Von Punkcartoons zum Tüdelband

Jetzt bereit für ernstere Geschichten: Zeichner Jens Natter arbeitet gerade an einer Illustration von Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. Angefangen hat der Eimsbütteler mit Cartoons und Comiczeichnungen.
 

Jens Natter hat Hamburgs berühmtestes Volkslied als Bilderbuch illustriert

Es ist Hamburgs berühmtestes Volkslied, Heidi Kabel hat eine unvergessliche Version gesungen, Jan Fedder verbreitet die eingängigen Strophen über die einschlägigen Regionalsender heute weiter. „De Jung mit’n Tüdelband“, 1911 von den Gebrüdern Wolf geschrieben, ist ein Stück Hamburger Folklore. Doch als Jens Natter seinem fünfjährigen Sohn etwas über das bekannte Lied erzählen wollte, stieß er auf eine Lücke. „Es gab noch nie ein Bilderbuch zu dem Lied“, sagt der Eimsbütteler. Dabei lernen ja schon Grundschulkinder die Zeilen im Musikunterricht.
Der Eimsbütteler Zeichner hat diese Lücke nun geschlossen: Mit seinem liebevollen Bilderbuch zum „Tüdelband“-Lied kann jedes Kind – und auch jeder Erwachsene – ganz leicht und anschaulich ein Stück Hamburger Kultur kennenlernen. „Ich wollte die Textzeilen mit typischen Motiven aus der damaligen Zeit illustrieren“, sagt der 37-Jährige. Es ist wie eine Zeitreise: Da sind die Kinder beim Äpfelklauen, schubsen ihr „Tüdelband“ durch enge Gassen mit leicht windschiefen Fach-werkhäusern. Ein Tüdelband war ein Holzreifen, der mit einem Stock vorwärtsgetrieben wurde. Mit Hafen, Landungsbrücken, Rathausmarkt und Speicherstadt tauchen hamburg-typische Orte als Hintergrund und Kulisse für die Rallye der Kinder auf. Sein Faible für Comics und ein bisschen Klamauk kann Zeichner Natter auch hier nicht verbergen.
Mit dem Lied ist aber auch ein Stück traurige deutsche Geschichte verbunden. Leopold und Ludwig Wolf waren Künstler aus einer jüdischen Familie. In den 20er Jahren waren sie Stars, ihnen gehörte sogar das Operettenhaus an der Reeperbahn. Doch der Judenhass im Nazideutschland machte auch vor den beliebten Künstlern nicht Halt. Das „Tüdelband“-Lied wurde unter den Nazis zum deutschen Liedgut erklärt, ihren Urhebern wurde verboten, die Zeilen zu singen. Enteignet, vertrieben, vergessen: Lange erinnerte sich kaum noch jemand an die Schöpfer des Lieds. Natters Buch füllt mit Informationen zu den Gebrüdern Wolf auch da eine Lücke – anschaulich und einfühlsam.

Persönlich


Er hat Titelbilder für Punk-Zeitschriften gezeichnet, Wimmelbilder zur deutschen Geschichte, Cartoons zu schrägen Seiten Hamburgs. Jetzt ist was Ernstes dran: der Schimmelreiter. Jens Natter hat sich Theodor Storms Novelle vorgeknöpft. Ein Stoff für starke Bilder und düstere Figuren. Der Eimsbütteler Zeichner nennt es „hin zur Langstrecke“. Ist schon ein bisschen was anderes, an die 90 Seiten für ein Buch zu zeichnen als mal eben so eine humoristische Skizze anzufertigen.
Angefangen hat Natter mit Cartoons und Comiczeichnungen. Erste Veröffentlichugen waren in Punkrock-Magazinen wie „Plastic Bomb“ oder „Trust“ zu sehen. Sein erstes Buch war 2005 „Die Deibelz“, eine Art Tourbuch einer Rockband in Bildern. Gezeichnet hat er schon seit seiner Kindheit: „Da waren mehr Kritzeleien als Matheaufgaben in den Heften“, sagt er lachend.
Zeichnen, Illustrieren ist für ihn Erholung. „Da kann ich mich ausklinken. Das hat etwas Meditatives, sich so auf eine Sache zu konzentrieren“, sagt der 37-Jährige. Mit seinen Veröffentlichungen kommt ein „Taschengeld“ zum Einkommen dazu, leben kann er davon nicht. Im Hauptberuf ist Natter Sozialarbeiter in der Lenzsiedlung in Lokstedt. Etwa 15 Stunden in der Woche, meist abends, zeichnet er zu Hause in dem kleinen Arbeitszimmer.
Über die Jahre hat er seinen Stil immer weiter verfeinert, Neues ausprobiert. In Wimmelbildern, großflächigen Zeichnungen mit vielen kleinen Details, hat er sich Hamburg und der deutschen Geschichte gewidmet. Ein Hang zum schrägen Humor zeichnet fast alle diese Arbeiten aus. Da hüpfen Selbstmörder fröhlich durchs Bild oder da wird nach dem 30-jährigen Krieg zur Leichentrennung aufgerufen.
Die humoristische Ader verschwindet langsam, mit dem Schimmelreiter geht es hin zu ernsteren Geschichten. „Zeichnerisch bin ich jetzt bereit, größere Sachen zu machen.“ Etwa zwei Jahre wird er an der „grafischen Novelle“ arbeiten. Erste Skizzen sehen stark aus.
www.bildernatter.com

Jens Natter (Hg.):
De Jung mit’n Tüdelband,
Boyens Buchverlag
ISBN 9783804213685
Preis: 9,95 Euro
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.