Stadtplanung mit der heißen Nadel

Oder: Was für ein Eimsbüttel darf es denn sein?

Dieser Artikel ist der erste einer kleinen Reihe, die sich mit dem Thema Bauen und Wohnen in Eimsbüttel beschäftigt. Er beschäftigt sich mit architektonischen und gestalterischen Gesichtspunkten; wie Neubauten hier im Bezirk gestaltet sein sollten, damit charakteristische, markante Punkte im Straßenbild nicht gesichtslos und beliebig werden. Artikel zur Wohnungsknappheit und zur schleichenden Gentrifizierung werden folgen.

Wir leben in einem dicht besiedelten Bezirk, in dem nur noch sehr wenige Freiflächen für Neubauten zur Verfügung stehen. Dem steht ein hoher Bedarf an Wohnraum gegenüber, darunter auch (man wagt es kaum zu sagen) an preiswerten Wohnungen. Dies gilt vor allem für den Stadtteil Eimsbüttel, der sich seit Jahren wachsender Popularität erfreut. Da Hamburg seit Jahren unter einer massiven Wohnungsnot leidet, die längst nicht mehr nur preiswerten Wohnraum betrifft, bleibt also hier nur die Verdichtung.

Eine häufig genutzte Möglichkeit, mehr Wohnungen zu errichten, besteht darin, zu Liegenschaften gehörende Grünflächen abzuteilen und zu bebauen. Dies hat ein etwas unangenehm wirkendes Gedränge von Wohnhäusern auf engem Raum zur Folge, die vor allem der Lebensqualität der Anwohner beeinträchtigt. Aber zumindest die ehemaligen Besitzer der Baugrundstücke dürften dafür aufgrund der hohen Grundstückspreise wenigstens finanziell entschädigt werden.
Eine weitere Möglichkeit, die ebenfalls genutzt wird, ist der Abriss von Bausubstanz, die zu einer Zeit entstand, als das Wohnungsproblem weniger dringlich und die Bebauung weniger dicht war. Jüngstes Beispiel ist der Abbruch der Häuser in der Gärtnerstraße, der auch die ehemalige Konditorei Lehfeldt betrifft. Hier soll ein Wohn- und Geschäftshaus entstehen, das mit dem zur Verfügung stehenden Platz weniger verschwenderisch umgeht, als die Vorgängerbauten dies taten.

Verliert Eimsbüttel sein Gesicht?

Aus denkmalpflegerischer Sicht dürfte der Abriss unproblematisch sein, denn das Gebäude war zwar alt, aber wenig bedeutend: Es war ein architektonisch eher anspruchsloser, niedriger Bau, von dessen Sorte es unzählige gibt und der folgerichtig als nicht erhaltenswert galt. Für sich betrachtet ist dies sicherlich zutreffend, doch es muss nicht nur der Einzelfall berücksichtigt werden, sondern auch der Gesamteindruck und die optischen Folgen des Neubaus. Dieser wird einige Etagen höher ausfallen als der Vorgänger, und er wird höchstwahrscheinlich in diesem für Hamburg charakteristischen funktionalen Stil errichtet werden, der droht, die Stadt in optischer Hinsicht sterbenslangweilig werden zu lassen (ein abschreckendes Beispiel ist die Hafencity, wo ungeheures gestalterisches Potenzial verschenkt wurde).

Optisches Einerlei vermeiden

Es kann natürlich nicht Ziel der Stadtplanung sein, einen Status Quo zu erhalten und aus einer lebendigen und wachsen wollenden Großstadt eine Art Museumsdorf zu machen, in dem akribisch alte Bausubstanz erhalten oder – bei Zerstörung – originalgetreu wiederaufgebaut wird. Allein die Schäden des Zweiten Weltkriegs wären so kaum zu beseitigen und der damaligen Wohnungsnot nicht zu begegnen gewesen. Die fünfziger Jahre bescherten Hamburg also diese niedrigen Klinkerwohnanlagen in verzichtbarer Einheitsoptik, die aufgrund der Umstände jedoch als notwendig, wenn auch bedauerlich zu verbuchen sind. Aber wie sieht es heute aus?

Hamburg hat weder zigtausende von geflohenen Landsleuten noch eine große Zahl von ausgebombten Bewohnern schnellstmöglich ein Obdach zu gewähren. Die Stadt braucht dennoch Wohnraum gerade in gewachsenen Stadtteilen, um die weitere Bildung von Retortenghettos in der Peripherie zu vermeiden. Aber ein wenig mehr planerische Sorgfalt wäre wünschenswert.
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Erhaltung vs. Entwicklung

Es ist wichtig, dass man die Entwicklung einer Stadt auch in architektonischer Hinsicht erkennt, das Zusammenspiel von alten und neuen Bauwerken ist ein Zeichen für Lebendigkeit und Weiterentwicklung. Doch muss es wirklich immer die Abrissbirne sein? Hamburg ist vielleicht die Großstadt mit dem höchsten Identifikationspotential in Deutschland. Zugereiste und Einheimische lieben sie, und sie lieben meist auch das Viertel, in dem sie leben (außer sie werden als “sozial schwach” in einen ghettoähnlichen Außenbezirk abgedrängt). Doch um etwas zu lieben, muss man liebgewordene Stellen, Plätze und auch Gebäude wiederfinden. Das sind nicht nur die architektonischen Highlights, sondern gerade auch das alte, etwas schiefe Haus um die Ecke oder die Bebauung in unterschiedlicher Höhe, die einem Quartier sein Gesicht verleiht. Wenn diese – architektonisch an sich unbedeutenden, aber charakteristischen – Bereiche sich verändern und einer Raumausnutzungsmaximierung geopfert werden, finden wir uns bald in einheitlich wirkenden, monotonen Straßenzügen wieder, die wenig Raum zur Identifikation mit dem eigenen Stadtteil bieten.
Welche Möglichkeiten gibt es?

Abriss und Neubau stellen eine architektonische Zäsur dar, die das Gesicht einer Häuserzeile oder eines Platzes meist grundlegend verändert. Das bietet gestalterisches Potential und auch die Chance, neue, markante Orte zu schaffen, an denen Menschen sich gern aufhalten. In Hamburg wird diese Chance regelmäßig verschenkt, und zwar durch Bauten, die zwar sehr modern, aber auch sehr langweilig sind. Dass dies nicht zwangsläufig so sein muss, zeigen Beispiele aus anderen Städten, wo es gelingt, moderne, zweckmäßige Neubauten so zu gestalten, dass sie eine Bereicherung des Stadtbildes darstellen und keine optische Verflachung. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, dies umzusetzen: Durch Einbeziehung des Altbaus, oder – bei Abriss – durch architektonische Reverenz an den Vorgängerbau. Oder, falls das nicht möglich oder gewünscht ist, durch eine ansprechende, interessante und vielfältige Gestaltung der Neubauten, die dem Auge etwas gibt, woran es sich festhalten kann. Mit der modernen Hamburger Einheitsbauweise (kubische Blöcke mit Fenstern und manchmal Balkons) ist dies jedoch nicht möglich. Mit dem Ergebnis müssen die Anwohner sehr lange auskommen, auch und gerade wenn versprochen wird, dass der Bau sich der Umgebung anpassen soll. Dies ist nämlich das Erste, was regelmäßig auftauchenden “Sachzwängen” (also gestiegenen Kosten) geopfert wird.
Stadtplanung mit Augenmaß

Die Frage, wie eine zeitgemäße Stadtplanung in Eimsbüttel aussehen kann, wird von den Piraten des Bezirksverbands Eimsbüttel heiß diskutiert (wir freuen uns jederzeit über außerparteiliche Anregungen oder Mitarbeit). Wünschenswert wäre jedoch eine Planung, die dem Charakter des Viertels Rechnung trägt, ohne in das sinnlose Konservieren von Bestehendem zu verfallen. Dieser Anspruch verträgt sich jedoch nicht mit dem ehrgeizigen Ziel der SPD, jedes Jahr 6000 Wohnungen fertigzustellen. Denn dies muss vor allem schnell gehen, will sie sich nicht des Bruchs eines vollmundigen und verführerischen Wahlversprechens bezichtigen lassen.
So droht uns, dass die Bausünden der Nachkriegszeit wiederholt werden, wenn auch unter gänzlich anderen Vorzeichen und in modernem Gewand. Aber das Ergebnis bleibt dasselbe: Viele anspruchslose, qualitativ oft zweifelhafte Neubauten, die lieblos eben dahin geklatscht werden, wo gerade Platz ist oder solcher geschaffen wurde.

Liebe SPD, eure persönlichen Nöte eines Wahlversprechens, das euch nun im Nacken sitzt, sind doch um einiges geringer als die Probleme, vor denen die Stadt in der Nachkriegszeit stand. Daher können die Bewohner dieser Stadt und auch Eimsbüttels auch bei einem ehrgeizigen Vorhaben von 6000 Wohnungen pro Jahr ein wenig mehr planerische Sorgfalt und Augenmaß verlangen.
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Kein Abriss aus Eimsbüttel | 03.04.2013 | 00:06  
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