Als Radfahrer in der Abgaswolke

„Manchmal kratzt es im Hals“: Matthias Pätzold ist täglich mit seinem Drahtesel im Westen Hamburgs unterwegs. Foto: cvs
 
Während der Anteil der Feinstaubbelastung in Hamburg gesunken ist, bleibt Stickstoffdioxid weiterhin eine Gefahr: Das liegt zu einem Gutteil am motorisierten Verkehr. Foto: Pantermedia

Gesundheitsgefahr durch Stickstoffdioxid: Ein Hamburger kämpft zusammen mit dem BUND für bessere Atemluft

Von Christopher von Savigny. Manchmal muss Matthias Pätzold regelrecht nach Luft schnappen. „Besonders bei Tiefdruckwetter“, berichtet er. In den letzten Wochen hatte Hamburg ein Hoch nach dem anderen. Trotzdem konnte Pätzold zuweilen kaum atmen. „Mein Eindruck ist: Die Luft wird immer schlechter“, sagt er.
Matthias Pätzold wohnt in der Max-Brauer-Allee in Altona. Direkt gegenüber von seiner Wohnung steht eine der vier großen Luftmessstationen der Hansestadt. Die Apparate in dem dunkelgrünen, mit Graffitti beschmierten Häuschen nehmen mehrmals täglich Proben der Hamburger Luft und werten sie aus. Das Reizgas Stickstoffdioxid (NO2) schneidet regelmäßig am schlechtesten ab: Zwischen 60 und 73 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegt der Jahresmittelwert für NO2 seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2002. Der von der EU vorgegebene Grenzwert gibt eine Maximalbelastung von 40 Mikrogramm vor.

Grenzwertüberschreitungen sind deutlich spürbar

Die Überschreitung ist nicht extrem, aber dennoch deutlich spürbar – insbesondere nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer wie Radfahrer sind betroffen. Jeden Tag fährt Matthias Pätzold mit seinem schwarzen Tourenrad die Max-Brauer-Allee hinauf bis zum Schlump, wo er sein Büro hat. Zu Stoßzeiten ist er nur ungern unterwegs. Das klappt ganz gut, weil er sich als Selbstständiger die Zeit einteilen kann. Ebenso versucht er es tunlichst zu vermeiden, an Ampeln hinter laufenden Fahrzeugmotoren stehenzubleiben. „Als Radfahrer lernt man, sich anzupassen“, sagt Pätzold.
Im vergangenen November hat der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) ein Verfahren vor dem Verwaltungsgericht gegen die Stadt Hamburg gewonnen, in dem es um das Thema Luftbelastung ging. (siehe Kasten unten). Die Stadt hatte in elf Leitz-Ordnern vergeblich versucht zu belegen, dass der gültige Luftreinhalteplan ausreichend sei.
Der Hamburger BUND-Geschäftsführer Manfred Braasch wundert sich nicht, dass im Urteil keine Handlungsanweisungen für die Stadt stehen: „Das Gericht ist nicht dazu da, konkrete Maßnahmen vorzuschlagen“, sagt er. Es sei nun an der Stadt, die Initiative zu ergreifen. „Wenn Sie das Problem ernsthaft angehen wollen, brauchen Sie einen sehr breiten Instrumentenmix“, sagt Braasch. Den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, City-Maut und Umweltzone sieht der BUND-Chef als sinnvolle Möglichkeiten an. Auf der
Liste der Umweltschutzorganisation steht auch die Forderung nach Tempo 30 für Hamburgs Hauptverkehrsstraßen. „Das ist eine Maßnahme, die schnell und einfach umzusetzen wäre“, so Braasch.
Seit vielen Jahren kämpft der BUND für bessere Luft in der Hansestadt. Die noch vor wenigen Jahren brandaktuelle Feinstaubgefahr betrachtet Braasch inzwischen als nicht mehr so akut. Schon seit längerem lägen die Werte deutlich unter dem, was offiziell zugelassen sei. „Allerdings könnte man durchaus strengere Maßstäbe ansetzen“, sagt Braasch. Andere Länder, wie etwa die Schweiz, gingen da mit gutem Beispiel voran.

Für Matthias Pätzold ist der Kampf noch nicht zu Ende

Auch bei den kürzlich zuende gegangenen Koalitionsverhandlungen stand das Thema Umweltschutz zur Debatte. Die Grünen wollen sich unter anderem für einen Ausbau des Radverkehrs, für umweltfreundliche Landstromversorgung auch bei Containerschiffen und für sogenannte „Containertaxis“ einsetzen. Diese transportieren Ladung im Hafen auf dem Wasserweg statt per Lkw. „Bis spätestens 2030 wollen wir den Radverkehr von derzeit rund 12 auf 25 Prozent verdoppelt haben“, sagt Jan Dube, Pressesprecher der Bürgerschafts-Grünen. Innerhalb der nächsten zwei Jahre werde man bei der EU einen überarbeiteten Luftreinhalteplan vorlegen, der diese zusätzlichen Maßnahmen beinhalte.
Von der zuständigen Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt lag dem „Elbe Wochenblatt am Wochenende“ bis Redaktionsschluss noch keine Stellungnahme vor, welche konkreten Maßnahmen zur Luftreinhaltung die Stadt plant.
Für Matthias Pätzold, der sich ebenfalls in dem Klageverfahren gegen die Stadt Hamburg engagiert hatte, ist der Kampf noch lange nicht zu Ende – so viel steht fest. „Das Hauptproblem ist, dass es zu viel motorisierten Individualverkehr auf der Straße gibt,“ sagt er. „Daran muss sich etwas ändern.“

Senat: Schlappe vor Gericht

Vom derzeit gültigen Hamburger Luftreinhalteplan hielten die Verwaltungsrichter herzlich wenig, als sie im November 2014 über die Klage von Matthias Pätzold entschieden. Sie verurteilten die Stadt dazu, den Plan „so zu ändern, dass dieser die erforderlichen Maßnahmen zur schnellstmöglichen Einhaltung des über ein Kalenderjahr gemittelten Immissionswertes für Stickstoff in Höhe von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft enthält“.
Zunächst hatte der Senat angekündigt, gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts in Berufung vor dem Oberwervaltungsgericht zu gehen. In den Koalitionsverhandlungen verzichtete die SPD auf Drängen der Grünen darauf. Fazit: Der neue Senat wird seinen Luftreinhalteplan grundlegend überarbeiten müssen. MG
http://justiz.hamburg.de/contentblob/4467954/data/...
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