Als Radfahrer noch mit Hundebomben warfen

Unterwegs auf zwei Rädern: Mitglieder des Altonaer Bicycle Clubs bei der Nordica-Klassiker-Ausfahrt bei Elmshorn im September 2013. Foto: Volker Stauder
 
Das Logo des Altonaer Bicycle Clubs von 1869/80. Quelle: Stadtteilarchiv Ottensen

Der älteste Radsportverein Deutschlands: Ein Besuch beim Altonaer Bicycle Club.

Von Christopher von Savigny. Als im September 1869 in Altona eine Industrieausstellung über die Bühne ging, hatten sich die Veranstalter einiges ausgedacht, um ihre Besucher bei Laune zu halten. Sogar Pferde- und Elefantenrennen wurden angeboten. Am meisten Aufsehen erregte allerdings ein Ereignis, das unter dem Namen „Veloziped-Wettreiten“ im Programmheft zu finden war: tollkühne Männer, die auf bis zu 40 Kilo schweren Zweirädern gegeneinander antraten – so etwas hatte man bis dato noch nicht gesehen. Auch Radler aus Frankreich, Dänemark und England nahmen damals an dem Rennen teil.
Das Jahr 1869 markiert auch die Geburtsstunde des Vereins, der das ungewöhnliche Spektakel organisiert hatte. Eimsbütteler Veloziped-Reitclub so nannte sich die Gruppierung seinerzeit. „Veloziped“ ist eine Wortschöpfung, die aus dem Lateinischen stammt und soviel wie „Schnellfuß“ bedeutet. Mit Eimsbüttel hatte der Verein allerdings wenig zu tun, die rund 20 Altonaer und Hamburger Mitglieder konnten sich vielmehr nicht auf einen anderen Namen einigen. Als Kompromiss wurde schließlich Eimsbüttel gewählt, eine Gemeinde, die außerhalb der Stadtgrenzen lag. 1881 wurde der Verein dann – rückwirkend zum Jahr 1880 – in Altonaer Bicycle-Club von 1869/80 (ABC) umbenannt. Das Altonaer Wettrennen, ein Vorläufer der Cyclassics, wenn man so will, war das erste seiner Art in ganz Deutschland gewesen. Immerhin drei Siege konnten die Clubmitglieder damals einfahren.

Der ABC bezeichnet sich selbst als der älteste Fahrradclub weltweit. Möglicherweise stimmt das nicht, da es in Österreich einen Verein mit noch längerer Tradition gibt. Dafür ist der ABC mit Sicherheit der älteste Club seiner Art in Deutschland. 2013 hat eine Handvoll Fahrradbegeisterter den ABC wieder zum Leben erweckt, nachdem er vor zwölf Jahren mangels Mitglieder seinen Betrieb eingestellt hatte. Als „Radsport- und Geschichtsverein“ bezeichnet Lars Amenda, zweiter ABC-Vorsitzender, seinen Club. „Wir wollen Radgeschichte lebendig machen“, sagt er.

Heute trainieren die Mitglieder auf dem Rennrad, nehmen gemeinsam an Langstreckenfahrten sogenannten „Brevets“, teil, spielen Radball und begeben sich in Archiven und Bibliotheken auf Spurensuche. In einem alten Backsteinbau im Oberhafenquartier betreibt Mitglied und Hobbymechaniker Uwe Just seit zehn Jahren eine Fahrradwerkstatt, in der er historische Stahlrösser liebevoll restauriert. Zu seinen Schätzen zählen einige betagte französische Rennräder, ein spezielles Radball-Fahrrad, mit dem man vorwärts wie auch rückwärts fahren kann und ein Göricke-Damenfahrrad aus den 1920er Jahren. „Kulturschätze“, nennt sie Nico Thomas, der vom Fahrrad als Fortbewegungsmittel begeistert ist. „Es gibt kaum ein Gerät, dass es so perfekt schafft, Muskelkraft in Bewegungsenergie umzusetzen.“

In diesem Jahr feiert der ABC sein 145-jähriges Bestehen. Die Unterschiede könnten kaum größer sein: Während sich das Rad heute als Fortbewegungsmittel etabliert und teils sogar das Auto als Statussymbol abgelöst hat, wurden die frühen Fahrradpioniere oft von der Polizei angehalten, weil ihnen deren Tun suspekt und hochgradig gefährlich erschien. Gefährlich war die Radelei in der Tat: Unterwegs auf schlecht befestigten Straßen – zunächst auf dem Veloziped, später auf dem englischen Hochrad („Bicycle“) – endeten Radtouren nicht selten mit schweren Stürzen und Verletzungen. Um sich Hunde vom Leib zu halten, trugen Radfahrer Peitschen, Revolver oder so genannte „Hundebomben“ (explodierende Knallkörper) bei sich, mit denen sie die Vierbeiner bewarfen. Aufgrund der horrenden Preise konnte sich nur die Oberschicht ein Zweirad leisten. „Radfahren hatte etwas Dandyhaftes an sich“, sagt Amenda. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts – mit der Einführung des „Niederrads“ mit Kettenantrieb – wurde das Radfahren sicherer und bezahlbarer, und der Drahtesel entwickelte sich nach und nach zum Massenverkehrsmittel.

Kontakt: Wer kann bislang unbekannte Fotos, Dokumente oder Anekdoten zum ABC beisteuern? Infos und Kontakt unter www.altonaer-bicycle-club.de
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