Beatles statt Dorfmusik

Vor dem rekonstruierten Eingang des Star-Club im Beatlemania-Museum am Nobistor: Horst Fascher.
 
Musiker-Vertrag mit den Beatles: Ihr Manager Brian Epstein hat ihn 1962 zusammen mit Fascher unterschrieben. Epstein war auch bei der Eröffnungsshow unter den Zuschauern.
Hamburg: Große Freiheit 39 |

Vor 50 Jahren wurde der Star-Club eröffnet: Horst Fascher, der damalige Geschäftsführer, erinnert sich.

Von Reinhard Schwarz.
Großer Auftrieb im „Beatlemania“-Museum am Nobistor: Ein Fernsehteam nach dem anderen gibt sich die Klinke in die Hand. Sie sind nur wegen eines Mannes hier – Horst Fascher (76), der vor 50 Jahren die Beatles für den Star-Club nach Hamburg holte. Dessen Name auf dem Vertrag steht, den der Club 1962 mit
Beatles-Manager Brian Epstein schloss. Der noch heute mit Ringo Starr und Paul McCartney befreundet ist. Dann treffe ich ihn am Eingang der „Beatlemania“-Ausstellung, ein schmaler, freundlicher Mann mit eisgrauem Vollbart und einem hellen Strohhut. Von dem vor 50 Jahren auf dem Kiez gefürchteten, ehemaligen Profiboxer, der später wegen mehrerer Körperverletzungen im Knast landete, ist nichts mehr zu spüren. Gemeinsam fahren wir im Fahrstuhl zum Café. Fascher hat sich Zeit genommen zwischen zwei Terminen, ein Fernsehteam wartet im Hintergrund auf seinen Einsatz. Er bestellt sich einen Latte Macchiato, antwortet geduldig auf alle Fragen. Irgendwann duzen wir uns.

Fascher war einst Geschäftsführer des Star-Club. Er erinnert sich an den ersten Auftritt der Beatles am 13. April 1962: „Die Bands hatten ausgelost, wer zuerst spielen durfte.“ Ergebnis: Tex Roberg & The Graduates eröffneten den Konzertabend. Anschließend spielten The Beatles, damals noch mit Pete Best am Schlagzeug. Das Konzept war – zumindest für die Läden auf St. Pauli – neu, schildert Fascher: „Alle Clubs hatten immer nur eine Band, die acht Stunden lang von abends 20 Uhr bis nachts um vier Uhr spielte, bis zur Erschöpfung.“ Das Konzept von Star-Club-Macher Manfred Weissleder sah anders aus: Von vier Bands spielte jede einmal vor Mitternacht und einmal danach. Das brachte für das Publikum mehr Abwechslung, und die Bands mussten sich nicht mehr mit Aufputschmitteln wach halten, um in den „Twistschuppen“, wie die Tanzlokale damals genannt wurden, die ganze Nacht durchzuhalten.

Günter Zint, damals Hausfotograf des Star-Club: „Die normalen Besucher gingen ins benachbarte Top Ten. Die Existenzialis-ten gingen in den Star-Club. Wir wollten existieren ohne Arbeit, ohne Bürokratie und ohne Verpflichtungen. Die Bürger haben uns damals ‚Gammler’ genannt.“

Ohne Arbeit und Verpflichtungen ging es auch im Star-Club nicht, dessen Betreiber Manfred Weissleder mit allen Wassern gewaschen war. Er holte richtige Stars nach Hamburg wie Chuck Berry, Jerry Lee Lewis, Little Richard, Fats Domino oder Ray Charles.

Fascher ist heute noch begeistert: „Ray Charles war für mich der Größte. Er hat in keinem Club in Europa gespielt, aber im Star-Club.“ Auch sein anderes Idol, Bill Haley, trat dort auf. Für Fascher war nach drei Jahren Star-Club Schluss: Wegen mehrerer Körperverletzungen musste der einstige Deutsche Boxmeister im Fliegengewicht für drei Jahre in den Knast. Häufige Prügeleien brachten den Laden mit der Adresse Große Freiheit 39 zunehmend in Verruf. Ein Grund für die Behörden, Manfred Weissleder die Konzession zu entziehen, den Hanseaten galt das, was da im ehemaligen „Stern“-Kino passierte als „jugendverderbend“.
Weissleder, er betrieb auf dem Kiez parallel mehrere Rotlicht-Läden, war nicht ganz unschuldig: Die Kellner konnten brutal werden, wenn Gäste nichts mehr bestellen wollten. Mit Betrunkenen und Krakeelern wurde kurzer Prozess gemacht.

Die spätere „Hausband“ des Clubs waren die Rattles, erinnert sich Zint: „Das waren richtige Angestellte mit Lohnsteuerkarte, auch Achim Reichel.“ Für Zint gehörte der Star-Club zum Lebensgefühl der 60er-Jahre: „Das war das Gefühl von: ‚Alles ist möglich’.“Drei Tage lang, im März 1967, war Jimi Hendrix auf der Großen Freiheit zu Gast – für einige, die dabei waren, der größte Moment des Clubs.

Doch zum Ende des Jahrzehnts war Schluss. Zint: „Der Star-Club ging ein durch die Discos, die einfach billiger zu betreiben waren. Bands kosteten viel Geld für Reise- und Hotelkosten.“

Zwar stellten die damaligen Pächter und ehemaligen Rattles, Frank Dostal und Achim Reichel, sowie Kuno Dreysse (vormals bei The Rivets, heute Hamburg-1-Moderator) noch einmal ein respektables Programm auf die Beine mit Bands wie The Nice, Taste (Rory Gallagher) oder Spooky Tooth. Doch sie hatten nicht die Möglichkeit, wie einst Weissleder, Verluste durch Gewinne in anderen Clubs auszugleichen. Am 31. Dezember 1969 schloss der Star-Club seine Pforten. Der Vorhang fiel bereits um 22 Uhr. Der Laden musste anschließend noch besenrein übergeben werden. Die Zeit der Dorfmusik begann wieder. Einige Monate später lösten sich die Beatles auf.
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