Welcome Dinner: Tiramisu trifft Baklava

Leere Teller, volle Bäuche und ein Lächeln im Gesicht: Rami (2.v.r.) und Anas (r.) zu Gast bei Fynn (l.), Philipp und Kim Ly. Foto: pr

Initiative vermittelt Flüchtlingen ein Dinner mit Hamburgern. Ein Erfahrungsbericht

Kim Ly Lam, Hamburg

Die Béchamelsoße blubbert, das Tiramisu steht kalt: Hektisch flitze ich durch die Küche und versuche ein wenig Ordnung in das kochende Chaos zu bringen, während mein Freund gelassen den Mozzarella für die Vorspeise schneidet. Es ist ein regnerischer Donnerstagabend, und wir erwarten Gäste zum Dinner, die wir noch nie getroffen haben. Aufregend ist das. Auf einem Whatsapp-Profilbild habe ich einen ersten Blick auf das Gesicht meines Besuchers werfen können. Anas ist 28 Jahre alt und kommt aus Damaskus. Er ist ein syrischer Flüchtling.
Zwei Wochen zuvor war ich im Internet auf die Initiative „Welcome Dinner Hamburg“ gestoßen. Der Titel steht für die Willkommenskultur in Deutschland und den kulturellen Austausch im Rahmen eines gemeinsamen Dinners. Seit 2015 vermittelt die Initiative internationale Gäste an Hamburger. Bei einem einmaligen Treffen können sich beide Seiten gegenseitig kennenlernen, was daraus wächst bleibt ihnen überlassen. Oft kommt es zu Gegeneinladungen zum orientalischen Essen oder Gastgeber und Gäste treffen sich zu anderen Freizeitaktivitäten wie Konzerten und Spieleabenden. In einigen Fällen wurden gar Freundschaften geschlossen und heimische Unterstützung angeboten bezüglich der Bewerbung für Praktika oder Vermittlung von Wohnungen.
Team aus 20 Ehrenamtlichen
„Für viele Hamburger ist es eine ganz besondere Erfahrung, Flüchtlinge und Zugewanderte persönlich kennenzulernen“, erzählt David Burckardt. „Viele Gäste sind bereit, von ihrer Geschichte in Syrien und anderen Heimatländern zu erzählen, von der Flucht, von Frust und Lust, das neue Leben in Deutschland aufzubauen.“ Der 34-jährige Mitbegründer der Initiative gehört zu einem Team, das von 20 Ehrenamtlichen getragen wird. Er erklärt: „Die Gäste erleben häufig beim Abendessen in einer Privatwohnung zum ersten Mal ein Stück deutscher Kultur aus der Nähe – und sind sehr glücklich über die Möglichkeit, ihre Deutschkenntnisse im echten Leben auszuprobieren.“
„Die waren ja richtig nett!“
Auch Anas besitzt Deutschkenntnisse. Er hat bereits das B2 Niveau, was bedeutet, dass er sowohl über sein privates Leben als auch gesellschaftliche und berufliche Themen sprechen kann. „Ich möchte irgendwann Film studieren“, erzählt er uns, nachdem er und sein Freund Rami (34) an unserem WG-Tisch Platz genommen haben.
Seit anderthalb Jahren leben beide in Deutschland, anfangs am Schwarzenberg, mittlerweile in Eißendorf. Mein Freund und ich schauen uns ungläubig an. Wir sind verblüfft, dass man so schnell Deutsch lernen kann. Kurz darauf stößt mein Mitbewohner dazu, und wir unterhalten uns über Musik, Falafel im Schanzenviertel und die fürchterliche Bürokratie Deutschlands. Auch der Krieg in Syrien ist ein Thema. „Meine Familie ist immer noch in Damaskus“, murmelt Anas. „Wir skypen alle zwei Tage. Ich weiß nicht, wann ich sie wiedersehen werde. Aber ich konnte nicht bleiben. Assad hätte mich in die Armee gesteckt. Ich will nicht töten.“
Kaum Kontakt zu Einheimischen
Anas und Rami hoffen darauf in Deutschland Fuß fassen zu können. Doch sie haben kaum Kontakt zu deutschen Menschen. Auf das Treffen an diesem Abend haben sie ein ganzes Jahr gewartet, erzählen sie uns. In Wilhelmsburg und Harburg mangele es an Gastgebern, viele Flüchtlinge stehen auf der Warteliste. Ich frage mich, wieso ich nicht früher auf die Flüchtlinge in Harburg zugegangen bin. Oder es zumindest versucht habe.
Später nehmen wir uns alle vor, es nicht bei diesem einmaligen Dinner zu belassen. „Die waren ja richtig nett“, strahlt mein Freund, nachdem wir uns von Anas und Rami verabschiedet haben. Zum ersten Mal können wir den Menschen ein Gesicht geben, von denen in ganz Deutschland die Rede ist. Das fühlt sich gut an. Vor allem, weil es ein so freundliches Gesicht ist.
Mehr Infos zur Teilnahme am „Welcome Dinner“ in Hamburg unter:
❱❱ www.welcome-dinner.de
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.