Blind Date im Stadion

Von Beruf ist Riko Zellmer (48) Klavierstimmer. „Ich bin einigermaßen musikalisch“, sagt er. Fotos: cvs
 
Blick in die Reporterecke: Hendrik Ternieden und Christina Rann (vorn) sind mit Leidenschaft dabei.
Hamburg: Imtech Arena |

Durch einen Livekommentar für Sehbehinderte ist HSV-Fan Riko Zellmer stets auf Ballhöhe.

Von Christopher von Savigny. Als die HSV-Hymne „Hamburg, meine Perle“ erklingt, singt das ganze Stadion mit. Mit 57.000 Zuschauern ist die Arena am letzten Spieltag der Bundesligasaison ausverkauft. Auch
Riko Zellmer (48) ist aufgestanden und singt. Seit er sechs Jahre alt ist schlägt sein Herz für die Mannschaft mit der Raute im Vereinswappen. Zellmer hat eine Dauerkarte für Block 3C, Reihe 2, Platz 12. Ganz oben im Stadion, praktisch unterm Dach. „Fußball gucken ist meine große Leidenschaft“, sagt Zellmer. Dabei dreht er den Kopf mal hierhin, mal dorthin und blinzelt mit den Augen. Sehen kann er nichts: Riko Zellmer ist blind, schon von Geburt an.
Für den Hamburger SV geht es heute um die Wurst: Trotz einer durchwachsenen Saison kann die Mannschaft von Trainer Thorsten Fink noch einen Tabellenplatz erreichen, der zur Teilnahme an der Europa League berechtigen würde. Voraussetzung ist allerdings ein Sieg gegen Leverkusen. Die Stimmung ist entsprechend aufgeladen: Als Schiedsrichter Wolfgang Stark als Spielleiter vorgestellt wird, gibt es ein gellendes Pfeifkonzert. Auch Zellmer ist skeptisch. „Der hat schon öfter mal nicht so gut gepfiffen“, findet er.
Seine Infos zum Spiel bekommt Zellmer über Kopfhörer, der mit einem tragbaren
Empfänger verbunden ist: Eine Reihe vor ihm sitzen zwei Reporter, die abwechselnd das komplette Spiel kommentieren. „Ein stürmischer Beginn des HSV“, berichtet Hendrik Ternieden gerade, im wahren Leben Journalist bei Spiegel Online. Seine Kollegin Christina Rann, Fernsehjournalistin, beobachtet währenddessen aufmerksam das Geschehen auf dem Spielfeld. Ab und zu schiebt sie ihrem Nebenmann Spickzettel mit neuen Informationen rüber. Zum Beispiel, dass Wolfsburg soeben das 1:0 gegen Frankfurt geschossen hat. Gut für den HSV, denn die Eintracht liegt in der Tabelle direkt vor den Hamburgern. Zellmer und die rund zehn weiteren, per Kopfhörer verbundenen Sehbehinderten in Block 3C gehören zu den ersten im Stadion, die jubeln. „Hey hey hey, hier kommt Hamburg“, singt Riko rhythmisch und etwas brummend zur Melodie von „Hier kommt Alex“ von den Toten Hosen.
Gelernt haben die beiden jungen Reporter ihr Handwerk bei Broder-Jürgen Trede. Seit mittlerweile zehn Jahren bietet der Sportwissenschaftler ein Seminar mit dem Thema „Livereportage“ an, früher an der Uni Hamburg, jetzt an der Macromedia Hochschule. Bei sämtlichen 17 Heimspielen sitzen jeweils zwei seiner (Ex-)Studenten im Stadion, um zu berichten – ehrenamtlich. Den HSV kostet dieser Service nichts. „Eine Win-Win-Situation“, findet Rann. „Wir sind gerne am Mikro und können dabei auch noch Gutes tun.“
Die größte Herausforderung für die Reporter sei es, dem blinden Hörer mitzuteilen, wo sich der Ball gerade befindet. „Begriffe wie Außenbahn, Mittelkreis und Sechzehner gehören zu den wichtigsten Vokabeln“, sagt Trede. Und dass man nicht in Versuchung gerate, allzu viel vom Geschehen nachzuerzählen. „Im Notfall überspringt man eben eine Spielszene“, so Trede. Denn die sehbehinderten Zuhörer sollen akustisch immer am Ball bleiben. Mit den üblichen Bundesliga-Radioreportagen könnten die gehandicapten Fußballfans hingegen wenig anfangen. „Da bekommt man pro Spiel doch höchstens ein paar Minuten live geboten“, findet Trede. Unterstützt wird das Projekt vom Verein „Sehhunde“, der die Bericht-erstattung für Blinde in mittlerweile 36 deutschen Stadien etabliert hat. 17 Klubs aus der Bundesliga, zwölf aus der zweiten, fünf aus der dritten und zwei aus der vierten Liga sind mit von der Partie.
Zellmer, er ist Klavierstimmer aus Harburg, hört den Reportagen seit Jahren zu. Schon als Junge ging er „Fußball gucken“, wie er das nennt, und begleitete seinen Bruder zu dessen Spielen. Manchmal ließen ihn die Jungs auf dem Bolzplatz mitspielen: „Sie haben den Ball angehalten, und ich durfte schießen. Ich weiß, wie hart der Ball ist und warum der Torwart Handschuhe trägt“, sagte Zellmer dem Fußballmagazin „Rund“.
Am Ende hilft alles Mitfiebern nichts: 1:0 gewinnt Leverkusen durch ein Tor von Stefan Kießling in der 90. Minute. Am Arm seines Vaters verläßt Riko Zellmer das Stadion. Unzufrieden ist er trotzdem nicht: „Eine der besten Saisonleistungen des HSV“, urteilt er. Obwohl ein Sieg schön gewesen wäre. „Allein schon für das Selbstbewusstsein der Spieler.“ Am 9. August beginnt die neue Saison. Dann wird Riko Zellmer wieder mitsingen: „Hey hey hey, hier kommt Hamburg!“
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