„Bewegliche Kinder entwickeln einen beweglichen Geist“

Bei der Einschulung: Seit 1991 arbeitet Rainer Kühlke in der Schule Grumbrechtstraße in Heimfeld. Foto: Sabine Langner

Hamburg will sich für Olympische Spiele bewerben, doch in der Grundschule können Sechsjährige nicht rückwärts gehen. Rainer Kühlke, Leiter der Schule Grumbrechtstraße in Heimfeld, hat Erfahrung damit, Kinder in Bewegung zu bringen. Interview Quentin Arts und Matthias Greulich

Herr Kühlke, bemerken Sie eine zunehmende Bewegungsarmut bei Kindern?
Rainer Kühlke: Seit 1991 stellen wir hier im Stadtteil fest, dass die Kinder relativ schlecht in ihren motorischen Fähigkeiten sind. Das hat sich mit der Zeit ein bisschen gebessert. Damals konnten die Grundschüler nicht rückwärts gehen. Sie konnten nicht von einer Seite auf die andere springen. Sie konnten nicht auf einem Bein hüpfen, da waren also viele Defizite. Es lag sicherlich daran, dass wir hier in diesem Stadtteil eine Bevölkerungsschicht hatten, teilweise auch noch haben, die bildungsfern ist und Sport hat immer auch etwas mit Bildung zu tun.

Haben die von Ihnen beschriebenen Probleme negative Auswirkungen auf das Lernen?
Ja, ganz eindeutig. Wer nicht rückwärts gehen kann, hat Schwierigkeiten mit dem Zählen und in Mathematik. Wir machen das zum Beispiel so, dass wir Zahlenbegriffe durch Bewegung erarbeiten. Bei Plus geht der Weg über die Treppe nach oben. Das ist mehr, und die Stufe rückwärts runterzugehen ist weniger. Allgemein gesagt: Wer sich bewegt, hat einen besseren Muskeltonus. 

Was heißt das?
Die Muskulatur kommt wieder in einen normalen Zustand. Es gibt Kinder, die haben ganz wenig Muskeltonus, die sind relativ schlapp. Wenn sie laufen, wird die Durchblutung verstärkt, auch im Gehirn. Die Muskeln werden gereizt, das heißt das Kind kommt in die Klasse zurück und hat dann eine wesentlich höhere Köperspannung.

„Ohne Umweg geht’s nur über die Felsen “


Wodurch bringen Sie Kinder noch in Bewegung?
Also wir haben in der Sanierungsphase die Möglichkeit gehabt, vom Stadtteil Gelder zu bekommen, weil es hier Sanierungsgebiet war.  Damit haben wir zum Beispiel zwei Steintreppen angelegt. Alle Kinder, die zur Turnhalle wollen, können entweder die Rampe heruntergehen, ein großer Umweg, oder die Treppenstufen nehmen, das ist auch ein Umweg. Der direkte Weg führt über eine Felsentreppe. Felsen bedeuten: ich muss gucken, ich muss abschätzen, wo ich hintrete, ich muss aufpassen, ob es glatt oder nicht ist. Dadurch wird die Motorik ganz stark geschult. Dann haben wir nachgeschaut, welche Schwierigkeiten es bei den Kindern gibt und entsprechende Spielgeräte auf dem Schulhof platziert. 

Welche sind das?
Wir haben beispielsweise einen Niedrigseilgarten angelegt und eine kleine Kletterwand. Alles Dinge, die es im Stadtteil sonst nicht gibt. Da geht es um den Gleichgewichtssinn, um Sprungkraft oder Schaukelbewegungen, also Bewegungsänderungen. Im Unterricht muss man sehen, wann Kinder Bewegung brauchen. Wenn die Kinder schlapp werden und nicht mehr aufpassen, dann heißt es bei uns: „Du gehst raus und drehst ein zwei Runden um den Schulhof.

In welchen Abständen passiert das?
Das ist ganz unterschiedlich. Wir gehen individuell auf die einzelnen Kinder ein. Es kann sein, dass ein Kind mit ADHS alle fünf Minuten raus geht, eine Runde läuft, um seinen Muskeltonus zu beruhigen. Bei anderen Schülern kann es aber auch eine halbe oder dreiviertel Stunde dauern.

„Schlappe Kinder müssen um den Schulhof laufen“


Wie beeinflusst Sport die Persönlichkeitsentwicklung?
Also Sport ist aus meiner Sicht der persönliche Entwicklungsfaktor an sich. Das sage ich, weil ich Sport studiert und ein Leben lang Sport gemacht habe. Kinder merken, dass ihr Körper Leistungen erbringen kann. Also nicht nur der Kopf, sondern auch der Körper, und das sind direkte Meldungen, die im Gehirn ankommen. Das Kind merkt, dass es eine Leis-tungsentwicklung eigenständig bewirken kann. Das Gehirn reagiert mit der Ausschüttung von Dopamin, das am Ende der eingeleiteten Signalkette mit einem Glücksgefühl die körperliche Anstrengung belohnt.

Wenn Hockey-Bundestrainer Markus Weise seine Tochter hier auf die Schule bringt, sieht er unglaubliche Bewegungstalente.
Es gibt richtig gute Talente bei uns. Häufig sind es auch Kinder mit Migrationshintergrund, die teilweise auch andere Muskelvoraussetzungen mitbringen. Wir empfehlen sie weiter zu Einzel- oder Mannschaftssportarten. Ich finde es toll, wie die Vereine reagieren. Sie nehmen die Kinder gerne auf und geben ihnen kostenloses Training. Wenn Kinder dann in einen Spielbetrieb reingehen, dann müssen sie eintreten. Die Vereine lassen sich aber dann auch darauf ein, dass Eltern, die weniger Geld haben, auch weniger zahlen.

Auf dem ehemaligen Fußballplatz der Schule wird momentan gebaut. Wo können die Schüler kicken?
Unsere ehemaligen Elternratsvorsitzende, Frau Delfs, hat für jede Klasse  Neoprenbälle besorgt, so dass die Kinder auch auf bestimmten Bereichen des Schulhofs damit Fußball spielen können.  Wir hätten das Gelände gerne gemeinsam mit dem benachbarten Jugendclub genutzt. Da hätte man einen sehr schönen Gummiplatz bauen können. Das stieß aber auf Abneigung einiger Politiker. Deshalb finde ich es schade, dass dort keine Schwerpunkte gesetzt werden. Wir sind aber momentan in Verhandlungen, um doch noch einen kleinen Fußballplatz zu bekommen.

"Dramatischer Rückgang bei der Zahl der Schwimmabzeichen"


An Bewegung wird gespart?
Genau. Dass man den Schwimmunterricht outgesourct hat, ist aus meiner Sicht ein großes Problem. Das macht jetzt Bäderland. Die machen das gut, aber da sie die Beziehung zu dem einzelnen Kind nicht haben, ist es schwierig. Migrantenkinder gehen ins Wasser, weil sie dem jeweiligen Lehrer vertrauen. Wir haben seitdem dramatische Einbrüche beim Erwerb von Seepferdchen und Schwimmabzeichen.

Gibt es zuwenig Sportunterricht in der Schule?
Eindeutig ja. Teilweise bieten wir nur zwei Schulstunden in der Woche an. Unsere alte Sporthalle ist fast immer doppelt belegt. Wir haben mit unseren 530 Schülern Bedarf für eine weitere Zweifeld-Halle. Wir hätten beim Neubau eine Zweifeld-Halle bekommen sollen. Das wurde dann deutlich gekürzt und sollte durch einen kleinen Bewegungsraum ersetzt werden. Da denkt Politik viel zu kurz. Wie kann man unserem Stadtteil eine Halle wieder wegnehmen? Das ist mir unbegreiflich. Über die Bedingungen, die hier herrschen, wird nicht ausreichend nachgedacht. Es geht der Stadt um Prestigeojekte. Eine Olympiabewerbung würde viel Geld kosten, wenn man das Geld in Schulen und Kindergärten stecken würde, wäre es besser angelegt. 

Interview mit Hockey-Bundestrainer Markus Weise

Herr Weise, Hockey spielende Kinder sieht man nicht auf den Straßen. Warum?
Markus Weise: Die Eintrittsbarrieren sind zu hoch. Du brauchst eine relativ teure Ausrüstung. Da müssen wir uns bewegen. Aber abgesehen vom Hockey ist doch die Frage, ob die Kinder überhaupt noch Zeit bekommen, Bälle zu kicken, zu werfen, oder aufs
Hockeytor zu ballern. Die Spielplätze sind ausgestorben. Wir müssen die Kinder in Bewegung bringen. Bewegte Kinder entwickeln einen beweglichen Geist. Sagt die Hirnforschung. Gesünder sind sie auch.

Welche Entwicklungen sind möglich?
Nur ein Beispiel: Meine sechsjährige Tochter geht jetzt auf die Schule Grumbrechtstraße. Da springen mir die Bewegungstalente auf dem Schulhof rechts und links ins Auge. Von der schrecklichen Bewegungsarmut, die sich anderswo ausbreitet, ist dort nichts zu sehen. Es wäre eine spannende Geschichte, diese Kinder zum Hockey zu holen. Aber weil sie scheinbar nicht unserer Klientel entsprechen, gehen uns viele Talente verloren. Aber was haben wir zu verlieren? Außerdem gibt es kein besseres Mittel zur Integration als Sport, es ist ein sensationelles Vehikel dafür. In Harburg gibt es Kinder ohne Ende. Und es sind total interessante Kinder.
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