Stolperstein für ein Opfer der Nazis

Eine Messingplatte mit Inschrift erinnert am Kleinen Schäferkamp an Selma Marie Baresch, die hier von 1905 bis 1938 lebte. Das Personal einer Heilanstalt ließ Selma Baresch 1945 vermutlich verhungern. (Foto: rs)

Selma Marie Baresch lebte bis 1938 am Kleinen Schäferkamp

Reinhard Schwarz, Eimsbüttel – Am Kleinen Schäferkamp 31 erinnert ein Stolperstein an ein Opfer des Nationalsozialismus: Am 19. April 1945 wurde Selma Marie Baresch aus Eimsbüttel in einer „Heil- und Pflegeanstalt“ in Wien ermordet. Vermutlich ließen „Pfleger“ die 59-Jährige gezielt verhungern. Am Kleinen Schäferkamp lebte die Buchhalterin mit ihrer Familie von 1905 bis 1938. Nachfahren und Verwandte kamen zu einer Gedenkfeier zusammen.
Meike Baresch hatte bei Peter Heß, dem Initiator der Stolpersteine in Hamburg, eine solche quaderförmige Erinnerung aus Messing in Auftrag gegeben. Sie selbst hatte aus der Krankenakte den Lebensweg ihrer Großtante recherchiert und während einer Trauerzeremonie am Kleinen Schäferkamp vorgetragen. Selma Baresch wurde 1886 in Schlesien als Tochter des Schuhmachers Thomas Baresch geboren. Ab 1905 lebte die Familie in Hamburg im Kleinen Schäferkamp in einer Parterrewohnung. Selma wurde Buchhalterin. 1907 erkrankte sie offenbar an einer Schizophrenie, die nach heutigen Maßstäben mit Medikamenten gut behandelbar wäre. Damals aber kam sie in verschiedene „Heilanstalten“, etwa die Alsterdorfer Anstalten.
Mit dem Machtantritt der Nazis verschlechterte sich die Situation für geistig Behinderte und psychisch Erkrankte, die als „unnütze Esser“ galten. Mit dem Kriegsbeginn 1939 setzten die Nazis ihre Ideologie vom „unwerten Leben“ in die Praxis um: Insassen von Heil- und Pflegeanstalten wurden systematisch umgebracht, durch Gas, Giftspritzen oder mangelhafte Ernährung – wie Selma Baresch, die 1943 nach Wien deportiert wurde.
„Selma wird regelmäßig gewogen“, entnimmt Meike Baresch der Krankenakte. „Bei einer Größe von 157 Zentimeter wiegt sie im September 1935 86 Kilo, im März 1945 sind es nur noch 40 Kilo.“
Die 59-Jährige wird auf dem städtischen Friedhof Wien-Baumgarten bestattet, direkt neben der Pflegeanstalt. Über dem Grab wurden neue Grabstellen angelegt, so dass nunmehr nur noch der Stolperstein an die Ermordete
erinnert.
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