Wie im Zentrum des Tornados

„Lass mal gucken“: Fotos machen von zerstörten Läden war eine der Lieblingsbeschäftigungen von Zugereisten. Foto: FS

In der Schanze zum G20-Gipfel – Beobachtungen eines Anwohners

Fritz Schenkel, Sternschanze
Die Stimmung hier an der Ecke Ludwigstraße/Schanzenstraße ist an diesem späten Gipfel-Freitagabend anders als sonst, das spüren die demonstrationserfahrenen Anwohner.Aggressivität liegt im dichten Gedränge in der Luft wie sonst der Feinstaub. Gleichzeitig herrscht eine unwirkliche Ruhe. Wie im Zentrum des Tornados.Auf den 150 Metern bis zur Ecke Schulterblatt fast nur Menschen jünger als 30. Viele in Schwarz, aber nicht der „Schwarze Block“. Viele junge Frauen mit ihren bunten Smartphones und pubertärem Gekreische, wenn ein Selfie besonders gut gelungen ist. Viele Partygänger, aufgehübscht und mit ihrem Bier in der Hand.Auf dem Bürgersteig diskutierende Gruppen aus Anwohnern und Zugereisten. Die beiden sind extra aus Neugraben gekommen, wie sie erzählen. Er sucht auf seinem Smartphone ständig irgendwelche Live-streams, sie ist neugierig und hat Angst. Dann kommt das Politische in Gestalt der Critical-Mass-Fahrraddemonstration angerollt. Auch diese merkt schnell, dass etwas anders ist als sonst. Nur wenige Minuten später sind die Criticals wieder weg.Die brennenden Barrikaden heizen die Stimmung merklich auf. Das abenteuerlustige Gejohle wird ab und an durch Sprechchöre aufgelockert: „Ganz Hamburg hasst die Polizei.“ Mehrfach rennen Hunderte wie von der Tarantel gestochen weg vom Pferdemarkt und strömen langsam wieder zurück. Dann verschwinden die Gruppen auf den Bürgersteigen im Hauseingang. Tür zu. Aber die Polizei verfolgt überhaupt nicht.

Gejohle, Selfies machen – dann Laden ausräumen

Erste Scheiben werden auf der gegenüber liegenden Straßenseite eingeworfen. Dann beginnt eine immer größer werdende Gruppe junger Männer, die Rollläden des Computerladens aufzustemmen. Zwei Anwohner versuchen, das zu verhindern. Aussichtslos und zunehmend gefährlich. Gejohle und Selfies, bevor der Laden ausgeräumt wird. Nicht geplündert, alles wird auf der Straße zerschmettert. Als die Polizei beginnt, ins Schulterblatt vorzurücken, versuchen junge Männer, im Hauseingang zu verschwinden. Die Anwohner schubsen sie zurück auf ihren Abenteuerspielplatz. „Was, ihr wollt uns rausschmeißen?“, fragen die Neugrabener mit verständnislosem Blick und tränengasgeröteten Augen. „Na gut. Wo geht es denn zur S-Bahn?“
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