Als der Kaiser mauerte

Staatsakt an der Hamburger Brooksbrücke: Im Beisein von Reichskanzler Otto von Bismarck und diversen Hamburger Honoratioren brachte Kaiser Wilhelm II den letzten Stein an.
 
Arbeit an der Luke: Jeder Boden der Speicherstadt verfügt über eine Anbindung zur Straße und auf der anderen Seite zum Fleet. Fotos: Speicherstadtmuseum/Sabine Deh
Hamburg: Speicherstadtmuseum |

Vor 125 Jahren wurde die Speicherstadt fertig.

Von Sabine Deh. Der 29. Oktober 1888 war für die Hamburger ein denkwürdiger Termin. Seit Tagen raunten sich die Bürger der Stadt zu: „Der Kaiser kommt!“ Punkt 12 Uhr mittags hielt der Sonderzug mit Kaiser Wilhelm II. an der Lombardsbrücke, wo die Honoratioren ein Festzelt aufgebaut hatten, um den hohen Gast zu begrüßen. Nach einem Umtrunk bestieg Seine Majestät eine Barkasse, die ihn zum Jungfernsteig brachte. Von dort aus ging es per Kutsche durch die festlich geschmückte, von Menschen gesäumte Innenstadt zur Brooksbrücke in der Speicherstadt, wo der Kaiser in einem feierlichen Akt eine Gedenktafel, den sogenannten „Schlussstein“, setzte.

Die silberne mit Elfenbein verzierte Maurerkelle und der Polierhammer, mit dem der Kaiser mauerte, sind 125 Jahre später im Speicherstadtmuseum am Sandtorkai zu sehen. Von dort führt uns Historiker Rolf Lange, der das Museum gemeinsam mit Henning Rademacher, einem Kapitän mit Betriebswirtschaftsstudium, leitet, auf die Brooksbrücke. Lange muss sich bücken, um die Inschrift auf dem Wilheminischen Stein zu lesen. „Nach der Sanierung der Brooksbrücke vor einigen Jahren wurde der Stein versetzt“, sagt er.

Lange erzählt die Geschichte der Speicherstadt: Das von Fleeten durchzogene Gebiet zwischen Innenstadt und Hafen steht seit 1991 unter Denkmalschutz und wird ab 2014 möglicherweise sogar zum Weltkultur-erbe gehören. Rund 55.000 Besucher im Jahr besichtigen die alten Speicherböden des Museums, in denen das Aroma von Kaffee, Tee und exotischen Gewürzen in der Luft liegt. Damals wurden die Waren in der Speicherstadt noch unter der strengen Kontrolle der Quartiersleute, in Jutesäcken, Kisten, Fässern und als Ballen verschnürt über den Wasserweg transportiert oder rumpelten auf Kutschen und Karren über mit Kopfsteinen gepflasterte Straßen zu ihrem neuen Besitzer.

„Für den Bau der neuen Speicherstadt wurde das 26 Hektar große Gebiet südlich der Innen- und Geschäftsstadt ausgewählt“, so Rolf Lange. Dafür wurden im Kehrwieder- und Wandrahmviertel rund 1.000 Bürgerhäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert dem Erdboden gleichgemacht. Über 20.000 Einwohner mussten weichen. „Die Volksseele kochte,“, so Lange. Die Stadt siedelte die Betroffenen rücksichtslos und meist ohne eine Entschädigung zu zahlen um. Die Arbeiter- und Handwerkerfamilien mussten sich auf eigene Faust in den Stadtteilen Hammerbrook, Rothenburgsort und Barmbek ein neues Obdach suchen.

Anschließend begannen die Architekten Hannßen & Meerwein, Stammann & Zinnow sowie Johannes Grotjohan, die bereits am Bau des Hamburger Rathauses beteiligt waren, gemeinsam mit Baumeister Gustav Schrader im Jahre 1883 mit der Erschaffung der Speicherstadt. „Als Erfinder und Gestalter gilt allerdings der Ingenieur Franz-Andreas Meyer, der das Handelszentrum auf dem Reißbrett entwickelte“ so Lange. Die Kosten für den Freihafen-Zollanschluss und den Bau der Speicherstadt beliefen sich auf 120 Millionen Mark, was heute rund 1,2 Milliarden Euro entspricht. Eine gigantische Summe, wenn man bedenkt, das Hamburg seinerzeit nur etwa 450.000 Einwohner zählte. Da war es ein schwacher Trost, dass Reichskanzler Otto von Bismarck sich mit 40 Millionen Mark beteiligte.

„In den Jahren danach muss es auf der Baustelle zugegangen sein wie auf einen Ameisenhaufen“, mutmaßt der Museumschef. Aus dem Ruhrgebiet wurden vorgefertigte Stahlträgergerüste angeliefert, mit deren Hilfe die Speicherstadt im Baukastenprinzip entstand. In einem ganz ähnlichen Verfahren wurde zeitgleich auch der Eiffelturm in Paris gebaut. Die roten Speicher in neugotischer Backsteinarchitektur verfügten alle über einen Fleet- sowie einen Straßenanschluss. „Gelagert wurden auf den Böden in erster Linie Kaffee, Tee und Gewürze, aber auch Wein und Spirituosen in Fässern, außerdem Tierdärme“, erzählt Historiker Lange. Heute gilt die Speicherstadt als größter auf Eichenpfählen gegründeter Lagerhauskomplex der Welt.

Besonders stolz sind Lange und Rademacher auf den blauen Briefkasten mit integrierter Waage für Warenproben, der früher am Kehrwieder stand. Wenn der Kasten voll war, bimmelte drinnen im Postamt eine Glocke. Weitere Glanzpunkte der Sammlung sind außerdem die silberne mit Elfenbein verzierte Maurerkelle und der passende Polierhammer, mit denen Kaiser Wilhelm II. am 29. Oktober 1888 im Beisein von Reichskanzler Bismarck die Gedenktafel am Tor der Brooksbrücke setzte.


Jubiläumsprogramm: 125 Speicherstadt
Im Rahmen einer Gala-Lesung stellt die Autorin Renate Ahrens am Freitag, 18. Oktober, um 19.30 Uhr im Speicherstadtmuseum, Am Sandtorkai 36, ihren neuen Roman „Seit jenem Moment“, vor. Alle Besucher sind zu einem Glas Sekt eingeladen. Die Tickets kosten zehn Euro, ermäßigt 8,50 Uhr. Der Jubiläumsrundgang „125 Jahre Speicherstadt“ wird am Sonnabend, 26. Oktober, um 15 Uhr, sowie am Sonntag, 20. Oktober, und Sonntag, 27. Oktober, jeweils um 11 Uhr angeboten. Die Teilnehmer treffen sich vor dem Museum. Kosten: acht Euro, ermäßigt 6,50 Euro. Besucher, die im Oktober Geburtstag haben, dürfen an den Rundgängen umsonst teilnehmen. Für Kinder gibt es außerdem Schokoküsse und Luftballons.
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