Bis zur letzten Nadel

Immer rein damit: Arne Kalwell (li.) und Alexander Wilhelm haben ein ausgedientes Stück Nadelholz aufgesammelt.
 
Nochmal schnell die Route checken: Sven Schubert (li.) und Arne Kalwell von der „Weihnachtsbaum-Kolonne“.

Wie die Stadtreinigung in diesem Winter 300.000 Weihnachtsbäume entsorgte.

Von Christopher von Savigny. Zwischen zwei Metallplatten sieht es für diese Nordmanntanne nicht gut aus. Der Stamm wird mit einem lauten Knacken zum Stumpf. Wie ein hungriges Tier kaut es im Inneren des Müllwagens vor sich hin, während die grünen Zweige rasselnd nach und nach im Schlund der Pressmaschine verschwinden.
Es sind die letzten Weihnachtsbäume, die die Männer von der Müllabfuhr in diesem Winter mitnehmen. Bis zum 25. Januar konnte man seinen Baum noch auf dem Gehsteig abstellen, danach nicht mehr. Wer zu spät dran ist, muss seinen Nadelbaum von nun an kostenpflichtig auf dem Recyclinghof abgeben.
Der Arbeitstag bei der Müllabfuhr beginnt um 6 Uhr morgens: Zu dritt sitzen die Müllwerker mit ihren roten Overalls vorn im Abholfahrzeug und halten Ausschau nach herumliegendem Nadelholz in den Nebenstraßen Sülldorfs. Im Radio laufen die neuesten Popsongs, während ein Seitenscheinwerfer den rechten Bürgersteig absucht. „Da ist einer,“ ruft Alexander Wilhelm. „Nee“, winkt Kollege Arne Kalwell ab. „Der wächst doch noch!“ Die Männer machen ihren Job schon so lange, dass sie überall nur noch Weihnachtsbäume sehen. Findlinge, Müllsäcke, Gebüsch – egal, vielleicht sollte man einfach alles einsacken, dann wäre endlich Ruhe. Platz genug hat der Müllwagen ja: Rund vier Tonnen gehen rein, das entspricht 500 bis 750 mittelgroßen Nadelbäumen. Doch jetzt, einen Monat nach Heiligabend, finden die Angestellten der Stadtreinigung nicht mehr viel. Nur hier und dort ein Bäumchen. Arne Kalwell ärgert sich: „Viele stellen den Baum erst raus, wenn wir gerade vorbei gefahren sind. Oft müssen wir ein zweites und ein drittes Mal hintereinander die gleiche Straße abfahren.“
Dabei macht der Job bei der Stadtreinigung eigentlich Spaß: „Man läuft viel“, verrät Kalwell. Und man ist viel draußen. Gut für die Gesundheit. Wenn der stämmige Stadtreiniger im Dunkeln vor dem Müllfahrzeug her marschiert, sieht man erstmal nur wandelnde Streifen: Zwei auf den Schultern, zwei quer darunter. Das sieht lustig aus – so als hätten die Streifen ein Eigenleben. Gleichzeitig erfüllen die weißen Reflexionsbänder einen wichtigen Zweck, denn die Arbeit in der Morgendämmerung ist nicht ungefährlich: Allzu leicht wird man zwischen den grauen Tonnen und dem massigen Mülltransporter übersehen. Deshalb auch der Ärger über Leute, die ohne Licht unterwegs sind: „Versteh' ich nicht“, grummelt Fahrer Sven Schubert, als eine etwa zehnjährige Radfahrerin ohne Beleuchtung vor ihm den Zebrastreifen überquert. „Das ist doch lebensgefährlich!“
Gegen 7.30 Uhr beginnen die ersten Hundehalter, ihre Vierbeiner spazieren zu führen. „Unsere ärgsten Feinde“, sagt Kalwell und lacht. Hunde pinkeln und setzen ihre Haufen, wohin sie wollen. Manchmal auch an ausgediente Weihnachtsbäume. Irgendwie kann man es ihnen nicht verdenken: Sieht doch einladend aus, das ganze Grünzeug! Nur bei Frostwetter ist es allen piepegal. „Dann ist das Zeugs festgefroren und man riecht es nicht“, berichten die Saubermänner.
Weihnachten ist lange vorbei, nur schnell die letzten Bäume einsacken, damit das endlich erledigt ist. Aber es gibt auch andere Momente, wie zuletzt in Blankenese: „Morgens um acht, es fing gerade an zu schneien“, erzählt Kalwell. „Jemand hatte seinen geschmückten Baum im Wohnzimmer nochmal angezündet. Ich sag' dir: echtes Weihnachts-Feeling! Ich hab' fast 'ne Gänsehaut gekriegt!“
Rund 300.000 Bäume hat die Stadtreinigung dieses Jahr nach eigener Schätzung entsorgt, das entspricht 1.500 Tonnen oder 180 vollbeladenen Müllfahrzeugen. Die im Wagen gepressten Tannen und Fichten wandern später in den Schredder. „Die Nadeln werden kompostiert, das Holz dient als Heizmaterial für unsere Biogasanlagen“, berichtet Reinhard Fiedler, Sprecher der Hamburger Stadtreinigung.
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.