Boliden im Maßstab 1:24

Kurz vor dem Start: Auf Platz fünf der McLaren von den Channel Racers. Foto: Speedpool
 
Die Profis hatten ihren Spaß: Frank Biela (li.) und Miguel Molina.

24 Stunden Hamburg im Binnenhafen. Unser Autor Andreas Göhring ist mitgefahren.

Von Andreas Göhring. Eine Katastrophe. Der McLaren hat kaum Grip, die Räder drehen durch, in den Kurven bricht das Heck aus. Das Auto ist zu leicht. Robert und Marion beraten, packen kleine Bleigewichte ins Fahrgestell. Innerhalb des gedachten Dreiecks aus Hinterrädern und zentralem Leitkiel, um das Kippmoment zu verringern. Die Bleigewichte sind richtig platziert, es geht voran. Robert will als Erster starten, für die Galerie fahren. Beim Start sind die meisten Zuschauer da. Er hält sich aus dem Getümmel heraus, Julius, der Heißsporn aus Kisdorf, boxt seinen BMW Z4 GT3 durchs Feld, geht in Führung. Robert hinterher, der McLaren liegt jetzt wesentlich besser. Für zwei Runden führen wir sogar. Geht da was? Ach, noch nicht daran denken!
Es ist vermutlich wirklich das verrückteste Autorennen der Welt, das wir hier gewinnen wollen. Einmal im Jahr treffen sich 24 erwachsene Frauen und Männer, um in Viererteams mit sechs Rennautos im Maßstab 1:24 um die Wette zu fahren. Nach 24 Stunden wird das Siegerteam gefeiert, es hat dann auf der voll digitalisierten Rennstrecke (Rundenlänge: 58 Meter) gut 5.000 Runden (also rund 300 Kilometer) zurückgelegt und fünf Satz Hinterreifen fast bis auf die Felge heruntergefahren.
Irgendwann wird man dann feststellen, dass das alles vielleicht gar nicht so verrückt ist. Bei den „24 Stunden Hamburg“, die nun schon zum dritten Mal im TuTech-Gebäude an der Harburger Schloßstraße ausgetragen worden sind, war unter anderem Frank Biela am Start. Er hat im Maßstab 1:1 schon fünfmal die legendären 24 Stunden von Le Mans gewonnen. Oder Miguel Molina, Spanier und Audi-Werkfahrer im Deutschen Tourenwagen Mas-ters. Profis also.
Frank Biela sagt: „Bei den 24 Stunden Hamburg ist im Vergleich zum echten Motorsport vieles nicht Maßstab 1:24, sondern 1:1. Man schläft wenig, muss immer voll konzentriert sein und darf sich keine Fehler erlauben.“ Bisher hat er das ganz gut hinbekommen: fünf Starts, fünf Siege.
Mein Team hat auch schon fünfmal gewonnen. Der letzte Erfolg liegt allerdings schon sieben Jahre zurück, und im letzten Jahr sind wir nur Fünfter geworden. Unter sechs Teams. Diesmal wollen wir es besser machen – allen voran Technikchef Robert Müller, Airbus-Ingenieur und Deutscher Vizemeister im Rallycross (Maßstab 1:1), sein Sohn Luca, Schüler, mit wenig Erfahrung im Slot Racing, aber sauschnell, und Mario Scharré, Klubwirt beim Harburger Tennis- und Hockeyclub (HTuHC), erfahrener Slot-racer und Reifenspezialist. Ich bin wahrscheinlich der Langsamste in diesem Team, dafür habe ich mehrere Jahrzehnte mit diesem Hobby auf dem Buckel, gelte als „Rennfuchs“.

200 Gramm wiegt unser spritziger Racer zunächst

Robert hat sich seit Wochen nur mit dem Aufbau unseres Renners, des McLaren MP4-12C GT3, beschäftigt. Diesmal will er ein extrem leichtes Auto bauen, kein Gramm über dem per Reglement von der RCCO, der Organisation hinter den Rennen, festgelegten Mindestgewicht von 200 Gramm. Das senkt den Reifenverschleiß, macht das Auto spritziger. Helfen soll unter anderem eine speziell angefertigte Karosserie aus GFK, einem ultraleichten, glasfaserverstärkten Kunststoff. Das Auto unseres Team „Channel Racer“ sieht verdammt gut aus, finden wir.
Zurück zum Renngeschehen: Unsere Führung hält nicht lange. Der McLaren donnert in der Spitzkehre fast ungebremst geradeaus weiter, knallt gegen die Streckenbegrenzung. Da hier jeder Fahrer sein Auto selber wieder in die Spur stellen muss,
kostet das glatte drei Runden. Okay, das ist zu verkraften. Doch irgendetwas stimmt nicht, zwei Runden später fliegt der McLaren wieder ins Aus. Und noch mal, und noch mal. Ein Desaster! Nach einer Stunde haben wir schon 40 Runden Rück-stand. Das ist nicht mehr aufzuholen.

Nachts fährt der McLaren auf einmal Bestzeiten

Vorne beharken sich die Favoriten Audi, VW und Bentley, dahinter Julius mit seinem BMW, dann der Porsche, dann eine ganze Weile gar nichts, dann wir. Fahrerwechsel, Mario übernimmt den Regler. Robert ist ungewöhnlich blass: „Ich hatte einen Migräneanfall. Hab kaum noch was gesehen.“ Der Arme, zum Glück geht’s ihm jetzt besser.
Wenig später können wir unsere Hoffnungen auf eine gute Platzierung endgültig begraben. Die LED-Lichtanlage des McLaren ist ausgefallen, wahrscheinlich eine Folge der vielen Unfälle. Wir müssen einen außerplanmäßigen Boxenstopp einlegen.
Das war’s! Obwohl für uns nichts mehr zu holen ist, kämpfen wir weiter. Ich bleibe bis zum Ende des Rennens wach und freue mich: In der Nacht fahren wir die schnellsten Zeiten. Das Auto funktioniert, die Schwachstelle waren wir.
Im spannendsten 24-Stunden-Rennen bislang gewinnt schließlich das Volkswagen-Team, nur vier Runden vor dem Audi-Team mit Biela und Molina und dem Bentley. Schon während der Siegerehrung verhandeln wir mit Biela. Er will uns eine noch leichtere Karosserie für unseren McLaren besorgen. Damit wir 2015 ganz vorne dabei sind.

Slot Cars

Auf einer Slotcar-Bahn (von englisch Slot für „Schlitz“) fahren elektrisch angetriebene Modellautos in ihrer jeweiligen Spur. Die Fahrer haben einen Handregler und können damit Geschwindigkeit und Bremsverhalten der kleinen Boliden steuern. Das Ziel ist es, möglichst schnelle Runden zu fahren, ohne dass die Fahrzeuge dabei von der Strecke abkommen. Auch Rennen werden gefahren (Slotracing). Carrera Autorennbahn wird oft als Synonym für Slotracing verwendet.
http://24hh.rcco.de/
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