Schließung: „Es trifft mal wieder den kleinen Mann“

Frührentner Andres Becker möchte im Kundenzentrum Stellingen einen Personalausweis beantragen. Er ist froh, dass er die Dienststelle im Basselweg gut erreichen kann. Doch Ende März ist dort Schluss. (Foto: fh)

Aus für das Kundenzentrum Stellingen: Unverständnis bei Bürgern, Kritik am Bezirksamtsleiter

Frühpensionär Andres Becker aus Eidelstedt kann nicht verstehen, warum das Kundenzentrum in Stellingen geschlossen wird. Schon in Eidelstedt gebe es inzwischen keinen Standort mehr. „Es ist nicht schön, dass die alten Leute so weite Wege in Kauf nehmen müssen.“ Menschen mit Gehhilfen seien von einer solchen Entscheidung besonders beeinträchtigt. Becker: „Es trifft mal wieder den kleinen Mann.“
Ende März knipst das Bezirksamt Eimsbüttel im Kundenzentrum am Basselweg die Lichter aus. Hauptargument: zu wenig Personal, zu viele Schließungstage. „Der Bürger hat Anspruch auf einen verlässlichen Service – den können wir da aber nicht bieten“, so Bezirksamtssprecher Stephan Glunz. Zwar bleiben im Rathaus Stellingen das Sozial- und Jugendamt für die Region, aber für Pässe, Ausweise und andere Dokumente müssen Bürger aus Eidelstedt und Stellingen demnächst nach Lokstedt oder nach Eimsbüttel fahren. Die Stellinger Mitarbeiter werden in die dortigen Kundenzentren versetzt.
Es ist nicht der erste Anlauf, das kleinste und anfälligste Kundenzentrum des Bezirks zu schließen. Bereits im Herbst 2010 hatte Bezirksamtsleiter Torsten Sevecke (SPD) das entschieden, ruderte aber nach massivem Protest zurück. Der jetzige Beschluss ist wohl endgültig.
„Katastrophal“, ein „fatales Signal“, „inakzeptabel“, „entlarvend“ – die Reaktionen fallen von der Oppositionsfraktion bis hin zum Sozialverband recht ähnlich aus. Zumindest aus Sicht von CDUund GALwurde nicht ausreichend nach Alternativen gesucht. Nun soll das Bezirksamt prüfen, ob die Kundenzentren Stellingen und Lokstedt in einem Bürokomplex nahe Hagenbecks Tierpark zusammengelegt werden können.
Stellinger Sozialdemokraten machen ihrem Zorn über Parteifreund Sevecke Luft. „Wir haben im Wahlprogramm den Erhalt des Kundenzentrums beschlossen. Daran ist der Bezirksamtsleiter politisch gebunden. Wenn ihm das SPD-Wahlprogramm egal ist, können wir auch zur Not einen neuen Bezirksamstsleiter wählen“, so Khalil Bawar, Distriktsvorsitzender in Stellingen.

Die Argumente des Bezirksamts
An sechs Tagen war es komplett dicht, an zehn Tagen gab es einen Notdienst, an 22 Tagen musste die Warteliste sehr früh geschlossen werden – das sind einige Zahlen zum Alltag im Kundenzentrum Stellingen im vergangenen Jahr. Im Sommer war die Dienststelle drei Monate komplett geschlossen. Kurz gesagt: Es läuft nicht so wie es sollte in Stellingen. Das liegt aus Sicht des Amts an zu wenig Personal. Sechs Stellen gibt es in der Serviceeinheit des Bezirksamts Eimsbüttel. Werden Mitarbeiter kurzfris-tig krank oder fehlen länger, kommen die Kollegen nicht hinterher mit der Arbeit. „Wir bräuchten vier Mitarbeiter mehr“, so Sprecher Stephan Glunz. Doch mehr Personal gibt es nicht.
Damit es wenigstens in den anderen Kundenzentren in Lokstedt (Garstedter Weg 11) und Eimsbüttel (Grindelberg 66) rund läuft, werden die Stellinger Mitarbeiter dort eingesetzt. Das Bezirksamt hält den Schritt für vertretbar, da Pässe, Ausweise und Meldedokumente im Prinzip in allen Hamburger Kundenzentren ausgestellt werden.

Weitere Reaktionen
„Während die Politik den Wohnungsbau in Stellingen und Eidelstedt vorantreibt, legt der Senat die Hand an die bürgernahe Verwaltung. Es ist inakzeptabel, dass der Senat die Verwaltung aus diesen wachsenden Stadtteilen abzieht.“
Olaf Ohlsen (CDU), Bürgerschaftsabgeordneter aus Eidelstedt

„Wer in der Nähe vom Friedhof Stellingen wohnt, der hat es nun sechs Kilometer weit bis zum Kundenzentrum am Grindelberg. Das ist gerade für ältere Hamburger ein zusätzliches Handicap.“
Klaus Wicher, Landesvorsitzender des Sozialverbands in Hamburg

„Durch die Schließung des Kundenzentrums raubt man den Stellinger Bürgern und Bürgerinnen ein Stück Identität.“
Astrid Dahaba (Die Linke), Abgeordnete in der Bezirksversammlung Eimsbüttel
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