60 Stunden Deutschland

Rund 90 Prozent der Teilnehmer der Türkischen Gemeinde Hamburg (TGH) bestehen den Sprachtest, beim LiD-Test liegt die Quote sogar noch höher. Fotos: cvs
 
Wichtiger Lernstoff: Gürsel (Türkei) hat sich die einzelnen Artikel des Grundgesetzes in seinem Heft aufgeschrieben.

Lernen für den Einbürgerungstest: Was Zuwanderer wissen müssen, um 17 von 33 Fragen richtig zu beantworten.

Von Christopher von Savigny. Deutschland ist ein Quiz. Ein Fotoquiz mit lauter kleinen Bildern. Der Reichstag, ein VW-Käfer, Politiker bei irgendeinem Staatstreffen. „Wer ist das?“, fragt Reyhan Zeran. „Willy Brandt, ich glaube“, antwortet Süreyya. So ganz sicher ist sie sich nicht. Aber es könnte Willy Brandt sein, denn der kommt eigentlich andauernd vor. Gerade erst hatten sie sich das Foto mit dem berühmten Kniefall von Warschau angesehen. Viktoriia meldet sich: „Helmut Kohl!“, sagt sie. Helmut Kohl ist richtig. „Und was hat er gemacht?“, fragt Zeran weiter. „Er hat gefallen.“ Was ist gefallen? „Die Mauer!“ „Ihr seid gut!“, sagt Zeran.
Im Unterrichtsraum der Türkischen Gemeinde Hamburg (TGH) im Altonaer HausDrei sitzen zehn Männer und Frauen und lernen Deutschland, um den Einbürgerungstest bestehen zu können. Süreyya kommt aus der Türkei, Viktoriia aus der Ukraine. „Mit zwei ,i’“, betont sie. Namen mit Doppelvokal scheinen hier nichts Ungewöhnliches zu sein. Die meisten Teilnehmer sind in der Türkei groß geworden, der Rest in Bulgarien, Syrien und Kenia. 60 Unterrichtsstunden haben sie Zeit, um alles über deutsche Politik und Geschichte zu lernen. Am Ende steht der Abschlusstest „Leben in Deutschland“ (LiD). 60 Stunden sind eigentlich viel zu wenig. „Müssen wir alles wissen?“, fragt Süreyya. „Es ist ein bisschen schwer.“
Reyhan Zeran, Lehrerin des Integrationskurses, seufzt. Die sture Einpaukerei liegt ihr sowieso nicht. „Ich will, dass sich die Schüler für den Unterrichtsstoff interessieren“, sagt sie. Das macht sie gut, die Schüler loben sie für ihren Unterricht. „Sie hat viel Geduld, kann gut erklären“, sagen sie. Zeran ist im Alter von sieben Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Schon früh hat sie sich für Integrationspolitik interessiert, seit 15 Jahren gibt sie Kurse für Zuwanderer. Integrationskurs – der Ausdruck gefällt ihr nicht besonders. Weil er einem vorgaukelt, die Schüler würden allein durch ihre Teilnahme „integriert“. Stimmt nicht: „Sprachkurs wäre besser“, sagt Zeran.
Deutschlandweit besuchen jedes Jahr mehrere zehntausend Ausländer einen Integrationskurs, in Hamburg waren es im ersten Halbjahr 2013 genau 3.146. Grundlage ist das im Jahr 2005 erlassene Zuwanderergesetz, nachdem jeder Nicht-EU-Bürger, der sich dauerhaft niederlassen möchte, ausreichende Deutschkenntnisse nachweisen muss. Viele tun es freiwillig, weil sie sich dadurch bessere Jobchancen versprechen. Als Hartz-IV-Empfänger kann man auch dazu verpflichtet werden. Ein Integrationskurs besteht aus einem 600-stündigen Sprachkurs und einem 60-stündigen Orientierungskurs. Pro Unterrichtseinheit und Teilnehmer werden 1,20 Euro fällig – es sei denn, man ist als Stützeempfänger von der Zuzahlung befreit. Nur wer den Sprachtest besteht, darf an der LiD-Prüfung teilnehmen. Von 33 Fragen müssen 16 richtig beantwortet werden. Schafft man eine mehr, hat man automatisch den Einbürgerungstest bestanden. Eine einzige Frage kann unter Umständen also darüber entscheiden, ob man Deutscher wird oder nicht.
Die Pause ist um: An der Tafel stehen jetzt lauter Begriffe aus der Zeit des Nationalsozialismus: Auschwitz, Holocaust, Reichspogromnacht, Konzentrationslager. Wörter, die schwierig auszusprechen sind. „Gutes Deutsch ist wichtig“, findet Muharem. Der 37-jährige Lkw-Fahrer lebt seit acht Jahren in der Bundesrepublik. „Ich bin arbeitslos, will einen neuen Job finden“, berichtet er. Seine Mitschülerin Sheila aus Kenia ist vor drei Jahren als Au-Pair nach Hamburg gekommen. „Aber bei meinen Gasteltern habe ich überhaupt kein Deutsch gelernt, weil sie nur Englisch mit mir gesprochen haben.“ Nur durch Fernsehen und Lesen brachte sich die 28-Jährige die fremde Sprache bei. Ihr Deutsch ist inzwischen sehr gut, besser als das ihrer Mitschüler. Als eine von wenigen will sie nach der Prüfung einen Sprachkurs für Fortgeschrittene besuchen. Und dann? „Arzthelferin oder irgendwas mit Kindern“ – so beschreibt Sheila ihren Berufswunsch.
Die TGH ist einer von zehn Anbietern in Altona für Orientierungskurse. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zahlt der Einrichtung dafür eine Pauschale. „Ab zwölf Teilnehmern lohnt es sich für uns“, sagt TGH-Bereichsleiterin Nurdan Kaya. Die Erfolgsquote der TGH kann sich sehen lassen: „Rund 90 Prozent unserer Teilnehmer bestehen den Sprachkurs, beim LiD-Test sind es sogar noch mehr“, berichtet Kaya
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