Theater N.N. schließt: „Keine große Wehmut“

Bald schließt er das Gitter vor dem Theatereingang für immer: Dieter Seidel, Gründer und Leiter des Theater N.N. im Hellkamp.
 
Noch viel zu tun: Ein Helfer räumt Regale im Theater N.N. aus.

Nach elf Jahren in Eimsbüttel ziehen die Theaterleute wieder als freie Gruppe durchs Land

Die Scheinwerfer sind abmontiert, die Sessel an den Rand gerückt. In unzähligen
Kisten und Kartons sind Requisiten, Kostüme und Kleinkram verpackt. Das Theater N.N. zieht aus, nach elf Jahren am Hellkamp ist Schluss. Förderung gestrichen – das wars.
Dieter Seidel steht in dem kargen Theatersaal, er wirkt gelassen. „Es ist keine große Wehmut mehr da, wir haben uns mit dem Gedanken angefreundet, wieder als kleine freie Compagnie unterwegs zu sein“, sagt der Gründer und Leiter des N.N. So hatte es auch angefangen, ehe die Gruppe ab 2001 die Räume im Hellkamp 68 als feste Spielstätte mieten konnte. Es war ein beständiger Kampf um die Exis-tenz, das N.N. lebte durch den ehrenamtlichen Einsatz vieler Engagierter. Seidel und sein Team wollten immer Theater machen, das herausfordert, auch mal unbequem ist. Texte, Autoren, Themen sollten im Mittelpunkt stehen, nicht das große Brimborium mit Licht und Bühnenbild.
Schließen musste das Theater, weil die Kulturbehörde die Förderung wegen zu geringer Zuschauerzahlen strich. 30.000 Euro pro Saison hatte das N.N. zuletzt erhalten. Gefordert war eine Auslastung von 50 Prozent, erreicht wurden 46 Prozent. Nicht mitgerechnet wurden dabei die stets zu 100 Prozent besuchten Gastspiele des N.N. im Römischen Garten.
Seidel will nicht klagen. Für ihn ist die neue Existenz als Wanderbühne auch eine Art Befreiung: „Das ständige Spielen, die Termine – das war auch ein großer Druck.“ Das Team habe getan, was es tun konnte, um Zuschauer in den Hellkamp zu locken. So richtig ins Viertel durchgedrungen ist die Privatbühne indes nicht. „Viele haben erst jetzt gemerkt, dass es hier ein Theater gibt“, so Seidel. Das ärgert ihn dann doch.
Demnächst hat das N.N. Proberäume, Fundus und Lager in Pinneberg. „Wir bleiben aber ein Hamburger Theater und werden uns Stätten für Gastspiele suchen“, so Seidel. Derzeit probt die Gruppe „Leonce und Lena“, das ab Mitte Juli im Römischen Garten in Blankenese gezeigt wird (siehe Kasten). Mit diesen und anderen Stücken sind auch Gastspiele in Tremsbüttel, Berlin und Köln geplant.

Im Römischen Garten in Blankenese zeigt das Theater N.N. seine Neuinszenierung von Leonce und Lena nach Georg Büchner.
Preise: 20 bis 25 Euro, ermäßigt 15 Euro.
Premiere: 18. Juli 2013; weitere Aufführungen am 19./20. Juli sowie am 1. bis 4. und 8. bis 10. August. Beginn: 19.30 Uhr,
Einlass ab 18.30 Uhr. Reservierung: service@theater-nn-
hamburg.de, Tel. / Fax 55 00 98 31 oder unter 86 07 77.

Kommentar: Schade, und ein bisschen armselig
Schon komisch: Ein Theater muss schließen, weil es keine Förderung mehr bekommt – und kaum einen juckt es. Um jeden gestutzten Baum gibt es mehr Geschrei in der Nachbarschaft. Das Theater N.N. scheint so etwas wie das ungeliebte Kind von Eimsbüttel zu sein. Das Viertel hat offenbar nicht viel übrig für die unangepasste Kultur, für die das N.N. steht.
Und die Politik? Ach je! Zwar redeten alle Eimsbütteler Parteienvertreter erst davon, „den Theaterstandort“ irgendwie zu erhalten. Gemacht hat es keiner. Der Förderantrag des N.N. hatte keine Chance. Tenor der Bezirkspolitiker: Wenn die Kulturbehörde schon keine Möglichkeit für eine Förderung sieht, wie sollen wir das dann ausbügeln? Der Bezirk hat ja auch kein Geld.
Stimmt nicht. Zwei Beispiele: Etwa 100.000 Euro gab die Bezirksversammlung für den Bau einer fragwürdigen Rolli-Rampe zum Unnapark aus. Und gar 150.000 Euro will Eimsbüttel zur Sanierung der baufälligen Amsinckvilla in Lokstedt locker machen. Zum Vergleich: 36.000 Euro pro Jahr hatte das N.N. beantragt.
Fazit: Eimsbüttel verliert sein Theater – und keiner wollte das verhindern. Schade. Und ein bisschen armselig.
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