt den Kontakt zwischen Boxschool und den Schulen. Vertreter der Schulkollegien und des Vereins tauschen sich regelmäßig über das Training aus. Vereinschef Jessen ist es auch wichtig, Kindern aus problematischen Familien zu helfen. „Wir wollen hinsehen, nicht wegsehen“, sagt er. Wenn zum Beispiel ein Kind oder ein Jugendlicher zusehends verwahrlose, sei dies ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimme. „Boxen macht Kinder sicherer“, findet auch Trainer Matthäi. „Das merkt man schon an der Körpersprache, wenn die Teilnehmer auf einmal viel selbstbewusster wirken.“ 14 Trainer arbeiten bei der Boxschool, die sich „Verein für Gewaltprävention“ nennt. Matthäi selbst hat als Zwölfjähriger mit dem Boxen angefangen und betreut derzeit neben seiner beruflichen Tätigkeit bei einer privaten Reinigungsfirma noch zwei Boxsportgruppen beim HSV und beim NDR. „Im Moment habe ich eine 60-Stunden-Woche“, sagt er.
Die Schule am Johannisland will das Boxtraining im nächs-ten Schuljahr auch für Klassenstufe 4 anbieten. „Wir finden das Angebot für pädagogisches Boxen gut, weil es gewaltpräventiv und persönlichkeitsstärkend ist“, sagt Ganztagskoordinator Thorsten Georges. Insgesamt stehen am Johannisland rund 30 bis 40 Stunden Zusatzkurse pro Woche aus den Bereichen Kunst, Kultur und Sport auf dem Stundenplan. Das Geld dafür kommt von der Schulbehörde.
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