Auf großer Fahrt mit der Cap San Diego

Es ist fast wie früher: Die Wege auf der „Cap San Diego“ kennt der ehemalige Schiffssteward noch in- und auswendig. Fotos und Repros: cvs
 
Manfred-Heinz Schmitt als junger Mann von etwa 20 Jahren. Ungefähr zu dieser Zeit heuerte er auf der „Cap San Diego“ an.

Manfred-Heinz Schmitt fuhr als Steward mit dem heutigen Museumsschiff über die Weltmeere

Von Christopher von Savigny. Als Manfred-Heinz Schmitt den steilen Niedergang – die Treppe zwischen den Decks – im Bauch der „Cap San Diego“ hinaufklettert, fällt ihm plötzlich etwas ein. „Hier bin ich damals auch rauf“, sagt der 61-Jährige und hält seinen rechten Arm nach oben, als würde er etwas Schweres auf den Händen balancieren. „Das Schiff hat so geschlingert, dass mir die heiße Bohnensuppe voll an den Hals geklatscht ist.“ 1975, vor knapp 40 Jahren, war Schmitt zum ers-ten Mal als Steward mit dem „weißen Schwan“ unterwegs, der inzwischen als Museumsschiff an den Hamburger Landungsbrücken vor Anker liegt.

Der Kapitän hieß „der Alte“, den Koch nannten sie „Chef“

Vieles erscheint ihm so, als sei es erst gestern gewesen: die Tür zu seiner Kabine, die er sich mit einem Kollegen teilen musste. „Schade, abgeschlossen! Die hätte ich Ihnen gerne gezeigt!“ Der Salon, in dem er den Kapitän und mitfahrende Touristen bediente. Der Raum mit seinen plüschbezogenen Sesseln und seinen hellgrünen Wänden glänzt auch heute noch im 70er-Jahre-Schick. Meist gab es weitaus edlere Speisen zu essen als Bohnensuppe: „Bombe surprise“ zum Beispiel war eine mit Soufflée überbackene und mit frischen Früchten dekorierte Eistorte, die nur der Käptn persönlich anschneiden durfte. Fernab jeglicher Zivilisation schwelgte man im Luxus. Und trank. Der doppelte saure Whis-ky, den Schmitt seinen Gästen ausschenkte, kostete nicht mehr als 24 Pfennig. Auch für damalige Verhältnisse ein Spottpreis.
Schmitt war Heimkind und wollte raus, um die Welt zu sehen. Direkt nach der Schule besuchte der im Harz aufgewachsene junge Mann eine Hotelfachschule, bevor er auf Empfehlung des dortigen Direktors zur Reederei Hamburg Süd kam. „Das erste, was ich gelernt habe, war die Klappe zu halten“, sagt Schmitt. Insbesondere gegenüber Vorgesetzten. „Sonst konnte es schnell passieren, dass man den Sack kriegte.“ Den Seemannssack nämlich, der einem unweigerlich vor die Füße flog, wenn man die Kündigung bekam. Unter den Seeleuten hieß der Kapitän nur „der Alte“, den Koch nannten sie „Chef“ und den Bordelektriker „Blitz“. 24 Leute waren nötig, um den 160 Meter langen Stückgutfrachter, seinerzeit einer der modernsten seiner Art, zu bedienen. Bis zu zwölf Touristen fuhren mit, die pro Reise (die etwa zweieinhalb Monate dauerte) rund 24.000 DM hinblätterten. Klimatisierte Kabinen und Swimmingpool waren im Preis inbegriffen.
Schmitts erster Törn führte nach Südamerika. Container gab es noch nicht – alles wurde lose verstaut. Auf dem Hinweg befanden sich meist Autos, Maschinen und Chemikalien im Frachtraum, auf dem Rückweg Kleidung, Rinderhälften und Speiseöl. Und im Kühlraum fuhr ein deutscher Tannenbaum mit, denn Weihnachten musste einfach sein – auch wenn man gerade bei 30 Grad unter argentinischer Sonne schmorte. Dass der geschmückte Baum schon nach einer Stunde alle seine Nadeln verloren hatte, weil er das Klima nicht vertrug, war zwar schade, aber nicht zu ändern.

Rund 14 Tage hatte die Mannschaft Landurlaub

Wenn Schmitt an Südamerika denkt, hat er sofort wieder lauter unbekannte und aufregenden Gerüche in der Nase – nach Kaffee, Leder und nach roter Erde. „Meistens war ich allein unterwegs“, berichtet er. Städte wie Montevideo oder Buenos Aires angucken und mit Frauen anbandeln. Rund 14 Tage hatte die Mannschaft Landurlaub – nach heutigen Maßstäben unvorstellbar lang. Das Alleinsein hatte zwar Vorteile, konnte aber extrem gefährlich werden: In Kolumbien wurde einem Kollegen der kleine Finger abgeschnitten, weil er bei einem Überfall seinen Ring nicht
herausrücken wollte.
Knapp zehn Jahre lang fuhr Schmitt zur See – später auch mit anderen Schiffen. Seinen schlimmsten Sturm erlebte er im Jahr 1978 auf der „Columbus California“, einem richtigen Seelenverkäufer. Während eines Orkans vor den Azoren drohte der rostige Kahn auseinanderzubrechen. Die Mannschaft hatte sich schon damit abgefunden, über Bord gehen zu müssen. „Gottseidank bin ich nicht gesprungen“, sagt Schmitt. Allerdings hatte er jegliches Vertrauen in die Seefahrt verloren und ließ sich anschließend im nächsten Hafen die Heuer auszahlen. „Das Theater wollte ich nicht mehr mitmachen!“
Im Laufe seines Lebens war Schmitt dreimal verheiratet, unter anderem mit einer Peruanerin, und hat drei Kinder in die Welt gesetzt. Heute engagiert sich der St. Paulianer ehrenamtlich für ehemalige Heimkinder. Von der Reiserei hat er genug. „Ich war so viel unterwegs – jetzt will ich mal meine Ruhe haben“, sagt er. „Aufs Land ziehen, das würde mir gefallen!“

Die Cap San Diego

das größte seetüchtige und betriebsfähige Museumsfrachtschiff der Welt. Das Stückgutschiff liegt an der Überseebrücke im Hafen. Die „Cap San Diego“ wurde 1961 gebaut und anschließend im Liniendienst mit Südamerika eingesetzt. Wie die meisten Linienfrachter in diesem Fahrtgebiet, wurde sie ab den 1980er-Jahren mehr und mehr von Containerschiffen verdrängt.
Im April wurde die Dauerausstellung „Stückgut- und Containerumschlag“ eröffnet.
www.capsandiego.de
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1 Kommentar
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Horatiu - Thomas Reinhardt aus Harburg | 30.11.2014 | 13:58  
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