„Wir wollen fliegen“

„Ich war von Kind an ein Theaterverrückter“: Dieter Seidel, Gründer und Leiter des Theater N.N.

Im Porträt: Theatergründer Dieter Seidel

"Es ist alles möglich beim Theater, wenn es wahrhaftig bleibt.“ Große Worte vom Gründer und Leiter einer kleinen Bühne: Dieter Seidel. Wahrhaftig bleiben ist für ihn eine Art Leitmotiv. Und wenn für ihn nicht alles möglich war, ging er auch mal. Aber nicht immer freiwillig.
Seidel wuchs in der DDR auf, in Oberlausitz in Sachsen. „Ich war von Kind an ein Theaterverrückter“, sagt er. Später arbeitete er als Regisseur für Film und Theater sowie als freier Autor. Aber er eckte an in dem sozialis-tischen Regime. „Im Osten hatte ich meine Feinde“, sagt er knapp. Berufsverbot. 1988 ging er in die Bundesrepublik, nach Hamburg. „Ich wollte sehen, was die Freiheit so bedeutet.“ Von Gängeleien am Theater hatte er genug, ein festes Engagement wollte er nicht. Er wurde Dozent an der Stage School. Doch auch dort hielt es ihn nicht ewig. Ende der 90er Jahre hörte er auf und gründete mit einem Schwung Schüler eine freie Theatergruppe. Sie tingelten kreuz und quer durch die Republik, fanden 1999 Unterschlupf im Altonaer Kulturbahnhof. Als dieser nicht mehr zur Verfügung stand, bot sich nach langem Suchen in Eimsbüttel die Gelegenheit, eine Spielstätte aufzubauen. Das Theater N.N. im Hellkamp 68 war geboren.
Was treibt ihn an? „Wahrhaftige Kommunikation.“ Man könnte auch sagen: Ehrliche, intensive Arbeit mit anderen Theaterbegeisterten, zuhören, sich in Frage stellen. Im besten Fall vor einem Publikum, bei dem man etwas bewegen oder auslösen kann.
Diese Lust schimmert immer wieder durch, sie leuchtet in den klaren blauen Augen, wenn Seidel den Salzstreuer in die Hand nimmt, um etwas zu zeigen. „Mit Fantasie wird aus einem Salzstreuer die Welt.“ Ein paar Körner rieseln auf den Tisch.
Doch ganz irdisch geht es auch immer wieder ums Geld. Beim Theater N.N., bei Schauspielern, bei allen. Seidel hat da seine eigene Antwort drauf: „Wenn sich jemand kaufen lässt, geht ein Stück Freiheit verloren. Dann kann man nicht mehr fliegen. Wir wollen aber fliegen.“ Bisher geht der Flug anscheinend ganz gut.
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