Abendspaziergang in die KZ-Vergangenheit

Karl-Heinz Schultz zeigt einen nachgearbeiteten Mantel der Zwangsarbeiterinnen: „Im Herbst bekamen die Frauen gebrauchte Zivilmäntel. Da der Kommandant Fluchtversuche befürchtete, mussten die Frauen aus jedem Mantel einen Ärmel abtrennen und durch einen andersfarbigen ersetzen. Aus dem Rückenteil mussten sie ein großes Stück herausschneiden und durch ein großes gelbes Stoffstück ersetzen“, erklärt Schultz. Foto: pr

70 Jahre nach der Befreiung: Karl-Heinz Schultz führt über das KZ-Gelände am Falkenbergsweg

Von Karin Istel. Am 15. April 1945, also vor genau 70 Jahren, hatte das Grauen ein Ende: Englische Truppen befreiten das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Dorthin waren zwei Monate zuvor die Zwangsarbeiterinnen aus dem KZ Neugraben verlegt worden. Das Lager im Hamburger Süden war eines von insgesamt 86 Außenlagern des Konzentrationslagers Neuengamme. Karl-Heinz Schultz, Vorsitzender des Freundeskreis KZ-Gedenkstätte Neuengamme, führt am Jahrestag über das Gelände des ehemaligen KZ am Falkenbergsweg in Neugraben.

Wer muste im Neugrabener KZ Zwangsarbeit verrichten?
Im September 1944 deportierten die Nazis 500, vor allem tschechische Jüdinnen hierher und zwangen sie zu arbeiten. Da sie als arbeitsfähig galten, wurden sie nicht in Auschwitz vergast, sondern in das Konzentrationslager am Falkenbergsweg verschleppt. Die Frauen und Mädchen – das jüngste war 13 Jahre alt – wurden von der SS für vier Reichsmark als Arbeitskräfte an lokale Firmen „verliehen“. So mussten sie beispielsweise von Neugraben zu Fuß nach Harburg wandern, um dort aus den Trümmern Ziegel auszugraben, abzuklopfen und aufzustapeln.

Wie sah das Lagerleben aus?
Ausgestattet mit einem Sträf-lingsanzug, einem Schlüpfer, einem Mantel und Holzpantinen mussten die Frauen den Winter überstehen – natürlich ohne Socken. Kleidung zum Wechseln gab es nicht. Die gewaschenen Sachen durften nicht zum Trocknen aufgehängt werden, sondern mussten am Körper trocknen.
Zu essen gab es morgens nur braune Brühe als Kaffee-Ersatz, abends eine dünne Wassersuppe mit einem Stück Brot. Essen ins Lager zu schmuggeln wurde mit Ohrfeigen und Schlägen hart bestraft. Kurz: Hunger, Erschöpfung, Krankheit, Angst und brutale Strafen prägten den Lageralltag der Frauen.

Wie viele Frauen aus dem Lager überlebten?
Sicher ist nur, dass die Frauen am 8. Februar 1945 nach Tiefstack und von dort zwei Monate später nach Bergen-Belsen verlegt wurden. „Wie viele der Frauen in den letzten Tagen getötet wurden oder nach der Befreiung starben, ist nicht bekannt“, so Karl-Heinz Schultz.

Was ist heute vom Lager übrig?
Es sind nur noch ein paar Fundamente, ein paar verwitterte Treppenstufen, eine Handvoll Dokumente und die Erinnerungen der Frauen, die überlebt haben. Oder die ihrer Freunde. So begab sich beispielsweise der Niederländer Peter de Knegt nach den Erzählungen seines Vaters Bram auf Spurensuche und fand heraus, wie die Freundschaft zwischen seinem Vater und der Zwangsarbeiterin Olga im Konzentrationslager Falkenberg begann. Seine Forschungsergebnisse hielt er in einem Buch fest (Kasten unten).

Buch

Peter de Knegt
Olinka. Eine Freundschaft, die im Krieg begann
ISBN: 978-3-00-031881-8
9 Euro

Führung

Mi, 15. April, 17.30 Uhr
Treffpunkt: Bushaltestelle Neugrabener Heidewege
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.