Wenn es am Tresen zischt und qualmt

Was für ein Schauspiel: Die Baureihe 23 im Miniaturformat auf ihrem Weg entlang des Tresens. Fotos: Ben Freier

Die letzten ihrer Art: Wie ein Modellbahn-Shop in Eimsbüttel dem Internethandel trotzt

Ben Freier, Eimsbüttel

Zisch-Ratter-Trööt-Qualm! Die letzte deutsche Dampflokomotive der Baureihe 23 stampft mit ordentlich Getöse langsam aus dem Bahnhof heraus. Im Miniaturformat. Das eingefüllte Dampfdestillat des Ungetüms verbreitet einen Geruchsmix aus Sisha-Lounge und feuchtem Feuerholz. Die in der Lok eingebauten Lautsprecher krächzen an der Belastungsgrenze.
Jetzt sind nur staunende Erwachsene im Laden, dabei würde wohl jedes Kind seine helle Freude daran haben. Es ist schon ein Schauspiel, wie sich die Lokomotive der Spurgröße Eins am vier Meter langen Tresen entlang schiebt und den Verkaufsraum einnebelt.
Durch den Nebel hindurch entdeckt man schließlich auch den Verursacher des gelungenen Spektakels. Heute steht der Senior Klaus Bäurich (80 Jahre) seinem Filius im Modellbau-Shop zur Seite. Das macht er mittlerweile nur noch ein- bis zweimal in der Woche, die übrigen Tage schmeißt sein Sohn, Rainer Bäurich, den Laden alleine. Aber was heißt hier Laden? Das Geschäft am Heußweg ist zur Pilgerstätte von Eisenbahnern, Flugzeugbastlern und Modellbauern geworden. Fachsimpeln über die besten Marken, über Lokomotiven und Waggons oder Spurgrößen von 1 über H0 bis zu Z – das alles gehört hier dazu.
Seit 1978 betreibt der Senior das Eisenbahner-Mekka, 1995 kam sein Sohn dazu und erweiterte das Angebot. Der zweite Teil des Ladens ist seitdem von der zivilen Luftfahrt belegt. Alle Modelle, die dort im Schaufenster schweben, haben Vater und Sohn eigenhändig zusammengefügt.
Diese Fingerfertigkeit ist nun wieder gefragt. Stammkunde Gerhard Behr möchte eine seiner beiden Dieselloks der Baureihe 69 umbenennen. „Die fuhr mal zwischen Muren und Oberammergau“, so der Hobby-Eisenbahner. „Aber meine Loks haben leider die gleiche Betriebsnummer“. Was Außenstehenden ein müdes „Na und“ entlocken würde, ist für echte Lokomotivsammler kaum tragbar. Mit Verständnis für das Dilemma und der Präzision eines Uhrmachers ersetzt Klaus Bäurich den kleinen Aufkleber der Diesellok, und aus E6903 wird E6902.
„Diesen Service schätzen die Kunden, wir sind eben ein Fachgeschäft, so etwas findet man nicht im Internet“, so Rainer Bäurich. Aber dennoch macht dem Modellbauladen der Internethandel zu schaffen. „Ohne unsere langjährige, treue Kundschaft und ohne unser ,Know how’ würde das hier nicht mehr funktionieren“, resümiert der Junior. Kaum gesagt, steht der nächste Kunde am Verkaufstresen: „Meine Waggons kuppeln nicht mehr ineinander, was kann man da machen?“ „Das sind die Kupplungsrichtfedern.“ Zielsicher greift Altmeister Bäurich in eine der unzähligen Schubladen und ersetzt die vier ausgeleierten Federn, minutenschnell.
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