Warnsignale ignoriert er nur im Tor

Zum 65. Geburtstag gab es auch einen Pokal von seiner Fußballmannschaft. Foto: Schenkel
 
Nach dem schweren Erdbeben fuhr er nach Peru, um zu helfen: José Luis Lozán beim Entladen von neuen Schulmöbeln in seiner Geburtsstadt Pisco. Foto: Schenkel
 
Als der Platz noch aus roter Asche bestand: José Luis Lozán als Torhüter in seinen Anfangsjahren beim SC Sternschanze. Foto: Senioren
Hamburg: Sporthaus SC Sternschanze |

José Luis Lozán ist ein weltweit anerkannter Meeresbiologe. Mit Begeisterung steht er zwischen den Pfosten des SC Sternschanz

Von Fritz Schenkel. Der Patient atmet einmal tief durch. Gleich wird der Orthopäde nach dem Betrachten der Röntgenbilder sein Urteil sprechen. „Ihre Knorpel sind noch ausreichend auf der einen Seite und relativ gut auf der anderen.“ Kann ich weiter Fußball spielen, fragt der verunsicherte Patient? „Muss nicht unbedingt sein. Geht aber noch.“
José Luis Lozán lacht verschmitzt, während er von seinem letzten Arztbesuch erzählt. Der in der peruanischen Hafenstadt Pisco geborene 68-Jährige hütet das Tor der „Super-Senioren“ des SC Sternschanze. Das ist kein Ehrentitel für Männer in den besten Jahren mit außergewöhnlich widerstandsfähigen Gelenken, sondern die verbandsoffizielle Bezeichnung für Über-50jährige, die ihre Füße einfach nicht vom Kunstleder lassen können. Seit seinem zehnten Lebensjahr beansprucht er seine Gelenke mit Fußball, sein erster Verein heißt San José. Als er zum Studium nach Lima geht, schließt er sich America an.
José Luis Lozáns Leben dreht sich aber nicht nur um Fußball. Das ist nur der Pol, für den es Entwarnung gegeben hat. Für den anderen Pol, um den sich alles dreht, gilt das nicht. Lozán – Dr. José Luis Lozán, um genauer zu sein – gehört zu den weltweit profiliertesten Meeresbiologen. Sein Spezialgebiet: Die Warnsignale der Umwelt.

Die Kliesche, ein Fisch in der Nordsee, beginnt ihn zu faszinieren


Als er 1970 mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Hamburg kommt, hat er in Peru bereits drei Jahre studiert, „so etwas Ähnliches wie Meeresbiologie“. Er hat ein buchstäblich aufgewühltes Land verlassen. Zwei Jahre sind seit dem Militärputsch vergangen, und gerade hat ein verheerendes Erdbeben 100.000 Menschen das Leben gekostet.
Lozán hat das Glück, sich ablenken zu können, mit einem Projekt, ein Forschungsschiff für Peru zu bauen. Es wird in der Bundesrepublik geplant und in Peru gefertigt. Er selbst ist für das bordeigene Labor verantwortlich. „Nebenbei habe ich Deutsch gelernt.“
Er geht nach Peru zurück, aber sein berufliches Glück währt dort nicht lange. „In der Bundesrepublik habe ich das Minimum verdient. In Peru ist das mehr gewesen als das Gehalt des Institutsdirektors. Das hat ihm nicht besonders gefallen“, erinnert sich Lozán. Also geht er zurück nach Hamburg. Beim Max-Planck-Institut für Metereologie in der Bundesstraße betreut er von Anfang der 1980er-Jahre bis 1986 Stipendiaten aus der „Dritten Welt“.
Zu dieser Zeit lernt eine breite Öffentlichkeit neue Begriffe über die bedrohte Meereswelt: Killeralgen, Robbensterben oder Sauerstoffmangel heißen sie. Lozán sitzt zu dieser Zeit an seiner Doktorarbeit. Ein weithin unbekannter Plattfisch beginnt ihn zu faszinieren: Die Kliesche oder auch Scharbe, Eisflunder, Skantjes oder Rauhe Scholle. Sie reagiert sehr empfindlich auf klimatische und Veränderungen in ihrer Umwelt, auf die zunehmende Verschmutzung der Meere. Für Lozán ist sie so etwas wie eine lebende Anzeigetafel für Veränderungen in ihrem Lebensraum Nordsee. Er untersucht, was da in den Meeren passiert, und wie es sich auf den Menschen auswirkt.

Überall findet er Warnsignale für den Klimawandel

Lozán ist zu dieser Zeit ein Außenseiter des Forschungsbetriebs. Als er am Max-Planck-Institut für Metereologie ein Symposium über die „Kliesche als Umweltindikator der Nordsee“ organisiert, stößt er damit bei Teilen der etablierten Professorenschaft nicht unbedingt auf Gegenliebe. „Du hast hier nichts zu suchen“, sei er zunächst angefeindet worden. Doch das Thema ist zu wichtig, um noch von Eitelkeiten des Wissenschaftsbetriebs aufgehalten zu werden. Als ein Buch dazu erscheinen soll, möchten die Professoren dann aber doch gerne darin vertreten sein.
In den folgenden Jahren entsteht eine ganze Buchreihe unter der Überschrift „Warnsignale“: Flüsse, die Ost- und Nordsee, das Wattenmeer, die Polarregionen, das Klima des 21. Jahrhunderts. Die Quintessenz: Wer nur bereits ist zu suchen, findet überall Warnsignale für einen sich anbahnenden Klimawandel.

Als Zuschauer eines Seniorenspiels zur falschen Zeit am falschen Ort

Die ablehnende Haltung eines Teils des Wissenschaftsbetriebs ändert sich in dem Maße, wie sich die Signale nicht mehr leugnen lassen. Zuletzt gehen für ein Symposium fast 9.000 Anmeldungen ein, das Institut neben dem Geomatikum platzt aus allen Nähten, dort gibt es nur Raum für 500 Teilnehmer. Man versucht dem Andrang durch Übertragungen ins Foyer und die Nebenräume gerecht zu werden. In den Büchern sei mittlerweile „die Créme de la Créme“ der jeweiligen Wissenschaftler vertreten gewesen, betont Lozán nicht ohne Stolz.
Aber da ist noch die anfangs beschriebene andere Leidenschaft, die den Wissenschaftler nie ganz loslässt. Er spielt Fußball beim Lauenburger SV oder nimmt an der Meisterschaft der Studentenwohnheime teil. Irgendwann Mitte der 1990er-Jahre ist Lozán dann zur falschen Zeit am falschen Ort. Genauer gesagt, als Zuschauer auf der damaligen, gefürchteten roten Asche des „Käfigs“ an der Sternschanze. Es ist Derby-Zeit, die „Zweite“ erwartet den FC St. Pauli. Und dann das: Der Keeper ist verletzt und kein Ersatz weit und breit zu sehen. „Sie haben mich angekuckt und gesagt, dann gehst du ins Tor“, so Lozán. Er willigt ein, seine lateinamerikanischen Freunde und neuen Mitspieler verpflichten ihn dauerhaft. In einem Alter, in dem die meisten Enthusiasten Fußball nur noch theoretisch zu durchdringen pflegen, beginnt seine Zeit beim SC Sternschanze. Sie hält bis heute an.
Sein gefürchtetes Markenzeichen: die Fußabwehr. In des Wortes doppelter Bedeutung: Sie gilt dem Ball, der auf sein Tor fliegt, manchmal aber auch dem gegnerischen Fuß. So dramatisch, wie der Ehrgeiz im Alter zunimmt, so dramatisch leiden Beweglichkeit und Koordination. An der Zuneigung seiner Mitspieler ändert das nichts. Zum 65. Geburtstag ist der Doktor mit einem Ehrentrikot beglückt worden. „Professor“ prangt da in großen Buchstaben nicht ganz korrekt auf dem Rücken. Häufig wird er auch einfach nur „Opa“ gerufen. Der hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: „Mit 70 möchte ich noch spielen, danach ist Schluss.“
An Langeweile wird José Luis Lozán nicht sterben, soviel ist sicher. „Als Rentner habe ich noch meine Projekte“, sagt er. Sein 16. Buch. „Warnsignal Klima – Die Biodiversität“ ist gerade in Arbeit.

Erdbebenhilfe

Der umtriebige Macher hilft, wo er kann: 15. August 2007 macht ein gewaltiges Erdbeben große Teile seiner Geburtsstadt Pisco unbewohnbar, mehr als 300 Menschen sterben in den Trümmern. Lozán trommelt Mitstreiter zusammen, gründet einen Verein, um den Wiederaufbau zu unterstützen. 84.000 Euro an Spenden kommen zusammen, die unter anderem in den Aufbau einer Zentralbibliothek und eines Kulturzentrums fließen.
Die Homepage von José Luis Lozán steht unter
❱❱ www.lozan.de

Warnsignale

Was bedeutet der Klimawandel konkret? Die Wissenschaftler um José Luis Lozán nennen in ihren Büchern viele Beispiele, etwa die Gründe für die Zunahme von Allergien.
Es sind mehr Pollen in der Luft, es gibt einen längeren Pollenflug und höhere Pollenkonzentrationen. Aufgrund der Erwärmung des Klimas fängt die Saison früher an und endet später. Bei manchen Pflanzenarten ist ein Anstieg der Pollenzahl zu beobachten. Hinzu kommt die Invasion neuer Pflanzenarten, die teilweise stark
allergen sind. Ein Beispiel dafür ist die Art Ambrosia artemisifolia (Beifußblättriges Traubenkraut), die sich überall in Europa ausbreitet. Alle Ambrosiaarten sind stark allergene Pflanzen.
Um die Bevölkerung direkt zu informieren haben Wissenschaftler 392 klimarelevante wissenschaftliche Artikel ins Netz gestellt.
❱❱ www.klima-warnsignale.uni-hamburg.de
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