Über den Dächern der Schanze

Lehrling Roman Hewelt schaut aufs Schulterblatt, wo jedes Wochenende gefeiert wird. Rechts von ihm: die Rote Flora. (Foto: Ben Freier)
 
Jan Hewelt, Roman Hewelt und Schornsteinfegermeister Phlipp Spring (v.l.) auf einem Dach am Schulterblatt. (Foto: Ben Freier)

Unterwegs mit der Schornsteinfeger-Crew des Schanzenviertels

Von Ben Freier, Sternschanze

Die Männer in Schwarz müssen ganz nach oben an diesem Morgen im Schanzenviertel. Wir zählen 140 Stufen, bis wir auf dem Dach angekommen sind. Der Ausblick entschädigt für das Treppensteigen: Unter uns die „Rote Flora“, nord-östlich der Wasserturm mitten im Schanzenpark, und den klobigen Feldstraßenbunker direkt am Millerntor-Stadion des FC St. Pauli sieht man auch. Für das quirlige Viertel hat das dreikö-pfige Team von Schornsteinfegermeister Philipp Spring (52) nur einen kurzen Blick. Sie steuern auf die Schornsteine zu, wo Geselle Jan Hewelt und Lehrling Roman Hewelt die Abluftzüge kontrollieren wollen.
Das Gebiet von Philipp Spring ist einer von 103 Kehrbezirken in Hamburg und einer der interessantesten. 1996 kam er notgedrungen auf die Dächer der Schanze: Der Bezirk Billstedt, in dem er zwei Jahre gearbeitet hatte, wurde aufgelöst. Der Zuschlag von der Innung der Schornsteinfeger auf seine Bewerbung kam prompt, was Spring nicht wunderte. „Ich war mir relativ sicher, dass sich keiner auf den Bezirk bewirbt, hier ist man auch Sozialarbeiter und nicht nur Handwerker, das hat viele abgeschreckt.“

Mit den Kohleöfen verschwand der Ruß

Das Handwerk hat sich seit seiner Anfangszeit grundlegend verändert. „Als ich anfing, haben wir erstmal wie bekloppt Ruß geschaufelt, Schornsteine leer gemacht und den Kehrbezirk auf Vordermann gebracht.“
Die Zeit der Kohleöfen ist so gut wie vorbei und damit auch die Zeit des Rußschaufelns. Inzwischen ist der Schornsteinfeger der verlängerte Arm der Feuerwehr, der Versicherungen und nicht zuletzt der Stadt. Abgasmessungen an Heizungsanlagen, eine Gas-Hausschau, die Reinigung von Lüftungsschächten und das Anbringen von Rauchmeldern bilden mittlerweile das Hauptgeschäft. Der Gang aufs Dach gehört aber weiterhin zum Alltag der Männer in Schwarz.
„Guck mal Chef, hier ist Mauerwerk in den Schornsteinzug gefallen, das müssen wir melden.“ Solche Dinge entgehen den Dachturnern bei ihren Inspektionen nicht.
„Schwindelfrei muss man schon sein“, sagt Jan Hewelt (28). Ein Kontrollrundgang über die Dächer – Schulterblatt, Susannenstraße und Rosenhofstraße – ist kein Spaziergang, zumal nicht in 40 Metern Höhe. Da geht es rauf und runter, meistens über Flachdächer in unterschiedlicher Höhe, dann über eine sechs Meter lange Leiter hinauf und wieder runter, das Finale ist ein Balanceakt über das Giebeldach vom Haus Schulterblatt 86. Wer da nicht konzentriert ist, lebt gefährlich.
Im Kehrbezirk „Schanze“ reicht es aber nicht, schwindelfrei zu sein. Viele einfache Wohnungen mit Kohleheizung wurden in diesem begehrten Wohnviertel zu Eigentumswohnungen mit Fußbodenheizung umgewandelt. „Hier wohnt der Manager im Sieben-Zimmer-Penthouse und der Hartz-4-Empfänger in seiner Zweiraumwohnung, und das im selben Gebäude, quasi Tür an Tür“, so Philipp Spring. Wenn er über den Bezirk erzählt, leuchten seine Augen. Das war mal anders, „zuerst habe ich gedacht, Scheiß Stadtarbeit, große Häuser, das wird unübersichtlich.“
Mittlerweile kann sich Schornsteinfeger Spring keinen anderen Kehrbezirk mehr vorstellen. Wenn sich die Gang der Glücksbringer im alteingesessenen „Cafe Stenzel“ zur Kaffeepause trifft, haben sie ein Heimspiel. Ein Nachbar kommt vorbei und ruft ihnen zu: „He Männers, passt mal auf, da hinten kommen die Udls, parkt mal eure Autos um.“ Der Hinweis auf die nahenden Knöllchenschreiber kommt angesichts knapper werdenden Parkraums häufiger vor als früher.

Bei Studenten-WGs wird nicht vor zehn Uhr geklingelt

Die Schornsteinfeger wissen aber auch, worauf ihre Kundschaft Wert legt. „Bei den Berufstätigen versuchen wir vor acht Uhr zu kommen, bei den Studenten-WGs klingeln wir nicht vor zehn Uhr, und bei den anderen wissen wir, wann es denen am besten passen könnte.“
Für den ausgebildeten Krankenpfleger Roman Hewelt ist der Kontakt mit den Menschen wichtig. Bis vor einem Jahr hatte er im Krankenhaus in der Notaufnahme gearbeitet. „Irgendwann konnte ich mir nicht mehr vorstellen, diese Arbeit bis zur Rente zu machen, das war zu heftig, aber ich wollte immer einen kommunikativen Beruf.“ Den hat er nun gefunden.
Die Anwohner aus der Schanze kennen und schätzen ihre schwarzen Männer, und das bleibt auch so. Auf jeden Fall bis zum Jahr 2022, solange kehrt die Philipp Spring-Crew noch auf den Dächern der Schanze. Sagen die Drei, bevor sie sich wieder an den Abstieg machen.

Info: Schornsteinfeger

In Hamburg gibt es 103 Kehrbezirke, 90 davon sind im Landesinnungsverband des Schornsteinfegerhandwerks Hamburg organisiert. Jeder Bezirk wird von einem Schornsteinfegermeister mit seinem Gesellen betreut, in einigen Betrieben kommt noch ein Lehrling dazu.
Seit 2013 haben Verbraucher die Möglichkeit ihren Schornsteinfeger frei zu wählen.
Nach wie vor bleibt ein Teil der staatlichen Aufgaben aber beim Bezirksschorn-steinfeger. Dazu gehört beispielsweise die Inbetriebnahme neuer Feuerstätten und die Feuerstättenschau, die zwei Mal innerhalb von sieben Jahren, also alle dreieinhalb Jahre, stattfinden muss.
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