Abenteuer Harburg

1960er Jahre: Das spätere Ehepaar Julietta und Ibrahim El Mohamed bei einer Feier.
 
Herzlicher Empfang: Das junge Ehepaar mit der Mutter El Mohameds im Libanon.

Wie ein junger Libanese 1960 nach Hamburg kam und sein Glück fand.

Von Reinhard Schwarz.
Als sich der junge Libanese Anfang der Sechziger in einem Lokal allein an einen Tisch setzte, blieb er es meist nicht lange. „Es hieß oft: ‚Warum sitzt du da so allein?’“, sagt Ibrahim El Mohamed (74). Er war einer der ersten „Gastarbeiter“, die nach Harburg kamen. Dort gab es viele freundliche Menschen, aber auch Dinge, die ihn erstaunten. „Ich habe damals am Bahnhof ein Liebespaar gesehen, das sich öffentlich küsste. Das kannte ich vorher nur aus dem Film.“ Ebenso erstaunt war er über einen Hundesalon, in dem gerade ein Vierbeiner eingeschäumt wurde. „Das hatte ich noch nie gesehen.“
Wie El Mohamed nach Hamburg kam, ist eine Geschichte für sich. „Ich war 1960 in Monrovia, der Hauptstadt von Liberia. Hier hatte ich für eine libanesische Baufirma gearbeitet.“ Doch das Klima und besonders die Rassentrennung in dem afrikanischen Land waren bedrückend. „Nach sieben Monaten wollte ich da weg und nach Frankreich, auch weil ich in der Schule Französisch gelernt hatte.“ Ein Landsmann von ihm war Kapitän, und so konnte er mit einem Frachter nach Hamburg reisen. In Hamburg lernte der kontaktfreudige Libanese erneut einen Landsmann kennen, der ihm einen Job bei einer Firma auf der Peute verschaffte. Damals lebte er in einem Zimmer auf der Veddel. Nach einer Woche meldete er sich bei der Ausländerbehörde. „Die haben gesagt: ‚Du musst wieder zurück in die Heimat’.“ Doch genau das wollte er nicht. Als der Beamte seinen Pass einkassieren wollte, reagierte der Libanese blitzschnell: Er riss seinen Pass an sich und stürmte hinaus.
„Ich bin dann zum libanesischen Konsulat gegangen und habe meine Geschichte erzählt.“ Der Konsulatsbeamte habe gelacht und gesagt: „Ich mache das schon.“ Und tatsächlich kümmerte sich der Beamte um seinen Fall. El Mohamed erhielt sein Visum – einer von vielen glücklichen Umstände Im Leben des Mannes aus dem Zedernland. „Danach musste ich jedes Jahr zur Ausländerpolizei, um mein Visum zu verlängern.“ 20 Jahre später, 1980, erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft. Er blieb aber Libanese, weil das Mittelmeerland seine Bürger grundsätzlich nicht aus der Staatsbürgerschaft entlässt.
Eine Arbeit im Deutschland der frühen 1960er Jahre zu finden war angesichts des „Wirtschaftswunders“ kein Problem. Die deutsche Wirtschaft boomte und suchte ab den 1950er Jahren händeringend nach Arbeitskräften. 1955 wurde zwischen Italien und Deutschland das erste Anwerbeabkommen für „Gastarbeiter“ geschlossen. Ab 1960 folgten ähnliche Abkommen mit Spanien, Griechenland, der Türkei und Tunesien. Ein Abkommen mit dem Libanon gab es nicht. Von daher fällt die Geschichte El Mohameds aus dem Rahmen.
Bald fand der gelernte Herrenfriseur einen Job als Lackierer beim Harburger Tempo-Werk in Bostelbek. Tempo stellte anfangs dreirädrige Lieferwagen her, später auch vierrädrige Gebrauchsfahrzeuge. Von 1974 bis zu seiner Pensionierung 1998 arbeitete El Mohamed bei der deutschen Lada, ebenfalls als Lackierer.
Probleme machte die Sprache. „Deutschlernen war nicht so leicht. Ich hatte keinen Deutschkursus, war aber viel im Kino und in der Disco und habe auf der Arbeit viel mit den Kollegen gesprochen.“ Zudem halfen ihm seine guten Französischkenntnisse beim Deutschlernen.
Auf dem Wohnzimmertisch liegen Schwarzweiß-Fotos aus dieser Zeit. Sie zeigen einen gutaussehenden Mann mit dunklen Haaren, dem die Frauen hinterherschauten. Seine Frau Julietta (65) lernte er 1968 auf dem Hamburger Dom kennen. „Ich bin da mit einer Arbeitskollegin vorbeimarschiert“, schildert sie die Begegnung. „Ich habe sie angesprochen“, erinnert er sich. Doch ihre Eltern waren gegen die Beziehung. „Meine Eltern hatten Angst: ‚Das ist doch ein Araber, der verschleppt dich in den Orient.’“ Damals war Julietta bereits volljährig, doch die Eltern brachten sie von Hamburg nach Berlin. Aber sie „haute heimlich ab nach Hamburg“, musste jedoch zurück nach Berlin.
Schließlich heiratete das Paar im Libanon – gegen den Willen ihrer Eltern. Doch auch in seinem Heimatland gab es Probleme. Julietta brauchte von der deutschen Botschaft im Libanon eine Bescheinigung, dass sie noch unverheiratet war. Der deutsche Beamte versuchte, sie von der Heirat abzubringen. „Der überreichte mir eine Liste, auf der die Nachteile einer Ehe mit Orientalen aufgeführt waren.“ Doch sie wollte die Heirat. „Wir wurden dann auf einem libanesischen Standesamt von einem Mufti (Priester, d. Red.) getraut“, schildert El Mohamed. Von der Familie ihres Mannes wurde die deutsche Ehefrau herzlich empfangen. „Meine libanesische Schwiegermutter ist mir gleich um den Hals gefallen.“
Die Ehe wurde schließlich auch in Deutschland anerkannt. Julietta El Mohamed: „Meine Eltern haben sich dann damit abgefunden.“ Mittlerweile sind die gemeinsamen Kinder – ein Sohn (36) und eine Tochter (40) – längst erwachsen und haben ihrerseits Kinder. Das deutsch-libanesische Ehepaar lebt seit Jahren in Neuwiedenthal und genießt seinen Ruhestand. Die beiden reisen viel, halten Kontakt zu El Mohameds Familie, die zum Teil in den USA lebt. Dieses Jahr ist eine Kreuzfahrt geplant. Julietta El Mohamed schwärmt: „Davon habe ich schon immer geträumt.“
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