Alle Müller, oder was?

Obermüller Rainer Witte: Der freundliche Familienvater arbeitet seit zwölf Jahren für die Aurora-Mühle in Wilhelmsburg. Er mag den täglichen Umgang mit dem Naturprodukt Getreide. Fotos: sd
 
Die Aurora-Mühle an der Elbe: Seit 1897 wird an der Trettaustraße in Wilhelmsburg bereits Mehl hergestellt. Foto: pr

Die besten Müllergesellen des Landes waren in Wilhelmsburg bei den „Mühlenmasters“.

Von Sabine Deh. Der Mann hat richtig Bammel vor der Laborprüfung. „Mit diesem Bereich hatte ich während meiner Ausbildung nur wenig zu tun“, sagt André Schumann (32). Für den Sachsen geht es bei den „Mühlenmasters 2011“ um mehr als Ruhm und Ehre. Der Junior eines Familienbetriebes muss die hohen Erwartungen der Kollegen und Eltern Zuhause zu erfüllen. Dementsprechend aufgeregt ist der frisch gebackene Müllergeselle, als er vor den strengen Augen des Prüfers eine Mehl-Analyse zeigen muss.
In der Wilhelmsburger Aurora-Mühle in der Trettaustraße kämpften die sieben besten Müller-Gesellen oder „Verfahrenstechnologen in der Mühlen- und Futtermittelwirtschaft“, wie sie ganz offiziell heißen, auf Einladung des Verbandes Deutscher Mühlen um den Titel.
„Mit der romantisch klappernden Mühle am rauschenden Bach aus dem Märchen hat der Beruf des Müllers heute allerdings nichts mehr zu tun“, so Elke Matern, die Personalchefin der Aurora-Mühle. Nach einem Rundgang durch den 1.000-Mitarbeiter-Betrieb versteht man, was sie meint. Bei einem der wichtigsten Arbeitgeber der Elbinsel werden jeden Tag rund um die Uhr 500 Tonnen Mehl produziert.
Die Kunst eines Müllers sei es, erklärt uns Obermüller Rainer Witte, mit einem Naturprodukt, das aufgrund unbeständiger Witterungsverhältnisse Veränderungen unterworfen ist, so sensibel umzugehen, dass am Ende ein gutes Mehl in gleichbleibender Qualität heraus kommt. Mit diesem Satz, der auch in Stein gemeißelt am Werkstor stehen könnte, stößt der freundliche Familienvater die Tür zu seinem Mühlen-Reich auf.
Gleich im Treppenhaus steigt uns der Duft von frisch gebackenen Brötchen in die Nase. Tatsächlich holt Peter Wehrmann, Bäckermeister in der Testküche, gerade ein Blech mit knusprigen Rundstücken aus dem Ofen. Gestern habe er ein neues Brotrezept auf Grundlage von Hartweizengries ausprobiert. „Sehr lecker“, schwärmt Wehrmann. Über seiner Küche, auf dem sogenannten Walzen-Boden, ist das Herz der Mühle untergebracht. Dort wird das Getreide zwischen Mahlwerken im Walzenstuhl zu Mehl vermahlen. Im Erdgeschoss befindet sich die Abpackanlage, an der die Mehlsorten und Backmischungen in verschieden große Verpackungseinheiten abgefüllt werden und per Laufbandstraßen ins Lager transportiert werden. Ein Teil des Mehls wird direkt vom Silo in Lkw abgefüllt und an Großbäckereien ausgeliefert. In Deutschland vermahlen Jahr für Jahr 580 Mühlen rund acht Millionen Tonnen Weizen und Roggen. 2010 erwirtschafteten die Mühlen-Betriebe einen Umsatz von knapp 2,5 Milliarden Euro. „Der Beruf des Müllers hat Zukunft“, sagt Elke Matern. Die Arbeitslosenquote von ausgebildeten Müllern liege bei unter einem Prozent. Das Anfangsgehalt eines Gesellen beträgt rund 2.100 Euro. Für interessierte junge Frauen und Männer gilt, dass auch Schüler mit einem Hauptschul- oder Realschulabschluss eine Chance bekämen, wenn sie gute Noten in den naturwissenschaftlichen Fächern hätten.
Die besten Gesellen dieses Jahres waren sich bei ihrem Treffen in Wilhelmsburg jedenfalls einig, dass kaum jemand weiß, wie vielseitig und interessant der Beruf des Müllers tatsächlich sei. In diesem Jahr legten in Deutschland nur rund 100 Lehrlinge die Prüfung zum Müller-Gesellen ab. Der Bedarf ist aber sehr viel höher. Zum „Mühlenmaster 2011“ wurde Christian Mayer aus Münsingen gekürt. André Schumann von der sächsischen Fichtenmühle war am Ende stolz auf seinen zweiten Platz. Chris Schulz, der Teilnehmer, den die Aurora-Mühle ins Rennen geschickt hatte, freute sich über einen guten vierten Platz im Mittelfeld.
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