„Aufstehen und noch mal versuchen“

Zwei Boxer mit Kopfschutz: Mahir Oral beobachtet seine Schützlinge. Fotos: Ulrike Schmidt
 
Ali boxt Superman: In den Seilen hängen alte Handschuhe vor Faustkampf-Plakaten.

Das Projekt Box-Out: Christian Görisch kämpft gemeinsam mit dem ehemaligen Boxprofi Mahir Oral gegen Jugendgewalt

Von Roger Repplinger (Text) und Ulrike Schmidt (Fotos). Ali steht über Sonny Liston. Schwarzweiß, riesengroß. Ein Plakat von Michalczewskis 15. Titelverteidigung. Wie viele waren es am Ende. 22? Ein Poster: Mahir Oral vs. Domenico Spada, 2007, Mittelgewicht, Europameisterschaft, zwei Kicker, ein kleines Motorrad, ein Hund, ich glaube, es ist ein Boxer: weißes Fell, rote Glupschaugen. Ali betet; Ali macht Faxen; Ali im Seil, Foreman davor; Ali und Angelo Dundee. An einem Spind ein Blatt, darauf steht: „Regeln Disziplin Respekt“.
Im Büro liegen alte Handschuhe, auf dem Schrank Pokale, auf dem Fenstersims der Gürtel, den Oral gegen Spada gewann, an der Wand Urkunden. Die weisen Christian Görisch, 44, anfangs der neunziger Jahre als „Hamburger“ und „Norddeutschen Meister“ aus. Im Leichtgewicht. Leichtgewicht – schwer zu bringen für einen Mann mit 178 Zentimetern Größe.
Görisch ist in Harburg geboren, Sohn einer Familie, die einen nicht unbedingt zum Boxer bringt. Wenn er erzählt, was er bekam, und vor allem, was nicht, versteht man, warum er alle möglichen Kampfsportarten ausprobierte, plus Volleyball und Leichtathletik, bis er beim Boxen blieb. „Die Gruppe, mit der ich in Harburg boxte, war nicht sauber. Ein paar sitzen im Gefängnis“, sagt Görisch.
Seine Karriere als Boxer hat er „mit Willen und Kondition“ gemacht, Motto: „Aufstehen und noch mal versuchen.“ Als er Hamburger Verbandstrainer war, lernte er Mahir Oral kennen. Oral gab am 12. Februar 2011 in Herning (Dänemark) in der zweiten Runde gegen Jozsef Matolcsi auf: Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule – inklusive Lähmungserscheinungen in der rechten Körperhälfte. Als Oral in einem dänischen Krankenhaus lag, die Ärzte zu einer Operation rieten, rief er Görisch an.
Oral wollte wieder boxen, Görisch bat: „Denk mal weiter“, und schlug vor: „Komm zu Box-Out als Trainer.“ Oral erinnerte sich, wie er in Finkenwerder angefangen hatte, die Jungens um ihn rum alle ohne Schulabschluss. „Das war mein Thema“, sagt Oral.
Heute trainiert er im Gym in der Frankenstraße in Hammerbrook mit Jugendlichen, er macht mit 34 berufsbegleitend seinen Realschulabschluss und will Erzieher werden. Er kann Jugendlichen, die auch keinen Realschulabschluss haben, erklären, warum das wichtig ist, auch wenn Schule und Lehrer nerven. Einem wie Oral glauben Jugendliche eher als Eltern, Lehrern, Psychologen, Polizisten, Richtern, Staatsanwälten.
Görisch kam auf die Sache mit „Box-Out“, als er seinen Sohn Jordan, damals Drei, in den Hort brachte. „Die Kinder“, sagt Görisch, „waren unausgeglichen, und viele waren dick.“ Er beobachtete, dass „die nicht mehr draußen waren, wie wir, sondern nur Fernsehen guckten und Gameboy spielten“. Das galt für Kinder aus sozial schwachen und starken Familien. „Und Liebe“, sagt Görisch, „fehlte auch.“ Ohne Sport, meint Görisch, erfahren die Kids vieles nicht, was wichtig ist: Über ihren Körper, über den Körper des anderen, Respekt, Distanz, Nähe, was Regeln sind, was sinnvolle Regeln sind. „Wenn du im Ring stehst“, erklärt Görisch, „und der Gegner ist so stark wie du, dann ist es wichtig, dass er Respekt vor dir hat und du vor ihm, sonst wird es scheiße.“
Da sind wir bei Jugendgewalt. Görisch glaubt, dass er mit dem Boxen, das er bei „Box-Out“ mit Hausaufgabenbetreuung, Nachhilfe, der Vermittlung von Praktika usw. verbindet, einen Hebel gegen Jugendgewalt gefunden hat. Natürlich gab es ein paar Superschlaue, die sagten: „Herr Görisch, jetzt bringen Sie den Schlägern auch noch bei, wie sie im Prügeln besser werden.“ Görisch, der in Köln und Leipzig Sport studiert hat, und sich wissenschaftlich mit den Wirkungen seines Box-Trainings auf die sozialen Kompetenzen von Jugendlichen beschäftigt hat, konnte die Bedenken zerstreuen. Er putzte viele Klinken, bis die Postbank 63.000 Euro gab, er die BürgerStiftung und andere als Geldgeber gewann. Permanent sucht Görisch nach Spendern und Förderern. Er muss die Miete fürs Gym in Hammerbrook bezahlen und 13 Mitarbeiter. Darunter Trainer wie die Deutschen Meister Lukas Schulz (Schwer-), Horst Berlin (Bantam-) und Vardan Zakarjan (Fliegengewicht). „Hier arbeiten professionelle Trainer, die müssen mehr bekommen als eine Aufwandsentschädigung“, sagt Görisch. Pro Monat braucht er 25.000 Euro.
Im Moment laufen 25 Kurse mit im Schnitt 15 Jugendlichen, dazu hat er 300 bis 400 lernschwache Jugendliche, die auf Förderschulen gehen, bei ihm trainieren und lernen, damit sie den Hauptschulabschluss packen. „Ich muss verstehen, wie die drauf sind“, sagt Görisch, „wenn ich ihnen helfen soll. Ich darf nicht damit einverstanden sein, wenn sie Mist bauen, aber ich muss sie verstehen.“
Oral verabschiedet sich, er geht in eine Schule, Boxtraining. Die Schule, mit der Box-Out am längsten kooperiert, ist die Schule Slomanstieg auf der Veddel. Schulleiterin Hiltrud Kneuer ist ein Fan. „Box-Out geht nicht moralisierend vor“, lobt sie, „sondern setzt bei den Stärken der Betroffenen an. Gerade den sich cool gebenden Jugendlichen vermittelt das Training, wie sie sich mit fairen Mitteln in der Alltagswelt behaupten können.“
Gehen wir doch mal in die Boxhalle. Leyla Horn, Deutsche Jugendmeisterin in der Klasse bis 60 Kilogramm, trainiert ein paar Jungen, die vor ihr auf dem Rü-cken liegen und versuchen die Beine zu überkreuzen: Linkes Bein nach rechts, rechtes Bein nach links, immer in der Luft. Die Jungens blasen die Backen und pumpen.
Die Kämpfer finden es nicht cool, wenn wir ihnen zugucken, wie sie so pumpen. Und leise jammern. Also gehen wir wieder. Am Spind vorbei, auf dem „Respekt“ steht.
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.