999 Pfeifen für Finkenwerder

Vorsichtig und mit dünnem Pinsel: Restauratorin Andrea Junken bessert schadhafte Stellen der Orgel aus. Fotos: bk
 
Die Sankt Nikolaikirche auf Finkenwerder wurde im Jahr 1881 gebaut. Genauso alt ist auch die Orgel der Firma Furtwängler und Söhne.

Die Orgel der St. Nikolaikirche wurde aufwändig restauriert.

Von Annekatrin Buruck.Georg Schloetmann bläst kräftig in die gut einen Meter lange Orgelpfeife bis ein dunkler Ton entsteht. Noch einmal blasen, genau hinhören. Dann macht sich der Orgelbaumeister an die Arbeit. „Für das Stimmen einer Pfeife brauche ich zwischen zwei Minuten und zwei Stunden“, sagt er.
Einen Monat hat es gedauert bis Schoetmann gemeinsam mit Organist und Orgelbaulehrling Maciej Kramarski die Orgel in der St. Nikolaikirche in Finkenwerder mit ihren 999 Pfeifen auf den klanglichen Stand von 1881 gebracht hat – zumindest annähernd. In jenem Jahr wurde das Instrument von der Firma Philipp Furtwängler & Söhne gebaut. Der Firmengründer stammt aus einer musikalischen Familie: Sein Großneffe war der Dirigent Wilhelm Furtwängler, der 1954 starb. In dieser Zeit begann man an der Orgel in St. Nikolai herumzudoktern, den ursprünglichen Klang zu verändern. Selbst einige Pfeifen hatte man abgesägt, um den Ton zu erhöhen. Es entstand ein Klang, der an die Barockmusik erinnerte. „Das entsprach dem damaligen Zeitgeschmack“, weiß Schloetmann. Sein Urteil dazu ist eindeutig: „Musikalisch erschreckend!“ Die Orgel klang hell und spitz, von den vielen weichen und kräftigen Grundtönen einer Furtwängler-Orgel war kaum noch etwas übrig.
Das hat sich nun wieder geändert. „Zum Glück haben wir bei uns noch die Original-Bauunterlagen des Instruments“, freut sich Schloetmann, der bei der Firma Hammer, dem Nachfolgeunternehmen von Furtwängler, beschäftigt ist.
Die Orgel wurde aber nicht nur neu gestimmt, sondern komplett renoviert. Schon seit Jahren hatte sich Schimmel im Inneren breit gemacht, verschiedene Teile des Orgelwerks waren verschlissen. „Manchmal fiel sogar einer der Schläuche ab, die die Pfeifen mit Luft versorgen“, erinnert sich Organist Martin Fiedrich. Und auch die mit Türmchen, Figuren und Ornamenten gestaltete hölzerne Verkleidung der Orgel – der so genannte Orgelprospekt – benötigte eine Reinigung und teilweise einen neuen Anstrich.
Bereits im Juli hatten die Orgelspezialisten daher die Pfeifen ausgebaut und gereinigt – einige davon direkt in der Kirche, andere in ihrer Werkstatt in Hemmingen bei Hannover. In der Zwischenzeit machte sich Res-tauratorin Andrea Junken ans Werk. Der ebenfalls 1881 gebaute neugotische Orgelprospekt war, wie das Instrument selbst, im vergangenen Jahrhundert mehrfach renoviert worden, das letzte Mal nach den schweren Schäden durch die Sturmflut von 1962. „Er ist ein Kunstwerk und absolut erhaltenswert“, so Andrea Junken.
Die Vergoldungen stammen aus den 1960er Jahren und bestehen aus echtem Blattgold. „Die meisten sind sehr wertvoll.“ Beim Betrachter wird die Vorstellung erzeugt, der Gegenstand bestünde aus echtem Gold. „Sehr aufwändig“, so Junken, die deshalb die Vorderseite des Orgelprospekts nur vorsichtig gereinigt, einige Kratzer beseitigt und lediglich an wenigen Stellen vorsichtig neu bemalt hat. Die weniger wertvollen Seiten bekamen jedoch einen komplett neuen, weißen Anstrich; auch die Partie um die
Tastatur – den so genannten Spieltisch – strich sie mit weißer Farbe an.
Drei Monate insgesamt war die Orgel außer Betrieb – für Organist Fiedrich und die Kirchenmusiker eine Herausforderung. „Wir haben die Zeit mit Klavier, Gitarre und einer kleinen Orgel überbrückt“, erzählt Fiedrich. Seit Mitte Oktober ist alles fertig, das Instrument wurde mit einem feierlichen Konzert eingeweiht.
Rund 50.000 Euro hat die Sanierung gekostet. „Das haben wir vollständig durch Spenden, Zuweisungen und Stiftungen finanziert“, sagt Pastorin Anja Blös mit stolzer Stimme. Mit dem Ergebnis ist sie sehr zufrieden. „Die Orgel von St. Nikolai klingt befreit und variantenreicher. Sogar der musikalische Laie hört es.“
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