Auf der Suche nach dem versunkenen Rungholt

Die Reste eines Deiches ragen aus dem Wasser des Watts.. Foto: Mertens
 
Hobby-Archäologin Cornelia Mertens auf gemeinsamer Spurensuche im Watt mit dem Pellwormer Heimatforscher Hellmut Bahnsen. Foto: pr

Die sagenumwobende Stadt in der Nordsee fasziniert Archäologen seit Jahrhunderten

Von Reinhard Schwarz. „Heute bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor 600 Jahren.“ Mit diesen Worten beginnt das wohl berühmteste Gedicht „Trutz, Blanke Hans“ des Schriftstellers Detlev Liliencron. Ein mythenbeladener Ort ist Rungholt, von einigen gar „Atlantis der Nordsee“ genannt, als bis heute geblieben.
Den Ort nach neuestem Erkenntnisstand eher eine Siedlungsgemeinschaft mit etwa 1.000 Einwohnern, hat es tatsächlich gegeben. Rungholt versank bei der ersten „Groten Mandränke“ – der großen Sturmflut – im Jahr 1362. Er lag nahe der heutigen nordfriesischen Insel Pellworm und der Halbinsel Nordstrand, die Überreste des Küstenabschnitts Strand sind, der durch die Sturmfluten von 1362 und 1634 zerstört und auseinandergerissen wurde.
Fasziniert vom Rungholt-Mythos ist Cornelia Mertens, seitdem sie mit ihren Eltern auf Sylt Utrlaub machte. „Dort hatte ich bei Vorträgen über die früheren Sturmfluten erfahren und auch von Rungholt gehört. Ich konnte mir aber nicht vorstellen, dass es noch Überreste gibt.“ Durch einen Hauskauf auf Nordstrand im Jahr 2005 interessierte sich die in Neugraben aufgewachsene heutige Stellingerin für die Geschichte der nordfriesischen Inselwelt im Wattenmeer. „Da wurde ich mit dem Rungholt-Virus infiziert, der mich bis heute nicht losgelassen hat. Dass man nach über 600 Jahren noch etwas sehen kann, Scherben und Brunnenreste finden kann, hat mich fasziniert. Es ist geht wohl auch um die Lust an der Entdeckung und weniger um Schatzsuche, also das Gefühl, hier der erste zu sein.“

Immer wieder gibt das Watt Überreste frei

Durch ihre Begeisterung für die Watt-Archäologie lernte Mertens Robert Brauer kennen, den ersten Nationalparkwart von Nordfriesland und ehemals Halligwart auf Südfall, einer Insel, die zwischen Pellworm und Nordstrand liegt und als ein Überbleibsel von Rungholt gilt. Mit ihm und Heimatforscher Hellmut Bahnsen – er leitet zusammen mit seiner Frau Rita das Rungholt-Museum auf Pellworm ­­– hat Mertens ihr zweites Buch über den untergegangenen Ort geschrieben: „Im Meer versunken – Rungholt, die Insel Strand und das geheimnisvolle Abalus.“
Spannend ist es, was die Archäologen im nordfriesischen Watt bei Ebbe erkennen können. Im Watt sind frühere Entwässerungsgräben, ehemalige Brunnen, aber auch die Grundrisse von Häusern und Warften, Siedlungshügel zum Schutz vor Sturmfluten erkennbar. Gruseliges wird manchmal nach Stürmen freigegeben, schildert Cornelia Mertens: „Plötzlich ragt eine menschliche Rippe aus dem Watt.“
1982 wurde ein offener Holzsarg, vermutlich aus der Zeit vor der zweiten „Groten Mandränke“ 1634, frei gespült. Die Tote, ein circa 19-jähriges Mädchen, starb womöglich an einer Blutvergiftung durch einen vereiterten vorderen Unterkiefer, stellte ein Zahnarzt 1997 fest.
Die Rungholt-Forscher fanden einen „Pott mit angebrannter Milchgrütze“. Weil systematische Ausgrabungen im Watt verboten sind, dokumentieren die Hobby-Archäologen ihre Fundstellen fotografisch und verorten sie mittels GPS-Geräten.
Der Pott mit der angebrannten Milch landete bei Bahnsen im Rungholt-Museum auf Pellworm. Hier war übrigens auch der eingangs erwähnte Dichter Detlev von Liliencron ab 1882 Hardesvogt, eine Art Stellvertreter des Landrats.
Das zweite Thema des Buches ist das „geheimnisvolle Abalus“. Plinius der Ältere hatte 77 nach Christus über eine Insel geschrieben, auf der viel Bernstein gefunden wurde. Bernstein galt bei den Römern wertvoller als Gold, es sollte vor Krankheiten schützen. Weitere Indizien für die Existenz von Abalus liefere die mittelalterliche Kopie einer Karte, die der griechische Geograf Ptolemäus angefertigt haben soll und die drei Inseln vor Nordfriesland zeigt. Bei einer der dreien könne es sich um Abalus handeln.
Von Abalus zum legendären Ort Avalon aus der König Artus-Sage ist es dann nicht mehr weit, denn, so die Autoren: „Abalus ist ein römisches Wort für den Namen Avalon.“ Die Autorin räumt ein, dass man sich mit der These von einem „Avalon“ vor Nordfriesland doch sehr weit vorgewagt habe, sodass man sich hier durchaus im Bereich der „Spökenkiekerei“ bewege.

Wattwanderungen auf den Spuren von Rungholt

Cornelia Mertens, die hauptberuflicheine Einrichtung zur Suchtprävention in Stellingen leitet, ist inzwischen auch ausgebildete Nationalpark-Wattführerin und geleitet Unkundige durch die nicht ganz ungefährliche Welt aus Schlamm, Sand und Prielen.
Dass die Nordsee weiterhin unberechenbar ist, zeigte sich bei der letzten großen Sturmflut 1962, die – ein Zufall? – genau 600 Jahre nach der ersten „Groten Mandränke“ von 1362 über die Bewohner der Küstenregion hereinbrach.

Ausflugstipp

Wattwanderungen auf den Spuren von Rungholt werden in den Sommermonaten regelmäßig von den Inseln Pellworm und Nordstrand angeboten. Auskunft erteilt die jeweilige Touristinformation. Kontakt:
Kur- und Tourismusservice Pellworm, Tel. 04844 - 189 40
Kurverwaltung Nordstrand, unter Tel. 04842 - 454.

Buchtipp
Hellmut Bahnsen, Robert Brauer und Cornelia Mertens: „Im Meer versunken – Rungholt, die Insel Strand und das geheimnisvolle Abalus“, Husum Verlag, 94 Seiten, 7,95 Euro
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