Schlafplatz mit Elbblick

Unter der Brücke zu schlafen, ist für Bartzi, Schnalle, Borsti und Schaf (v.l.) eine Frage der Lebenseinstellung. Foto: pa
 
Liebe unter der Kersten-Miles-Brücke – Anna, Bartzi und Hund Paco haben sich letzte Nacht gegenseitig gewärmt. Foto: pa

Mit einem Zaun sollten sie vertrieben werden, dagegen gab es großen Widerstand. Jetzt sind die Zäune weg. Bereits im Dezember 2009 besuchte elbe Wochenblatt-Mitarbeiter Jan Paulo die Punks von der Kersten-Miles-Brücke.

Befugter dauerhafter Aufenthalt Hier beginnt die Privatsphäre“ steht auf dem mit Stift und Aufkleber veränderten Schild unter der Kersten-Miles-Brücke an den Landungsbrücken. Auf der Ostseite übernachten seit einiger Zeit Bartzi, Schnalle, Schaf, Gabba, Anna, wie sie sich nennen, und eine wechselnde Anzahl weiterer Punks. „Das mit der Privatsphäre ist nicht so ernst gemeint, hier kann jeder durch und uns auch ansprechen“, betont Schaf.
Wer sie fragt, warum sie im Winter unter der Brücke schlafen, erfährt dass es nicht der Teufelskreis aus Jobverlust, Alkoholismus, Bildungsnotstand und Ausgrenzung war, der die jungen Leute in die Obdachlosigkeit getrieben hat. Für sie bedeutet es eine Lebenseinstellung, bedeutet ein Gefühl von Freiheit, gemeinsam in Schlafsäcken unter einer Brücke zu schlafen.
„Ich habe meine Wohnung und meine Arbeit als Kraftfahrerin ganz bewusst aufgegeben, weil ich so nicht mehr leben wollte, denn ich hasse die Konsumgesellschaft“, erzählt Anna. „Bereut habe ich es nicht eine Minute, die Freundschaften, dir ich hier gefunden habe, und der Zusammenhalt sind einmalig.“
Geld vom Staat möchte sie nicht haben, da ist sie sich übrigens mit den anderen Punks von der Kersten-Miles-Brücke einig: „Arbeitslosengeld anzunehmen, wäre nicht fair, denn ich will ja gar nicht arbeiten“, sagt die 18-Jährige. Ihr Freund Bartzi ergänzt: „Da ist es doch viel besser, die Leute geben uns freiwillig etwas.“
Der 25-Jährige hat auf einem Internat bei Papenburg sein Abitur gemacht und lebt seit viereinhalb Jahren auf der Straße. „Mein Bruder ist Polizist, der hat mich einmal auf einer Demo verhaftet.“ Ab April hat Bartzi in Oldenburg einen Studienplatz in Pädagogik. Sein Berufsziel ist Streetworker. Ob er das Studium dort auch antritt oder sich um einen Platz in Hamburg bewirbt, weiß er allerdings noch nicht. Erstmal verbringen er und seine Freunde einen großen Teil ihrer Zeit mit „Schnorren“ an der Reeperbahn. Das Wort „Betteln“ mögen sie nicht so gern. „Klingt irgendwie scheiße“, meint Anna.
Vorher wird erst einmal der Platz unter der ehrwürdigen 112 Jahre alten Brücke aufgeräumt, Müll weggebracht, die Schlafsäcke gelüftet und (!) ausgiebig gefegt. „Ein bisschen Ordnung gehört schon dazu, schließlich wohnen wir hier“, findet Schaf. Zur Belohnung teilt er sich mit Borsti ein Frühstücksbier. „Ein Problem mit Alkohol hat wohl jeder, der auf der Straße lebt“, sagt Bartzi. Andere Drogen seien hier jedoch tabu. „Man muss aufpassen, dass man nicht abrutscht“, erklärt er und packt seine Sachen fürs Duschen im Café mit Herz.
Weihnachten wollen die meisten wohl bei ihren Eltern verbringen. „Begeistert sind die natürlich ganz und gar nicht von meinem Lebenstil, aber letztlich akzeptieren sie es, weil ja jeder nach seinen Vorstellungen glücklich werden soll“, erzählt Gabba. Der 19-jährige gelernte Zerspanungsmechaniker ist aus einer betreuten Wohngruppe rausgeflogen. Über die Straßen von Berlin, Köln und Frankfurt führte ihn sein Weg vor einem Vierteljahr an die Hamburger Landungsbrücken.
Ihr ganzes Leben wollen er und seine Freunde aber nicht auf der Straße verbringen. „Irgendwann möchte man ja auch eine Familie gründen“, sagt Bartzi. Für Schaf und Gabba ist es am wichtigsten, dass alle zusammen bleiben. „Wenn die anderen mit einziehen, würde ich mich auch über eine warme Wohnung freuen“ so Schaf.
Doch damit rechnen die Freunde vorerst nicht. Also richten sie ihren Schlafplatz mit Elbblick langsam für den Winter ein. Wer noch alte Decken, Matratzen, warme Kleidung, Stiefel oder ähnliches übrig hat, kann ihnen damit eine große Freude machen. „Einfach vorbeibringen“, bittet Anna – zur Ostseite der Kersten-Miles-Brücke.
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1 Kommentar
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Angela Banerjee aus Altona | 14.10.2011 | 23:08  
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